Freitag vormittags krochen die Minuten nur langsam dahin, die Reiselust hingegen brannte mir wieder unter den Nägeln, sodass ich vor Spannung fast platzte, als sich gegen 12 auch noch herausstellte, dass wir die Vorlesung über Pfortaderbluthochdruck auch schon einmal genießen durften. Bis wir uns endlich dazu durchgerungen haben, diese kleine Tatsache zu erwähnen. Dankeswerterweise, da Freitag Nachmittag und kurz vor erster Advent, durften wir dann als schon um kurz nach eins gehen. Flux zum Bahnhof, an dem ich dann Alessandro, der aus Warschau kam, aufgabelte, und wir gemeinsam in den Zug nach Sopot stiegen. Dort wollten wir uns mit Michal treffen, jenem Mann, den ich auf dem Weg nach Kreisau kennenlernte, der es vorzieht, im Wald zu leben, und von dem ich den Getränkedosen-Spiritusbrenner kenne. Nach 7-stündiger Zugfahrt erreichten wir unser Ziel und Michal, auch eben erst aus der Wildnis zurückgekehrt, geleitete uns in seine Wohnung, in der wir unser Lager aufschlugen. Ich war ziemlich gespannt auf die kommende Zeit, kannte ich unseren Gastgeber ja lediglich von einer mehrstündigen Zugfahrt.
Noch am selben Abend hörte ich das Brausen der Ostsee, schmeckte die salzige Luft auf meinen Lippen und machte mir bewusst, dass das Wasser irrsinnig kalt und die Idee, ein Bad im Meer zu nehmen, durchaus die einer Verrückten ist. Abbringen ließ ich mich davon dennoch nicht, nur wartete ich auf eine schönere Szenerie.
Unsere –wieder einmal internationale- Gruppe war ein Glücksgriff möchte ich meinen. Unkompliziert kamen wir miteinander klar und führten bis spät in die Nacht eine Unterhaltung über unsere Weltanschauungen, Lebenskonzepte und Menschenerfahrungen. Ich genoss diese Tage sehr, weil sich sehr unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen zeigten: Michal, der eine eher dunkle Vergangenheit hat, aus der heraus sich sein jetziger Lebenswandel zumindest ansatzweise erklären lässt, sieht seine Mitmenschen sehr negativ und destruktiv (was jedoch im krassen Gegensatz zu unserer Begegnung steht, die er, wie er selbst auch sagte, als sehr fruchtbar und hilfreich empfunden hat). Insgesamt hat er für mich persönlich eine zu fatalistische Haltung angenommen, für ihn ist alles geschrieben und Veränderung durch uns selbst nicht möglich. Das hat mich ab und an zur Weißglut getrieben, muss ich gestehen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir es vermögen, Veränderung zu schaffen (Wie siehts eigentlich aus im Audimax), im besten Wissen und Gewissen.
Alessandro, ein Künstler aus Palermo, hat sehr bodenständige Ansichten und agiert auf Basis der Realität, die er erfährt, ohne große Gedankenkonstrukte aufzubauen. Das, was es direkt braucht, macht er. Beeindruckend, dass er vor 10 Jahren eine Organisation mitbegründet hat, die sich für die Rechte Homosexueller in Sizilien stark macht (sein Bruder ist schwul und hat darunter sehr gelitten) und inzwischen eine betrachtliche Größe und Akzeptanz angenommen hat.
Und eben noch ich, wobei ich mich und meine Gedanken selbst nicht charakterisieren kann.
Am Samstag war Strand-Tag angesagt und eine Wanderung durch wunderschöne Natur von Sopot nach Gdynia und von da aus mit der Stadtschnellbahn nach Gdansk (die drei Städte bilden sozusagen ein lineares Städtedreieck, das als Einheit gesehen wird). Mein Plan für dieses Wochenende war, in jedem Fall nach Leba zu düsen, da sich dort Europas letzte Wanderdüne befindet. Michals Augen fingen natürlich sofort Feuer, da er sich dort sehr zu Hause fühlt, und auch Alessandro ist für so etwas leicht zu begeistern. Deshalb also der Plan, relativ früh ins Bett zu gehen, um Sonntas gleich um 5 Uhr in den Zug steigen zu können. Wegen zu guter Gespräche wurde aus Teil eins des Plans nichts, wir schafften es aber dennoch, in der Früh aufzubrechen. Und mit Michals Wissen um die Gegend dort führte unser Weg nicht nach Leba, sondern nach Slupsk und Smoldzino, von wo aus wir dann eine ordentliche Wanderung durch einen Nationalpark machten. Ein wunderschöner Wald, der mich sehr an einen bestimmten Abschnitt des Jakobsweges in Spanien erinnerte, der sich langsam lichtet und dem Sand immer mehr Raum überlässt. Nach einiger Zeit dann wieder das Meer vor Augen, das uns diesmal nicht entkommen konnte: wir nahmen ein Bad, das allerdings vielmehr ein kurzes Eintauchen ins eiskalte Wasser war. (Da kommt mir gerade folgende Zeile aus G. Benns Gedicht „Schöne Jugend“ in den Sinn „[...] oh, wie die kleinen Schnauzen quietschten [...]“). Bei diesem blick aufs Meer grabe ich wieder meinen Traum aus, einmal längere Zeit auf einem Boot zu verbringen, so ganze ohne festen Boden unter den Füßen, der Kraft der See und des Windes ausgesetzt. Die vom Wind gegerbten Gesichter der Menschen, die zur See fahren, finde ich unglaublich schön. Ihr hartes Leben hat sich in ihren Zügen festgeschrieben, sie sind lesbar. Andererseits ist mir klar, dass das ein sehr egoistischer Wunsch ist, und seine Zeit womöglich passierte. Wenn ich einmal ein halbes Jahr auf See sein sollte, so hätte niemand sonst etwas davon außer mir. Und ich meine, dass längst die Zeit gekommen ist, in der ich zurückgebe. Womöglich durch die Kunst, die ich gerade erlerne. Ich habe schon so viel annehmen dürfen, dass es mir falsch erscheint, ein halbes Jahr nur für mein Ego zu leben.
Danach zogen wir uns in die „Wüste“ zurück und durch die Dünen windgeschützt aßen wir Brot und tranken heißen Tee. Es gibt für mich kaum besseres als einen Laib Brot, wenn man draußen unterwegs ist, wo man kaum anderen Menschen begegnet und schon etliche Kilometer per pedes zurückgelegt hat. Ein Naturspektakel auch, von unserer Düne aus den Regen im knapp 10 km entfernten Smoldzino zu sehen, zu sehen, wie sich die Wolkenfront uns nähert und wir langsam vereinnahmt werden vom englischen Regen, am Horizont ein schmaler Streifen Abendrot sichtbar. Wir beginnen den Heimweg als es bereits dämmert und ein recht voller Mond ab und an hinter den Wolken zum Vorschein kommt. Wildschweine kreuzen unseren Weg und Szymborska meine Gedanken:
Wörtchen
»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?« fragte sie mich und atmete erleichtert
auf. Es gibt jetzt so viele von diesen Ländern, dass es
am sichersten ist, über das Klima zu sprechen.
»Oh, ja«, möchte ich ihr entgegnen, »die Dichter
meines Landes schreiben in Handschuhn. Ich behaupte
nicht, sie zögen sie niemals aus; wenn der Mondschein
wärmt, dann schon. In ihren Strophen, vom lauten
Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt durch das
Heulen der Stürme, besingen sie das einfache Leben
der Seehundhirten. Die Klassiker wühlen mit Tinten-
zapfen in den festgetretenen Dünen. Der Rest, die
Dekadenten, beweint das Schicksal der kleinen Sterne
aus Schnee. Wer sich ertränken will, muß zum Beil
greifen, um eine Wake zu schlagen. So ist das, meine
Liebe.«
So möchte ich ihr antworten. Aber ich vergaß, was
Seehund auf französisch heißt. Ich bin mir auch des
Zapfens und der Wake nicht ganz sicher.
»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?«
»Pas du tout«, antwortete ich eisig.
[ich muss den Fluss des eigentlichen Themas gerade unterbrechen, mir kommt in den Sinn, ob dieses Gedicht nicht womöglich DAS Gedicht meiner Zeit hier ist: Bevor ich nach Polen aufgebrochen bin, habe ich es gelesen in einem Buch, das mir meine Mutter geschenkt hat. Im Oktober stolpterte ich wieder darüber, als Pani Ela mir Ihre „lyrische Annäherung an das Land und die Menschen [...]“ zukommen lassen hat und nun, in dieser Zufriedenheit, streift es wieder meine Gedanken]
In dieser wohligen Stimmung, wandern durch den dunklen Wald, Nieselregen, zwei Menschen, die ich mag, schweigend an meiner Seite, ein schönes Gedicht auf meinen Lippen, den Rucksack auf meinen Schultern, die Anker meiner Heimat in mir, erfahre ich, dass ich Weihnachten in Polen verbringen darf. Und der Mondschein wärmt noch mehr.
Nach einiger Wanderei wieder zurück in Smoldzino, mit dem Bus nach Slupsk und anschließend ein Zug nach Hause. Michal steigt in Sopot aus, während Alessandro und ich die ganze Nacht hindurch Richtung Warschau fahren. In Warschau Ost heißt es dann für mich umsteigen nach Lodz und Alessandro ist wenige Minuten später in Warschau centralna zu Hause. Ich bin so müde, dass mich in Lodz fabryczna eine nette Frau aufweckt und mir mitteilt, dass wir die Endhaltestelle erreicht hätten. Es ist 7.20 Uhr, Montag morgen. Um acht muss ich im Krankenhaus sein und dem Alltag Einzug gewähren. An diesem Tag bin ich so müde, dass es mir weh tut, die Augen offen zu halten. Aber tief zufrieden, denn so eine Zeit wandernd in unsagbar schöner Umgebung zusammen mit Menschen, die neue Sichtweisen für mich offenbaren, tut gut.
Marlena, meine Zimmernachbarin, hat Grippe und kuriert sie mit Knoblauch. Ich glaube nicht, dass ich mich anstecken werde, immerhin habe ich die Ostsee in mir...
Wieder ein sehr langer Eintrag geworden, was? Nun, wer es bis zum Ende geschafft hat, sei herzlichst gegrüßt!
-chrissi