Donnerstag, 21. Januar 2010
ich seh's ja ein...
Sonntag, 17. Januar 2010
Warszawa-Lwow a dalej
ein Haus, ein Stall, des Lebens nur“
Die Sprüchlein kam mir heute Vormittag in mein Hirn, als ich mit Ana auf dem Tasu war und wir an den Resten der immer weiter in sich zusammenfallenden Hütte dort oben standen. Und nun sitze ich am Schreibtisch im Büro und versuche, diese Erinnerungsstütze über meine letzten Tage zu schreiben. WARSZAWA-LWOW a dalej.
Auf dem Programm stand die lang ersehnte Reise nach Lwow, mit Rückfahrt über Rumänien. Wenn man schon mal unterwegs ist... Eine Reise, vor der ich richtiges Lampenfieber verspürte. JB wird ein Stück, bis nach Lemberg, mit mir mitreisen, dann muss er aber zurück an den Schreibtisch zum ordentlichen Studieren.
Für mich persönlich sollte die Reise eigentlich „Lodz-Lwow a dalej“ heißen, da ich natürlich schon in Lotsch zum ersten Mal meinen Arm austreckte, mit meinem Ziel „Kirsch-Hotel“ in Warschau. Ich begann kurz vor einem wunderbaren Sonnenuntergang vor den Türen meiner Stadt. Jeah, on the road, in the free again. Dr erste Stopp mit einem “Kollegen”, einem GP, der an meiner Uni auch doziert und mir viel über Ausländerfeindlichkeit v.a. gegen Muslime in Lodz erzählt hat, so viel, dass einem fast schlecht werden kann davon. Der zweite Stopp dann ein LKW! Da kam der Kindheitstraum noch einmal kurz auf, Lasterfahrerin werden zu wollen, weil man von der Fahrerkabine aus einen so wunderbaren Blick auf die Straße und die Umgebung hat. Adam, mein Fahrer, war ein recht charmanter und witziger mittel-junger Kerl. Und er brachte mich direkt bis in die Kirschenstrasse, wo das Franzosen-Hotel ist. Chloe, eine Freundin von Charlotte, war auch noch immer da, eine sehr offene, nette, unkomplizierte Frau. Mit ihr zusammen bin ich dann in die Stadt getiegert, ins HardRockCafe, wo wir ChaCha, Oya, Gökcen, Cemil, JB... getroffen haben. Das Konzert war eher mäßig, aber schön, die ganzen Leute noch mal zu sehen. Nachts dann koppelten JB und ich uns noch mal kurz rück ob unseres Reisevorhabens: Wir verlieren zu viel Zeit, wenn wir tatsächlich versuchen, auf einem Schiff nach Lublin zu hitchhiken, auch wenn wir das gerne machen würden. JB hat nur bis Sonntag Zeit, d.h., nach Lwow muss er wieder heim (Tag des Aufbruchs aus Warschau ist Mittwoch). Okay. Kurz noch schlafen und dann geht’s auch schon los.
Wie immer war es durchaus schwierig, die Großstadt zu verlassen und wir merkten, dass es deutlich kalt (-5°) war. Aber mit ner guten Portion Spaß trotzten wir der Kälte. Es lud uns dann ein Lieferwagenfahrer ein, der gar nicht gesprächig, dafür aber sau freundlich war. Per Funk gab er durch, dass er zwei Passagiere geladen hat, die gerne bis nach Lublin gelangen möchten, ob uns jemand aufgabeln könnte. Voll lieb. Das tat dann auch jemand, und somit waren wir schwupps schon in Lublin!
Eine beeindruckende Stadt, die wir dann auf eigenen Faust ein wenig erkundeten. JB kaufte sich eine Mundharmonika (wir beide wollten uns unterwegs ein Musikinstrument zulegen, aber Mundharmonika sagte mir nicht ganz zu, ich wollte etwas besonderes – wenn ich es träfe, würde ich es schon merken, dachte ich mir) und danach kontaktierten wir unsere Couchsurferin Magda. Ihre WG gefiel uns auf Anhieb, 7 Leute, die auf recht engem Raum miteinander leben, der Geist ein wenig anarchistisch, aber allesamt sehr aufgeschlossen und exzellenter Musikgeschmack. Magda ist im letzen Sommer im Übrigen von Lublin aus nach Westfrankreich getrampt und war u.a. auch in Lille, der Stadt, in der JB studiert (und die sonst keiner kennt ;-) ). Witzige Sache: In Frankreich ist Magda relativ konsequent TGV gefahren, ohne Ticket, und hat auch jedes Mal eine Strafe in Höhe von 200 € ausgestellt bekommen. Hat sie herzlich wenig gejuckt, da sie wusste, dass Schwarzfahrerei nicht bis nach Polen verfolgt wird. Praktisch praktisch, sag ich da mal, und irgendwie mutig. Das würde ich mich glaub ich nicht trauen. Mit dabei wohnen auch noch Jauhen und Tania, beide aus Weißrussland stammend, die im Exil Polen studieren, da ihnen zu Hause der Zugang zur Universität verwehrt wird, weil sie an einer politischen Demonstration für Demokratie teilgenommen haben. Wahnsinn, so schnell gelange ich an die Grenzen meiner Welt. Zwei Länder ostwärts, eine kleine Verschiebung der Zeitzone et voilá, schon ist so manches anders, was ich daheim als ziemlich selbstverständlich annehme. Wir in „unserem Europa“ leben schon im Paradies – was natürlich nicht heißt, dass wir nicht auch in unserer Welt einiges verändern und nach bestem Wissen und Gewissen verbessern könnten. Es lebe der unbändige Idealismus in meinem Köpfelein ;-).
Nach einer recht kurzen Nacht und meinem neuen Lieblingsbier -Perla- machen wir uns dann in der Früh auf die Socken, um noch am selben Tag Lwow zu erreichen. Magda warnte uns schon, dass auf er von uns auserkorenen Strecke nicht so wahnsinnig viele Autos unterwegs sein werden, aber es wäre schon durchaus möglich. Richtung Osten verlassen wir also diese Perle Polens und unser Weg rauswärts führt uns direkt an der Erinnerungsstätte des KZ Majdanek vorbei, einem Lager, das für kurze Zeit auch Vernichtungslager war. JB befand sich zum ersten Mal an solch einer Gedenkstätte, er hatte sich, wie er selbst meinte, bisher immer davor gedrückt. Und so wirkte Majdanek auf ihn, so wie es auch auf mich wirkte. Obwohl wir uns keine Ausstellung o.Ä. ansahen, sondern lediglich das Gelände durchstreiften und uns von dem riesigen Denkmalstein erschlagen fühlen ließen stellte sich bei mir wieder einmal das Gefühl der Leere ein, nichts in mir, kein Wort, kein Gefühl, kein Gedanke. Hello darkness, my old friend, i’ve come to talk to you again. So ging es auch JB. Und nach geraumer Zeit auf dem Weg – wir beschlossen, erst noch ein Stück an der Straße zu laufen, bevor wir autostoppen wollten, begann sehr zart aber beharrlich ein laienhaftes Gespräch über die Psyche der Menschen und ihre Abartigkeiten. Und von dort schweiften wir zu einem Gebiet, auf dem JB tatsächlich fit ist, die Staatsphilosophie. Herrlich, mit ihm darüber zu quatschen. Er hat in seinem cours preparatoir in Frankreich Philosophie gepaukt und macht nun international relations, insofern hatte ich in ihm einen in meinen Augen kompetenten Gesprächspartner und er in mir immerhin jemanden, mit dem er reden konnte ;-). Und so langsam konnten wir den Dämonen des Lagers verpacken und unseren Reisegeist aus der Lampe hervorkriechen lassen. Während der Warterei auf ein Auto und noch dazu eines, das uns auch noch mitnehmen würde, kam dann auch die Mundharmonika zum Vorschein und nur die Bäume an der Straße sind Zeugen unserer Virtuosität. Die Stopperei ging eher schleppend vor sich, hier mal 5 km, dort mal 13, dann wieder lange Pause... Ein Hüngerchen kam auf und wir gingen jagen in einem kleinen Geschäft, Semmeln mit Streichkäse sollten es werden. Nur hatten wir, wie wir feststellten, kein Messer bei uns. Also flux ins benachbarte Baugeschäft, wo wir dann eine wie für uns gemachte kleine Spachtel fanden. Ohne, dass ich es wusste, ging damit ein Traum von mir in Erfüllung: Semmeln mit Spachtel schmieren, jeah, das ist so wild. Im nächsten Örtchen dann ergab sich schon ein wunderbares Ereignis: dort war ein Laden, in dem ein Mann alte Musikinstrumente repariert. Aus Lust und Laune gingen wir hinein und ich fragte den Mann, der konzentriert an einer kleinen Ziehharmonika arbeitete, ob er denn ein kleines, feines Instrument hätte, das sich gut für die Reise eignete. Ob ich an etwas Spezielles dächte? Nein, ich kann eigentlich eh nix wirklich spielen, insofern überlasse ich die Wahl ganz ihm. Er kramte ein wenig in einem Regal umher und wendete sich uns mit einem schwarzen Kästlein unterm Arm wieder uns zu. Woher wir denn stammten wollte er wissen. Deutschland und Frankreich, so erklärte er uns dann, hätten in den Vorstellungen der erstrebenswerten Dinge eine ähnliche Auffassung wie Amerikaner, alles müsste größer, schneller, weiter... sein. Nicht so jedoch mit dem Schatz, den er nun hat: das sei russische Produktion und man legte dort Wert auf klein, kompakt, funktionabel. Und, tataaa, er öffnete das Kästchen und eine kleine Piccolo-Querflöte strahlte uns leicht oxidiert entgegen. Es folgten noch Erklärungen über die spezielle Klappentechnik, die auch anders als beispielsweise bei französischen Fabrikaten sei. Am Hals der Flöte entdeckte ich in kyrillischen Buchstaben „Stalingrad“ eingraviert. Wir plauderten noch so eineinhalb Stunden mit diesem Mann, über seine Arbeit, seine Ausbildung, die teilweise in Frankreich stattgefunden hatte (er sprach fließend Französisch), über die Mentalitäten, die er dort und auch in der Schweiz kennengelernt hatte. Kurzum, eine herrliche Begegnung. Am Ende wechselte das gute Stück (davon gehe ich aus) den Besitzer und seitdem ist Giselle meine Reisebegleitung. Diesen eher hässlichen Namen hat sie allerdings erst später, in Rumänien, von Ana erhalten. Und nun, auf nach Lwow! Dachten wir. Es war wirklich nicht einfach, die EU zu verlassen. Endlich in Zamosc, aber schnell weiter, wir wollen heute noch ukrainischen Boden unter den Füßen verspüren! Nächster Halt dann Tomaszow Lubielski, von dort noch 23km zur Grenze. Und kein Weiterkommen mehr. Mehrere Stunden standen wir in der Kälte, selbst im Dunkeln versuchten wir unser Glück. Und tatsächlich, es hielte Autos an, aber die fuhren allesamt nicht in die Ukraine. Das Zeichen hinter der Frage, wo wir denn übernachten werden, wurde immer größer, ebenso die Enttäuschung. Nochmals rauscht ein Auto an und – hält. In die Ukraine? Nein, leider nicht, aber bis zur Grenze kann ich euch bringen. – Weißt du denn, ob es da ne Übernachtungsmöglichkeit gibt? Wir wollen eher nicht draußen bleiben. – Nein, weiß ich nicht. Aber hier in der Stadt gibt es ein katholisches Internat, da kann man günstig übernachten. Soll ich euch dort hinbringen? – Ja, das wäre super! Gesagt, getan. Mieszko diskutierte mit großem Einsatz mit der Aufsicht, die uns erst abweisen wollte, da die Direktorin des Internats ihr Placet geben müsse, diese aber nicht zu erreichen sei. Aber irgendwie schaffte es dieser Schelm dann doch, die Damen zu überzeugen, dass wir dort bleiben durften. Vielen Dank, Mieszko! Wieder eine Begegnung, die mich fast platzen lässt vor Freude. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, immer und immer wieder solche Menschen zu treffen. So hilfsbereit, offenherzig, verständnisvoll, nett, interessant... Gigantisch. Und in dem Internat dann waren wir wohl DIE Atracktion des Abends. Katholisches Internat, klar, der Mädchen- und Jungenflur ist strikt getrennt. Aber JB und ich durften in einem Zimmer übernachten. Sie hatten sogar die Betten für uns zusammengeschoben, sie dachten wohl, wir wären als Pärchen unterwegs. Witzig. Wir beschlossen, noch vor dem Abendessen, zu dem wir herzlich eingeladen worden waren, eine heiße Dusche zu nehmen, da wir tagsüber doch ordentlich gefroren hatten. Die Berichterstattung im Zimmer dann war echt witzig: die Mädels bei mir wirkten wirklich katholisch brav, sie befolgten die Regeln, von denen wir zuvor gehört hatten: kein Alkohol, kein Rauchen, keine Geschlechter-übergreifenden Begegnungen auf den Zimmern. Die Jungs hingegen müssen im Waschraum ganz schön gehaust haben: Ein paar Fliesen aus der Wand geschlagen, und dahinter verstauten sie Alkohol, Zigaretten, alles, was das jugendliche Herz scheinbar begehrt. Interessanter Einblick in das Leben der Internats-Kinder. Nach dem Abendessen dann wurden wir gefragt, ob wir es denn für möglich hielten, bei der abendlichen Vollversammlung etwas über uns zu erzählen, wer wir sind, was wir machen, warum wir gerade hier sind. Hallo Zoo, von Innen. Wir schlugen diese Bitte natürlich nicht ab, fühlten uns aber nicht sonderlich wohl dabei. Als wir dann in den Saal kamen, waren die Jugendlichen gerade dabei, Pantomime zu spielen. Ein Begriff, der auf einem Zettel stand, musste ohne Worte dargestellt werden. Und wir machten mit. Und logo, wir hatten großes Interesse daran, dass dieses Spiel bis zur Bettruhe um 22 Uhr gespielt wurde. Und wir hatten Erfolg.
Am nächsten Morgen dann mit neuem Elan auf nach Lwow! Aber es war immer noch schwierig. In Polen war Feiertag, in der Ukraine beging man die orthodoxen Weihnachten. Ein Graus. Sollte unsere Reise womöglich hier enden? Wir gingen zum Busbahnhof, um zu fragen, wann denn der nächste Bus nach Lwow fahren würde, Vor Montag gar nicht mehr, wisst ihr, hier ist Feiertag und in der Ukraine ist Weihna... ja, wir wissen. Shit. Montag, da muss JB schon wieder an seinen Büchern sitzen. Entweder wir kommen heute, Freitag, relativ Zeitnah nach Lemberg oder gar nicht mehr. Und so versuchten wir wieder zu trampen. Wieder zentimeterweise, so schien uns. Und dann waren wir auf einmal da, an der Grenze, direkt am Schlagbaum. Nur, diese Grenze dort kann man nur überqueren, wenn man sich IN einem Fahrzeug befindet, zu Fuss is nich. Wir lachten uns vor Verzweiflung halb kaputt, weil wir es selbst für unmöglich hileten, direkt am Schlagbaum aufgegabelt zu werden. Ein kleiner Plausch mit der Grenzbeamtin, die uns bedauerte, sie könne uns nur im Fahrzeug passieren lassen. Herrlich. Es kamen eh nur sau wenig Fahrzeuge. LKWs, vor denen wir solche Angst hatten, weil sie so schnell waren, dass wir in den Straßengraben sprangen, als sie sich uns näherten. Wir sangen Lieder, das ist wohl als Übersprungshandlung zu deuten, wir glaubten nämlich auch nicht daran, dass uns irgendjemand zurück nach Tomaszow nehmen würde, war ja niemand da, der die Grenze überquerte... Und dann, ein roter VW Bus, der womöglich auf Grund des Tanzes, den wir aufführten, als wir ihn sahen, anhielt. Hei, könnt ihr uns nur über die Grenze mitnehmen? Zu Fuß können wir da nicht rüber. – Schmuggelt ihr auch nix? – Nein, wir haben nur uns, ein Brot und Schlafsäcke. – Ok, dann steigt ein! YES! Ukraine, wir sehen dich nicht nur, wir werden dich bald betreten! Die Grenze von ungewohnter Art für mich seit Schengen. Richtige Kontrolle mit bewaffneten Beamten und so. Die waren auch noch recht unfreundlich, schien mir. Ein Formular musste ausgefüllt werden, Passnummer-Angabe, Grund der Einreise, Aufenthaltsort... ups, so wirklich wussten wir das nicht, wir wollten halt einreisen und dann kucken, wo wir blieben. Zum Glück hatte ich für alle Fälle die Adresse eines Hostels in Lwow aufgeschrieben, die wir dann angaben. Und wenn sie eine Buchungsbestätigung wollten? Tja. Dann rief der Grenzbeamter uns zu sich. Bibber bibber. Dieses Formular bot uns drei Sprachen an: Ukrainisch, Russisch und Englisch. Da letzteres die einzige Sprache war, der wir mächtig sind, beantworteten wir sie Fragen auch auf Englisch. Der Grenzbeamter konnte das wohl scheinbar nicht, und meine Angst legte sich schnell, als mit klar war, dass ich dem Mann einfach nur noch einmal sagen sollte, was ich zuvor auf den Zettel geschrieben hatte. Alles gut. Kuhl auch, JB zu sehen, der zuvor eh noch nicht so viel gereist war, geschweige denn, einen solchen Grenzübertritt miterlebt zu haben. Er raunte mir nur die ganze Zeit zu, dass er nervöser ist als vor einem Auftritt mit seiner Band. Wie schön, das so mitzuerleben. Und dann kamen die Pässe zurück, schön mit Einreisestempeln versehen. Stolz wie Oskar waren wir. Wir hatten es geschafft, hitchhiken in die Ukraine. Und die beiden Männer im Auto boten uns an, nachdem sie nun wussten, dass wir nach Lemberg wollten, dass sie uns bis dahin mitnehmen könnten, sie müssten da eh hin. Und am Sonntag fahren sie wieder zurück nach Polen, falls wir mitwollten. Tataaa und JB hatte eine Rückfahrmöglichkeit. Herrlich.
Die Ukraine präsentierte sich uns mit unglaublicher Leere. Einfach Niemandsland und nichts zu sehen weit und breit außer Schnee, Schnee und Schnee. Wie wild. Ab und an ein Straßenschild, das ich nicht lesen konnte: kyrillisch. DAS ist die Fremde. Mein Entschluss war gefasst, ich werde hier nicht allein hitchhiken, ich kann ja nicht mal nachvollziehen, ob wir in die richtige Richtung fahren. Nene, das ist mir ein zu heißen Eisen alleine. Wirklich, ich war auf dieser Reise so nervös wie schon lange nicht mehr. Und dann kamen wir an, in Lviv. Wir spazierten einmal quer durch die ganze Stadt, um tatsächlich zu dem Hostel zu gelangen, dass ich zuvor schon einmal erwähnt hatte. Und schon hatte die Stadt unsere Herzen erobert. Vielleicht lag es daran, dass wir alles bestaunen konnten, einfach deshalb, weil es uns recht lange dauerte, bis wir entziffern konnten, was auf den Schildern geschrieben stand. Wir freuten uns wir Erstklässler, wenn wir „Chleb“ oder „Poczta“ enträtselten. Und dann war ja Weihnachten. Anders als bei uns: So viele Menschen waren auf der Straße unterwegs, als Könige, Dämonen, Engel, Tiere verkleidete Jugendliche sangen Weihnachtslieder auf der Straße (die waren den polnischen Kolede sehr ähnlich) und sammelten Geld. Auch was spannendes: Die Währung da ist so schwach, dass das Münzgeld nahezu wertfrei ist. Deshalb wird das Geld dann nicht in nem Hut oder so gesammelt, sondern in großen Jutesäcken, wo die Menschen die Geldscheine reinstecken. Witzig anzusehen, irgendwie. So viel los auf den Straßen. Obwohl es uns danach war, uns in dieses Getümmel zu stürzen, waren wir so vernünftig, erst einmal unser „zu Hause“ zu finden, um einen Schlafplatz zu sichern und unser Gepäck loszuwerden. Und das „old Ukrainian home“ war ein guter Stopp. Lockere Atmosphäre, nette Leute, was will man mehr. Es gab noch ein paar Empfehlungen, was es sich lohnt zu sehen in der Stadt und dann sind wir wieder raus. Am Weihnachtsmarkt wollten wir uns aufwärmen mit einem Honig-Wodka und wie das so ist, kamen wir mit einem alten Mann ins Gespräch, der uns unbedingt auf einen weiteren Schuss einladen wollte und uns erzählte, wie sehr er Polen mag. Ach ja, JB und ich hatten beschlossen, uns auf Polnisch zu unterhalten, um nicht ganz so westlich zu wirken. Ich schätze mal, dass uns unsere Akzente zwar eh hundert Meilen gegen den Wind verraten hatten, aber für unsere polnisch-Praxis war das gar nicht schlecht. Und es war faszinierend zu sehen, wie diese slawischen Sprachen ineinander übergreifen. Ukrainisch lesen ist zwar nicht so flott, weil wegen kyrillisch und so, die Worte hingegen sind dem Polnischen nicht unähnlich. Insofern sprachen wir immerzu Polnisch, die Menschen antworteten uns in einem Mix aus Ukrainisch und Polnisch und wir waren froh und auch ein bisschen stolz, wie gut wir doch die fremde Sprache, in der wir leben, meistern. Dann probierten wir noch eine Kneipe aus, die uns empfohlen worden war. Dort machen sie auf Sozialismus. Man muss an einer alten Holztür klopfen, nach einiger Zeit öffnet sich ein kleines Fenster in dieser Tür und man blickt in einen Gewehrlauf. Daraufhin muss man dann eine Losung sagen, woraufhin sich die Tür öffnet. Der als Soldat verkleidete Mann, der einem das Gewehr ins Gesicht gehalten hat, hält nun Wodka bereit, den man zu trinken hat, ohne die Miene zu verziehen. Tut man das, wird man wieder vor die Tür geschickt. Und dann kann man die Kneipe betreten, die insgesamt einen recht militärischen Stil aufweist. Für mich gabs Bier, für JB Wodka, und dazu gabs gebratene Schnweineschnauzen. Crazy. Leicht angeheitert suchten wir dann unseren Weg nach Hause, nicht, ohne zuvor natürlich nochmals einzukehren wo es uns lustig schien. Am nächsten Tag (es ist inzwischen Samstag) stand dann streunen durch die Stadt an, was wir auch reichlich taten. Auf einem Flohmarkt fanden wir eine Klarinette, die JB dann unbedingt haben wollte, weil sie doch authentischer ist als die Mundharmonika, und wir verhandelten tapfer mit dem Mann, der sie uns anbot. Und so fand nun Kryzka ihren Weg zu JB (JB hat sein Instrument Kryzka getauft, das ist die polnische Kurzform für Krystyna, als Dank, dass ich ihn zu dieser Reise aufgefordert hab). Die Stadt im Allgemeinen erscheint mir sehr kreativ und erlebenswert, überall interessante, zum-Staunen-bringende Figuren und Details an den Häuserfassaden. Was macht zum Beispiel ne sitzende Freiheitsstatue mit Fackel und Krone auf ’nem Gebäude in der Nähe des Hauptmarktes? Spannend auch die Wahlplakate zu verfolgen. Wir beiden mussten jedoch leider feststellen, dass die Wahlen in der Ukraine bisher nicht in unserem Bewusstsein waren. Am 17. Januar ist der Gang zur Urne, und so wie es aussieht, ist der orangenen Revolution schon vor Langem der Atem ausgegangen, der jetzige Präsident Juschtschenko ist verhasst bei den Bürgern. Und so vergingen die Stunden wie im Fluge und des Abends ward es dann Zeit für mich, mein Päcken zu schultern und zum Bahnhof aufzubrechen.
Mein Zug ging um halb zwölf nachts, Richtung Suceava, meine Anspannung stieg immer mehr. So viele Gerüchte hatte ich gehört zuvor: „Wenn jemand Geld von dir will, dann kannst du schon drüber verhandeln, aber nicht zu sehr, im Zweifelsfall zahlst du lieber! Es ist normal dass nicht nur ein Polizist Geld von dir haben will, sondern auch einer von der Armee und der Grenzbeamte dann sowieso. Und am Besten bezahlst du mit Dollar“. Toll, das kann ja heiter werden. Dollar hab ich eh nicht einstecken, Euros mal gerade 5. uiuiui. Ich war so nervös, dass ich anfangs gar nicht schlafen konnte auf meiner Pritsche. Irgendwann aber übermannte mich die Müdigkeit und ich fuhr gen Rumänien, ohne es zu merken. In der Früh dann ein Erlebnis, dass mich staunen ließ: zwei Medizinstudenten aus Bukarest, jedoch ukrainischer Nationalität, zählten all ihr Geld, das sie bei sich hatten und diskutierten, wie viel sie wohl dem „Betreuer“ unseres Wagons geben sollten, damit sie keine Probleme bekämen. Ich verstand, worum es ging, weil sie sich auf Rumänisch unterhalten haben. Am Ende entschieden sie sich für 200 RON, das sind rund 50 €, die der Mann dann in ein Päckchen Zigaretten steckte, das er dem „Betreuer“ gab. Aha. Und wieder einmal Augenzeuge von Bestechung. Holladiro. Gegen 9 Uhr in der Früh dann die erste Grenzkontrolle. So ganz hab ich den Beamten nicht verstanden, er mich wohl auch nicht. Aber er wird nichts groß anderes gefragt haben, ob ich was zu verzollen hätte. Einen 1 Liter Wodka hatte ich einstecken, aber das darf man ja. Dann kam ein rumänischer Grenzbeamte, der wissen wollte, wo wir hinfahren und was wir dabei hätten. Er trug einen Mundschutz. Nach ihm kam eine Krankenschwester, ebenfalls mit Mundschutz, die Formulare wahlweise in Russisch, Ukrainisch oder Rumänisch an uns verteilte, wo wir Aussagen zu unserem Gesundheitszustand machen mussten. Haben Sie Fieber, Husten, verspüren Sie Unwohlsein? Waren Sie in den letzen Tagen in Kontakt mit Menschen, die Fieber, Husten, Unwohlsein hatten? Wo reisen Sie hin? Ah, Schweinegrippe lässt grüßen.
Und dann, finally, bin ich in Rumänien. In Suceava steige ich aus und versuche mühsam, mich ein bisschen durchzufragen zum Busbahnhof. Schrecklich, wieder bin ich stumm. Ich verstehe die Menschen ziemlich gut, aber ich kann nicht sprechen, weil mir nur Polnisch im Kopf rumgeistert. In der Stadt selbst war ich ein wenig schockiert ob des Zustandes der Stadt. Klar, ich befinde mich in der ärmsten Region Rumäniens, in Moldawien, aber dennoch war ich überrascht. Ich glaube, die Krise schlägt wirklich wild um sch in diesem Land und macht den Menschen das Atmen schwer. Mit einem Microbus fahre ich nach Vatra Dornei und von dort aus wieder hitchhikend nach Piatra Fintinele. Fröhlich wandere ich ne knappe Stunde auf der Straße. Rumänien ist einfach anders. Anders als Polen, anders als der Westen. Rumänien ist Rumänien, nach wie vor. Und klar, es mag sich rasend schnell entwickeln in den Städten. Aber hier auf dem Land wird sich so manch Einer fragen, ob er wirklich in der EU ist. Expect the unexpectable. An jedem Kreuz, das am Weg aufgestellt ist, bekreuzigen sich einige Menschen mehrfach, oder wenn sie an einer Kirche vorbeikommen. Selbst die Lenker der Pferdewägen, die mehr oder weniger angetrunken auf ihrem Heu liegen, heben die Hand, um ein Kreuz zu schlagen. Roma-Kinder laufen überall bettelnd umher.
Es sind nicht sonderlich viele Autos unterwegs. Dann aber hält eins an und nimmt mich mit. Ein Mountain-Ranger aus dem Calimani-Nationalpark. Mit ihm spreche ich Französisch, er erzählt mir begeistert über seinen Park. Und dann bin ich da: all die vertrauten Strukturen in Finit, greifbar nahe. Das Banner „Camere de inchiriat“ (Zimmer zu vermieten) hängt noch immer an dem Haus, an dem der Abzweig von der Hauptstraße nach Ciosa geht, der Abzweig, den auch ich nehme, um zum Tasu zu gelangen. Es ist Sonnenuntergangszeit. Ich bin erschlagen von der Schönheit und von dem Gefühl des Nach-Hause-Kommens. Ich weiß gar nicht, was ich machen will. Klar, ich laufe los. Ich atme schnell und tief, bis mir ein bisschen schwindelig wird. Ich will jauchzen vor Freude. Ich mache auf meinem MP3-Player das Braveheart-Lied an und die bagpipe-music, die an Sylvester immer gelaufen ist dort oben. Aber dann will ich hören, was sich um mich rum tut. Nichts, Stille, nur das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen. So vertraut. Hunde bellen, beißen nicht. Stille. Ich betrete das Gelände und laufe schnurstracks zu Eftis Hütte. Ich klopfe, ein wohlbekanntes „daaa“ ertönt und, nachdem ich meinen Kopf zur Tür hineingestreckt hatte, ein Redeschwall der Freude. Ich würde gerne antworten, kriege aber außer ein paar Brocken Polnisch nichts raus, deshalb lasse ich es bleiben. Nach einiger Zeit lacht Efti liebevoll über mich und meint, dass ich jetzt nur noch Russisch spreche, weil ich anstelle von „da“ oder „nu“ eigentlich ständig „tak“ und „nie“ rauswurschtle. Eieiei. Good to be back. Danach mache ich mich auf Richtung Werkstatt, Ana und Tibi sind dort unten. Mit dem Öffnen der Tür späht Ana aus dem Büro heraus und ihr Telefon klingelt mit Efti am anderen Ende, die ihr mitteilt, dass ich auf dem Weg zu ihr bin. Schon da. Ein schönes Wiedersehen. Krass, ich glaube, ich bin ganz schön emotional grade. Wenn ich bedenke, dass diese kurze Zeit gerade recht viel Platz in meinem Geschreibsel einnimmt. Aber das ist schon richtig so. Es war sehr emotional für mich. Und es fühlte sich gut an. Nach einer heißen Dusche und einem kurzen Blick in das für mich neue Büro und die Wohnung dort gehen wir in den Saal, trinken Tee, hören Van, quatschen und tratschen. Tibi kennenlernen, der auch sehr gut deutsch spricht. Und dann schlafen. Ich bin so müde nach dieser Reiseetappe. Und ich kann kaum warten, mich am nächsten Morgen umzusehen. In den zwei Jahren, in denen ich nicht da war, hat sich viel getan. Das Sanitärgebäude steht. Eine neue Heizanlage, ein Stromaggregat fest installiert worden. Anas Zimmer hat nun auch ein wirkliches Bett und ein Bücherregal, voll mit tollen Büchern. Es beginnt zu schneien. Ach, vieles erlebt in Fintinele, wenngleich ich auch nur kurz da war. So gut. Am Mittwoch Mittag sind Ana und ich nach Cluj aufgebrochen, um Paul zu treffen und Ana für ’nen Mädelsabend mit Freundinnen aus ihrem Studium. Und in der Nacht um 2 ging es dann mit dem Zug für mich weiter nach Miskolc in Ungarn (Lieben Dank noch mal für das Geburtstagsgeschenk, Ana), wo ich nach ein paar Mal umsteigen auch ankam in der Früh um acht. Den ganzen Tag Zeit, um in die Slowakei zu hitchen! Ich hatte schon großen Respekt davor, dieweil ich Ungarisch ja gar nicht kann, außer „Prost“ und „Danke“ hab ich nichts zu bieten. Und das Lesen / Aussprechen / Merken von Ortsnamen ist auch nicht die einfachste Übung. Deswegen hab ich dann den Autos, die gehalten haben, immer nur „Slowakia“ gesagt, wobei die meisten aber nicht dorthin gefahren sind. Wieder gestaltet sich meine Reise stückchenweise und vor allem auch ein bisschen in eine andere Richtung als ich vorhatte. Also, es wurde ein anderer Grenzübergang angesteuert. Somit führte mich mein Weg jedoch durch die hügelige Weinlandschaft Ungarns und ich bin inzwischen davon überzeugt, dass Ungarn nicht nur flach, sondern wirklich ein schönes Land ist, dass eben auch Hügel zu bieten hat dort oben. Nach gut 100 km und 5 Fahrern kam ich dann in Satoraljauhely an und zu Fuß an einer freien Grenze ohne alles (außer den Schildern, die mich darauf aufmerksam machen, dass ich einen anderen Staat betrete), überschritt ich den Rubicon (natürlich nicht, aber ich weiß nicht mehr, wie der Fluß dort hieß...) und befand mich im Handumdrehen in Slovenskie Nove Mesto. Das erste Land seit langem für mich, in dem ich mit Euro bezahlen konnte. Auch verrückt. Von dem Euro-Geld, das ich einstecken hatte, kaufte ich mir drei Karotten, weil ich tierisch Lust auf drei Karotten hatte. Oh, ich glaube, dieser letzte Satz ist einer der wichtigsten hier :-). Und auch hier konnte ich wieder Begeisterung ob der Sprache aufkommen lassen: ich Polnisch, die anderen Menschen Slowakisch, und man kann kommunizieren miteinander! Oh, wie sehr wünsche ich mir, wirklich Polnisch zu können, das wäre so herrlich!
Ich begann wieder, ein Stück Karotte-kauend die Straße entlang zu laufen, noch wollte ich nicht hitchhiken, sondern erst einmal slowakischen Boden unter meinen Füßen spüren, und wieder kam mir Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ in den Sinn. Warum? Ecce:
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: «Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.» - «Nun», sagte ich, «wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.» Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen [...]
Ich ging also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude [...] während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend [...]
Okay, es war nicht Frühling und nichts tröpfelte vom Dach, vielmehr war es saukalt, und auch mein Vater hat mich nicht rausgeschmissen, und die Geige war vielmehr Giselle, meine Flöte. Aber dennoch, es war mir wie ein ewiger Sonntag im Gemüte, und vielleicht bin ich ja auch ein Taugenichts, wer weiß das schon. Nach einiger Zeit dann begann ich aber doch mit der Hitchhikerei und ein paar Arbeiter nahmen mich nach gut eineinhalb Stunden wandern auf der Landstraße auch mit nach Trebisov. Von da aus dann noch nach Kosice und ich beschloss, dass ich diese schöne Reise jetzt beenden werde. Mir war kalt, ich war müde und hatte genug Abenteuer hinter mir. Deshalb erkundigte ich mich am Bahnschalter, wann denn ein Zug nach Polen fahren würde. Abends einsteigen, Mitternachts umsteigen, Frühs aussteigen. Klang akzeptabel. Der Ort, in dem ich umsteigen musste, war mir unbekannt. Dort wollte ich mir einen Kaffee aus nem Automaten holen und ärgerte mich tierisch, als ich sah, dass man dort nur mit Kronen bezahlen konnte. So ´ne Scheiße, haben die hier die Automaten noch nicht auf Euro umgestellt oder was. Oh man, Bahnhof halt. Und die Wachbeamten, die dort rumstreunten, haben mir verboten, in der Wartehalle zu schlafen, die Füße müssen auf dem Boden bleiben. Aha, na wenn’s euch glücklich macht, Leute zu schikanieren, dann schlaf ich halt auch meinem Rucksack mit den Füßen am Boden. In dieser grummel-müde-Laune verbrachte ich also drei Stunden in dem Bahnhof. Und erst bei meiner Abfahrt dämmerte mir, dass ich mich gar nicht mehr in der Slowakei, sondern schon in Tschechien befinde und ich deshalb meinen Kaffee in Kronen bezahlen sollte. Verrückte Wegführung. Nun, der nächste Zug brachte mich dann nach Krakau und eigentlich war ich der festen Überzeugung, noch einmal zu meiner Weihnachts-Familie, oder vielmehr Elas Mama, zu fahren, da wir kurz vor meiner Abfahrt damals noch gewitzelt hatten, dass sie gemeinsam mit mir nach Deutschland per Anhalter fahren würde. Somit wollte ich sie überraschen, wenn ich dann auf einmal vor der Tür stehe und frage, ob sie fertig gepackt hätte. Aber es gab nicht so wirklich eine fließende Zubverbindung nach Tarnow, mir war noch immer kalt und müde und so entschied ich mich, nicht noch einmal meine Zug-Sitz-zeit zu verlängern, sondern lieber direkt nach Hause zu fahren. Die letzte Strecke nach Lodz noch mal ewig lang, knapp 5 Stunden, und erst in der letzten Stunde, nach einem Toilettenbesuch, merkte ich, dass nicht alle Abteile des Zuges so kalt sind wie jenes, in dem ich mich die ganze Zeit über befand und schon anfing, polnische Züge zu verfluchen. Heissa hoppsassa. Wirklich, ich freute mich richtig, in meiner Wohnung anzukommen, wo die Heizung dahingehend nicht funktioniert, dass sie ständig heizt und es eigentlich viel zu warm darin ist! Die Aussicht auf frische Klamotten, eine heiße Dusche, was zu Essen (Nudeln und Zwiebel hatte ich noch, und einen Bergkäse aus Krakau). Und damit war sie vorbei, meine letzte Reise. Ich schätze, dass ich alles in allem doch gut die halbe Strecke per Anhalterin unterwegs war, was mich in meinem Positivismus den Menschen gegenüber durchaus wieder bestärkt hat. Zu Hause wartete auch ziemlich viel Post auf mich, die ich verschlungen habe. Schön, solch ein Heimkommen.
Sonntag, 3. Januar 2010
Wesolych swiat a szczesliwego nowego roku
Eine ziemlich schlichte Überschrift, unter der nun Einiges von dem, was ich die letzen 3 Wochen über erlebt habe, prangen wird. Es wurde nochmals spannend in Polen. Bevor ich Richtung Berge aufgebrochen bin, öffnete sich in mir die Tür Wehmut einen Spalt breit: aus langjähriger Erfahrung heraus war mir klar, dass die Feiertage schnell vergehen werden. Und dann ist Januar. Und damit ist dann auch schon koniec zabawy - Schluss mit lustig. Meine Zeit hier ist viel zu schnell vergangen, so scheint mir. Ich bin mir nicht einmal sicher, wohin ich all die vielen Eindrücke verstaut habe. Und ich packe noch immer ein in meinen Rucksack.
Nun also zunächst Aufbruch nach Zakopane. Einen Nachtzug wollte ich nehmen, um Samstag Früh im Wintersportparadies anzukommen und mit meinen couchsurfer-hosts in die Berge aufzubrechen. Einen heiden-Respekt hatte ich bei mir vor den kalten Temperaturen, -20 Grad klingt für mich nicht nach so super Reisewetter. Aber ich musste wieder raus, da ich mich hier in Lodz in der Wohnung wie in einem Käfig gefangen fühlte. Mein einziger Versuch des Ausbrechens daraus am Tag zuvor scheiterte: ich wollte mein Praxistraining innere Medizin besuchen, nachdem ich allerdings die einzige Studentin war, die dort auftauchte und die Station auch noch unter Quarantäne stand, weil 10 Patienten aus unbekannten Gründen verstorben waren (Schweingrippe konnte in keinem Fall nachgewiesen werden, man geht von Pilzinfektionen aus), beschloss der Dozent, mir die einzig verbleibende Vorlesung als Datenpaket mit nach Hause zu geben. No, to dobrze. Nachts um 3 musste ich umsteigen am Krakauer Bahnhof, der einem Gruselkabinett glich. Es ist wohl an keinem großstädtischen Bahnhof besser, aber hier lief mir ein Schauer den Rücken herunter: Obdachlose, Betrunkene und Betrogene suchten in dem Flur, von dem aus man zu den Gleisen geht, Schutz vor Kälte und Schnee. Ein Mann nutzte seine beiden Beinprothesen als Kopfkissen, zwischen zwei Gebäck-Wägen schlief ein Anderer unter den Nachrichten des letzen Tages, müde, traurige, träge Augen blickten mich an. Mein Anschlusszug hatte auch noch Verspätung, anstelle von 35 Minuten war ich dieser Szenerie dann mehr als 2 Stunden ausgesetzt. Glücklicherweise traf ich dort eine junge Norwegerin aus Tromsö, die ebenso wartete. Und gemeinsam ist man weniger allein, das tat uns beiden glaube ich ganz gut.
Im Zug nach Z teilte ich ein Abteil wieder einmal mit einem Mihal. Wieder einmal eine interessante Begegnung. Mihal ist nämlich taubstumm. Das verkomplizierte unsere Kommunikation noch weiter. Er musste mir von den Lippen ablesen, was ich in meinem falschen Polnisch von mir gebe und ich das ebenso von den Seinen. Aber ein bisschen was geht immer, heißt es so schön keine Ahnung wo. Spannende Sache, wie ich meine. Nach ein paar Minuten erholsamen Schlafes dann Ankunft in Z: strahlender Sonnenschein, klirrende Kälte. Mein Herz tanzt. Ich sehe Berge. Wilde Berge. Kantige Berge. Schroffe Felsen. Schnee. Ich kann mein Glück kaum fassen. Flux frage ich mich zur Straße meiner Hosts durch und tanze immer weiter: Ein junges Ehepaar, die in einem alten Haus im self-made-Stil leben. Tagtäglich zimmern und basteln sie etwas an ihrer Wohnung, die mit einem Kohle-Kachelofen beheizt wird. Ich mag ihre Art sofort, wie sie mit mir umgehen, wie sie miteinander umgehen. Strahlt eine wunderbare Ruhe und tiefes Vertrauen aus. Martin schnürt schon seine Bergstiefel und wir machen uns auf zum Morskie Oko, einem wunderschönen See unterhalb der höchsten Bergspitze der polnischen Tatra. Gut 2 Stunden wandern, bis wir dort ankommen. Wenn man sich bewegt, ist es gar nicht mehr kalt! Das erste Mal in meinem Draussen-Leben geschah es, dass meine Jacke von außen zugeeist war und meine Wimpern und Augenbrauen mit einem weißen Hauch bedeckt waren. Zwei Dekaden unter Null sagte das Thermometer an der Hütte. Dafür hab ich Fotos aus einer Perspektive, die man eben nur bei diesem Temperaturen schießen kann, von der Mitte des Sees aus J. Auf dem Rückweg lädt mich Martin ein, noch einen Tag länger in Zakopane zu bleiben – gerne nehme ich dieses Angebot an. Martin ist außerdem Bergführer in der Tatra, somit hat er mir etliches über diesen Karpatenzug erklären können. Müde und verschwitzt kommen wir zu Hause an. Wie gut es getan hat, sich mal wieder 5 Stunden lang draußen im Gelände zu bewegen! Unterwegs habe ich auch festgestellt, dass ich meine Telefon zum wiederholten Male verloren habe und war kurz davor mir in den Hintern zu beißen, weil ich scheinbar auch nix dazu lerne... Um richtig wütend auf mich zu sein, war ich allerdings zu müde und irgendwie hegte ich noch die Hoffnung, dass ich es am nächsten Tag in der Touristeninfo oder sonstewo wiederfinde. Aber so lange musste ich gar nicht warten: Martin erhielt auf seinem Telefon die Nachricht, dass jemand Christinas Telefon gefunden hätte, ob ich denn noch bei ihm sei. Ich rief dort zurück und war noch mitten in der Erklärung, wer ich sei und was ich wolle, als ich hörte: „Christina, stop explaining, it’s me, Gökcen. We found your phone. Hurry up, our train is leaving in 10 minutes.” Unglaublich. Bekannte von mir aus Warschau waren zum gleichen Zeitpunkt in Zakopane und haben mein Telefon gefunden. Und ich habe es wieder. Krass.
Den nächsten Tag nutzte ich, um durch die Stadt zu schlendern, den Bergkäse zu kosten und mir die Berge reinzuziehen. Tief in mir drin habe ich den Beschluss gefasst, hier nochmals bei gnädigeren Temeperaturen hinzukommen, um die Felsen zu beklettern und die Landschaft zu durchwandern. Sau schön dort. Es ward Abend, und es ward Morgen, nächster Tag.
Schon früh verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern und zog fröhlich mit einem Liedelein auf meinen Lippen los, um per Anhalter nach Myslenice zu kommen. Ging auch ziemlich schnell, mit 2 Autos kam ich dort an und traf wiederum eine couchsurferin, Aldona. Ein wahres Energiebündel. Sie unterrichtet Psychologie und Soziologie an der örtlichen Berufsschule und macht jeden Tag Sport. Am Tag meines Besuches stand Abends JuJutsu auf dem Programm, wohin sie mich mitnahm und ihren Trainer bat, mir ein paar Selbstverteidigungskniffe fürs hitchhiken beizubringen. Tagsüber gingen wir noch spazieren in den die Stadt umringenden Hügeln und quatschten über dieses und jenes. Eine wirklich bereichernde Begegnung für mich. Aldona wirkt auf mich sehr suchend und probiert jede Menge unterschiedlicher Ansätze aus. Bisher schient sie aber noch nicht ganz das gefunden zu haben, was ihr Ruhe verschaffen und Selbstbewusstsein geben würde, dabei hätte sie jeden Grund dazu. Aber wem sage ich das?! Ganz klar, dass mich begeistert hat, dass sie von Myslenice aus nach Südspanien und zurück getrampt ist. Am nächsten Morgen setzte sie mich noch an einem strategisch geschickten Platz ab, um meine Reise per Anhalter nach Tarnow beginnen zu können.
Und so fuhr ich durch schöne polnische Landschaft mit einer jungen Frau, die mir von ihrem Laden erzählte, spazierte durch Bochnia, wo mich am Stadtende dann ein Elektroinstallateur ein Stück mitnahm und schließlich ein junger Mann, der zum Skifahren unterwegs war. Und schon war ich in Tarnow, oder zumindest Stadtgrenze Tarnow. Ein Spaziergang ins Zentrum und ein paar Fragen nach dem Weg, noch einmal tief durchatmen und Klingeln bei Familie S. Das wurde mein Weihnachten in einer polnischen Familie. Und das war ungewohnt-seltsam-schön-bunt-laut-vertraut-fremd-fraglich-waglich-warm-experimentell-gut. Mit Ela erhielt ich Einblick in ihr Tarnow und einige ihrer wirklich charmvollen Ecken (die Stadt meine ich jetzt) und erlebte Festtage in ihrer Familie. Ein buntes Treiben, als sich 3 Generationen und Familien trafen, um zu feiern. Für mich war es wunderschön, einmal mir bis dato unbekannte Seiten Elas kennenzulernen, Ela, die Tochter, die Schwester, die Schwägerin, die Tante... ein rundes Bild, ein schönes Bild. Eine Parallele zu meinen deutschen Weihnachten konnte ich festmachen: es wird viel gutes Essen gegessen. Und es wird „Stille Nacht“ gesungen, das ist aber auch das einzige Lied, das ich kannte. Aber etliche andere Lieder haben meinen Weihnachtslieder-Fundus erweitert, weil ich sie wirklich schön finde. Hier haben die Lieder ein bisschen mehr Drive glaube ich. Da merkt man wirklich, welch ein freudiges Ereignis die Geburt des Christus ist. Dieses hier mag ich am Liebsten. Schon, als wir gemeinsam an Heilig Abend dieses Lied sangen, ein jeder in seiner eigenen Tonart ;-), begann ich, es zu mögen. Und in der Christmette dann war ich umso mehr baff: Ein Chor und Orchester gaben ein Konzert, so dass ich mich in einen Film versetzt fühlte. Mein erstes Weihnachten mit Soundtrack. Ein Kyrie, das eine zweiminütige Einleitung hat, die aus der Moderne kommend sanft in der traditionellen Melodie landet. Ich war / bin begeistert. Und auch etwas sehr schönes, diese aufgemischte Stimmung in der Familie, das Spiele-spielen nach dem Essen, das Quatschen mit Ela. Der Kindermund, der sich den Bauch mit Kuchen vollschlägt und dabei die Augen strahlen lässt. Schade nur, dass mein Polnisch so unter aller Sau ist. Einen wunderbaren Brauch durfte ich kennenlernen, den ich gerne auch in meiner Familie etablieren möchte. Cyprian Norwid hat diesen schon in der polnischen Romantik in Worte gefasst, die ich wiederum durch Ela aufschnappen durfte:
"...Jest w moim kraju zwyczaj, że w dzień wigilijny,przy wzejściu pierwszej gwiazdy wieczornej na niebie,ludzie gniazda wspólnego łamią chleb Biblijny,najtkliwsze przekazując uczucia w tym chlebie..."
„Es gibt in meiner Heimat einen Brauch, dass am Heiligabend beim Aufgehen des ersten Abendsterns am Himmel Menschen desselben Nestes das biblische Brot brechen und sich die zärtlichsten Gefühle in diesem Brot zusprechen“
Mir gefällt das Bild des Nestes sehr. Und was mir deutlich wurde an dieser Weihnacht ist, wo mein Nest ist. Ich bin begeistert, dass ich quasi als Kuckucks-Ei in einem fremden Nest Brot brechen durfte, es war so unkompliziert, dass ich Anfangs nicht wusste, wie ich das Ganze einzuschätzen habe. Bis ich mich dann darauf einließ, dass es einfach unkompliziert ist. Ein bisschen musste ich schmunzeln, als ich sah, dass, obwohl ja schon ich zu dieser Weihnacht dazugestoßen war, noch ein weiteres überzähliges Gedeck am Tisch stand. Auch das gehört zur polnischen Weihnacht: ein weiterer Platz für jemanden, der Obdach sucht. So einfach ist das. Kuhl. Da bin ich schon dankbar um diese Erfahrung und um die Zeit mit Ela und ihrer Mama, die einen irre witzigen Lacher hat.
Nach 5 Tagen dann erfolgte mein Aufbruch nach Breslau, wo ich Petra vom Flughafen abholte. Man man, die Pesn. Im Lauf der Tage hier haben wir festgestellt, dass wir es im Schnitt schaffen, uns einmal im Jahr zu treffen. Somit trafen wir zum sechsten Mal in unseren Leben aufeinander und es war wie immer gut. S passt einfach, möchte man da sagen. Den Nachmittag über Breslau-sightseeing, was für diese wunderbare Stadt natürlich deutlich zu kurz ist (ich hatte ja den Vorteil, dass ich schon mal da war..) und dann auf nach Lodz. Der Zwischenstopp in einer Kneipe in Bahnhofsnähe in Ostrow hätte mit nur wenigen Menschen stattgefunden: Weil uns die Toilettengebühr zu hoch war am Bahnhof und wir ganze 25 Minuten Wartezeit auf den Anschluss hatten, beschlossen wir, ein schnelles Bierchen in einer Spelunke zu genießen. Ganz ehrlich: alleine hätte ich den Schuppen nicht betreten. Alsbald wir im Türrahmen standen überfiel ein Schweigen das Lokal, die allesamt männlichen Gäste blickten erstaunt zu uns, und zögerlich kamen von jeder Richtung Worte wie „junge Mädels“ oder „Frauen“ angeraunt. Das sind jedenfalls die Worte, die ich verstanden habe. Als wir dann an der Bar unser Bierchen nippten, kamen auch ein paar der Gäste an, um gepflegte Konversation zu betreiben, in der jedes vierte Wort dieses Wort war, das so klingt wie eine Minderheit in der Türkei. Ein Betrunkener sagte was, die Bedienung hinterm Tresen „übersetze“ auf verständliches Polnisch oder gar Englisch und Petra und ich hatten unseren Spaß. Bis der Typ uns dann Cannabis andrehen wollte. Ne danke. Und die Handschuhe von dem Anderen wollten wir auch nicht. Wir müssen jetzt ganz schnell zum Zug. Vor meiner Wohnungstür dann ein klitzekleines Problemchen: Ich konnte die Tür nicht aufschließen und es war auch niemand daheim. Über Anja kam dann der Hausverwalter vorbei, der kurz davor war, die Tür einzutreten, bis er sich dann an den Mechanismus des zweiten Schlosses erinnerte und wie durch Zauberhand die Tür öffnete. Einen Tag lang Lodz sightseeing, erstaunlich, aber wahr: ein Tag ist auch für Lodz zu kurz, und am nächsten Morgen dann auf nach Warschau, wo wir bei Olga übernachteten und dann Sylvester hauptsächlich in der Franzosen WG verbrachten. Und traurig, aber wohl auch wahr: Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich durch die Strassen Warschaus geschlendert bin, meines Warschaus. Wie passend die Zeilen aus nebenstehendem Lied „..bo nie wiem czy jeszcze zobacze cie jutro, Warszawo ma“ – „weil ich nicht weiß, ob ich dich morgen noch sehen werde, mein Warschau“. Das Lied stammt aus der Zeit des Warschauer Aufstands 1944, da hatten diese Zeilen eine fundamentalere, existentiellere Bedeutung. Auf unserem Weg begegneten wir einigen ziemlich abgefahrenen und interessanten Kneipen, die recht gelungen den Facettenreichtum der Stadt wiederspiegelten und die durch ihre Angebote auch unseren Blick facettenreicher machten... Von den Franzosen gings dann schon in der Früh des neuen Jahres nach Bydgoszcz, damit Pesn ihren Heimflug antreten kann. Ich hielt unterwegs in Torun an, um mir diese Stadt wenige Stunden lang zu Gemüte zu führen, und obwohl es so kalt und ich so hundemüde war, wäre ich gerne noch länger geblieben. Ich muss schon sagen, etliche polnische Städte sind wahre Perlen und mit Sicherheit eine Reise wert! Wichtig, dass ich hier nochmals eine Lanze für Polen breche, das wirklich mehr zu bieten hat als den Mercedes vom Nachbarn, illegale Wodka-Destillen oder Arbeitskräfte, die für einen Hungerlohn unseren fränkischen Spargel stechen!