Eine ziemlich schlichte Überschrift, unter der nun Einiges von dem, was ich die letzen 3 Wochen über erlebt habe, prangen wird. Es wurde nochmals spannend in Polen. Bevor ich Richtung Berge aufgebrochen bin, öffnete sich in mir die Tür Wehmut einen Spalt breit: aus langjähriger Erfahrung heraus war mir klar, dass die Feiertage schnell vergehen werden. Und dann ist Januar. Und damit ist dann auch schon koniec zabawy - Schluss mit lustig. Meine Zeit hier ist viel zu schnell vergangen, so scheint mir. Ich bin mir nicht einmal sicher, wohin ich all die vielen Eindrücke verstaut habe. Und ich packe noch immer ein in meinen Rucksack.
Nun also zunächst Aufbruch nach Zakopane. Einen Nachtzug wollte ich nehmen, um Samstag Früh im Wintersportparadies anzukommen und mit meinen couchsurfer-hosts in die Berge aufzubrechen. Einen heiden-Respekt hatte ich bei mir vor den kalten Temperaturen, -20 Grad klingt für mich nicht nach so super Reisewetter. Aber ich musste wieder raus, da ich mich hier in Lodz in der Wohnung wie in einem Käfig gefangen fühlte. Mein einziger Versuch des Ausbrechens daraus am Tag zuvor scheiterte: ich wollte mein Praxistraining innere Medizin besuchen, nachdem ich allerdings die einzige Studentin war, die dort auftauchte und die Station auch noch unter Quarantäne stand, weil 10 Patienten aus unbekannten Gründen verstorben waren (Schweingrippe konnte in keinem Fall nachgewiesen werden, man geht von Pilzinfektionen aus), beschloss der Dozent, mir die einzig verbleibende Vorlesung als Datenpaket mit nach Hause zu geben. No, to dobrze. Nachts um 3 musste ich umsteigen am Krakauer Bahnhof, der einem Gruselkabinett glich. Es ist wohl an keinem großstädtischen Bahnhof besser, aber hier lief mir ein Schauer den Rücken herunter: Obdachlose, Betrunkene und Betrogene suchten in dem Flur, von dem aus man zu den Gleisen geht, Schutz vor Kälte und Schnee. Ein Mann nutzte seine beiden Beinprothesen als Kopfkissen, zwischen zwei Gebäck-Wägen schlief ein Anderer unter den Nachrichten des letzen Tages, müde, traurige, träge Augen blickten mich an. Mein Anschlusszug hatte auch noch Verspätung, anstelle von 35 Minuten war ich dieser Szenerie dann mehr als 2 Stunden ausgesetzt. Glücklicherweise traf ich dort eine junge Norwegerin aus Tromsö, die ebenso wartete. Und gemeinsam ist man weniger allein, das tat uns beiden glaube ich ganz gut.
Im Zug nach Z teilte ich ein Abteil wieder einmal mit einem Mihal. Wieder einmal eine interessante Begegnung. Mihal ist nämlich taubstumm. Das verkomplizierte unsere Kommunikation noch weiter. Er musste mir von den Lippen ablesen, was ich in meinem falschen Polnisch von mir gebe und ich das ebenso von den Seinen. Aber ein bisschen was geht immer, heißt es so schön keine Ahnung wo. Spannende Sache, wie ich meine. Nach ein paar Minuten erholsamen Schlafes dann Ankunft in Z: strahlender Sonnenschein, klirrende Kälte. Mein Herz tanzt. Ich sehe Berge. Wilde Berge. Kantige Berge. Schroffe Felsen. Schnee. Ich kann mein Glück kaum fassen. Flux frage ich mich zur Straße meiner Hosts durch und tanze immer weiter: Ein junges Ehepaar, die in einem alten Haus im self-made-Stil leben. Tagtäglich zimmern und basteln sie etwas an ihrer Wohnung, die mit einem Kohle-Kachelofen beheizt wird. Ich mag ihre Art sofort, wie sie mit mir umgehen, wie sie miteinander umgehen. Strahlt eine wunderbare Ruhe und tiefes Vertrauen aus. Martin schnürt schon seine Bergstiefel und wir machen uns auf zum Morskie Oko, einem wunderschönen See unterhalb der höchsten Bergspitze der polnischen Tatra. Gut 2 Stunden wandern, bis wir dort ankommen. Wenn man sich bewegt, ist es gar nicht mehr kalt! Das erste Mal in meinem Draussen-Leben geschah es, dass meine Jacke von außen zugeeist war und meine Wimpern und Augenbrauen mit einem weißen Hauch bedeckt waren. Zwei Dekaden unter Null sagte das Thermometer an der Hütte. Dafür hab ich Fotos aus einer Perspektive, die man eben nur bei diesem Temperaturen schießen kann, von der Mitte des Sees aus J. Auf dem Rückweg lädt mich Martin ein, noch einen Tag länger in Zakopane zu bleiben – gerne nehme ich dieses Angebot an. Martin ist außerdem Bergführer in der Tatra, somit hat er mir etliches über diesen Karpatenzug erklären können. Müde und verschwitzt kommen wir zu Hause an. Wie gut es getan hat, sich mal wieder 5 Stunden lang draußen im Gelände zu bewegen! Unterwegs habe ich auch festgestellt, dass ich meine Telefon zum wiederholten Male verloren habe und war kurz davor mir in den Hintern zu beißen, weil ich scheinbar auch nix dazu lerne... Um richtig wütend auf mich zu sein, war ich allerdings zu müde und irgendwie hegte ich noch die Hoffnung, dass ich es am nächsten Tag in der Touristeninfo oder sonstewo wiederfinde. Aber so lange musste ich gar nicht warten: Martin erhielt auf seinem Telefon die Nachricht, dass jemand Christinas Telefon gefunden hätte, ob ich denn noch bei ihm sei. Ich rief dort zurück und war noch mitten in der Erklärung, wer ich sei und was ich wolle, als ich hörte: „Christina, stop explaining, it’s me, Gökcen. We found your phone. Hurry up, our train is leaving in 10 minutes.” Unglaublich. Bekannte von mir aus Warschau waren zum gleichen Zeitpunkt in Zakopane und haben mein Telefon gefunden. Und ich habe es wieder. Krass.
Den nächsten Tag nutzte ich, um durch die Stadt zu schlendern, den Bergkäse zu kosten und mir die Berge reinzuziehen. Tief in mir drin habe ich den Beschluss gefasst, hier nochmals bei gnädigeren Temeperaturen hinzukommen, um die Felsen zu beklettern und die Landschaft zu durchwandern. Sau schön dort. Es ward Abend, und es ward Morgen, nächster Tag.
Schon früh verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern und zog fröhlich mit einem Liedelein auf meinen Lippen los, um per Anhalter nach Myslenice zu kommen. Ging auch ziemlich schnell, mit 2 Autos kam ich dort an und traf wiederum eine couchsurferin, Aldona. Ein wahres Energiebündel. Sie unterrichtet Psychologie und Soziologie an der örtlichen Berufsschule und macht jeden Tag Sport. Am Tag meines Besuches stand Abends JuJutsu auf dem Programm, wohin sie mich mitnahm und ihren Trainer bat, mir ein paar Selbstverteidigungskniffe fürs hitchhiken beizubringen. Tagsüber gingen wir noch spazieren in den die Stadt umringenden Hügeln und quatschten über dieses und jenes. Eine wirklich bereichernde Begegnung für mich. Aldona wirkt auf mich sehr suchend und probiert jede Menge unterschiedlicher Ansätze aus. Bisher schient sie aber noch nicht ganz das gefunden zu haben, was ihr Ruhe verschaffen und Selbstbewusstsein geben würde, dabei hätte sie jeden Grund dazu. Aber wem sage ich das?! Ganz klar, dass mich begeistert hat, dass sie von Myslenice aus nach Südspanien und zurück getrampt ist. Am nächsten Morgen setzte sie mich noch an einem strategisch geschickten Platz ab, um meine Reise per Anhalter nach Tarnow beginnen zu können.
Und so fuhr ich durch schöne polnische Landschaft mit einer jungen Frau, die mir von ihrem Laden erzählte, spazierte durch Bochnia, wo mich am Stadtende dann ein Elektroinstallateur ein Stück mitnahm und schließlich ein junger Mann, der zum Skifahren unterwegs war. Und schon war ich in Tarnow, oder zumindest Stadtgrenze Tarnow. Ein Spaziergang ins Zentrum und ein paar Fragen nach dem Weg, noch einmal tief durchatmen und Klingeln bei Familie S. Das wurde mein Weihnachten in einer polnischen Familie. Und das war ungewohnt-seltsam-schön-bunt-laut-vertraut-fremd-fraglich-waglich-warm-experimentell-gut. Mit Ela erhielt ich Einblick in ihr Tarnow und einige ihrer wirklich charmvollen Ecken (die Stadt meine ich jetzt) und erlebte Festtage in ihrer Familie. Ein buntes Treiben, als sich 3 Generationen und Familien trafen, um zu feiern. Für mich war es wunderschön, einmal mir bis dato unbekannte Seiten Elas kennenzulernen, Ela, die Tochter, die Schwester, die Schwägerin, die Tante... ein rundes Bild, ein schönes Bild. Eine Parallele zu meinen deutschen Weihnachten konnte ich festmachen: es wird viel gutes Essen gegessen. Und es wird „Stille Nacht“ gesungen, das ist aber auch das einzige Lied, das ich kannte. Aber etliche andere Lieder haben meinen Weihnachtslieder-Fundus erweitert, weil ich sie wirklich schön finde. Hier haben die Lieder ein bisschen mehr Drive glaube ich. Da merkt man wirklich, welch ein freudiges Ereignis die Geburt des Christus ist. Dieses hier mag ich am Liebsten. Schon, als wir gemeinsam an Heilig Abend dieses Lied sangen, ein jeder in seiner eigenen Tonart ;-), begann ich, es zu mögen. Und in der Christmette dann war ich umso mehr baff: Ein Chor und Orchester gaben ein Konzert, so dass ich mich in einen Film versetzt fühlte. Mein erstes Weihnachten mit Soundtrack. Ein Kyrie, das eine zweiminütige Einleitung hat, die aus der Moderne kommend sanft in der traditionellen Melodie landet. Ich war / bin begeistert. Und auch etwas sehr schönes, diese aufgemischte Stimmung in der Familie, das Spiele-spielen nach dem Essen, das Quatschen mit Ela. Der Kindermund, der sich den Bauch mit Kuchen vollschlägt und dabei die Augen strahlen lässt. Schade nur, dass mein Polnisch so unter aller Sau ist. Einen wunderbaren Brauch durfte ich kennenlernen, den ich gerne auch in meiner Familie etablieren möchte. Cyprian Norwid hat diesen schon in der polnischen Romantik in Worte gefasst, die ich wiederum durch Ela aufschnappen durfte:
"...Jest w moim kraju zwyczaj, że w dzień wigilijny,przy wzejściu pierwszej gwiazdy wieczornej na niebie,ludzie gniazda wspólnego łamią chleb Biblijny,najtkliwsze przekazując uczucia w tym chlebie..."
„Es gibt in meiner Heimat einen Brauch, dass am Heiligabend beim Aufgehen des ersten Abendsterns am Himmel Menschen desselben Nestes das biblische Brot brechen und sich die zärtlichsten Gefühle in diesem Brot zusprechen“
Mir gefällt das Bild des Nestes sehr. Und was mir deutlich wurde an dieser Weihnacht ist, wo mein Nest ist. Ich bin begeistert, dass ich quasi als Kuckucks-Ei in einem fremden Nest Brot brechen durfte, es war so unkompliziert, dass ich Anfangs nicht wusste, wie ich das Ganze einzuschätzen habe. Bis ich mich dann darauf einließ, dass es einfach unkompliziert ist. Ein bisschen musste ich schmunzeln, als ich sah, dass, obwohl ja schon ich zu dieser Weihnacht dazugestoßen war, noch ein weiteres überzähliges Gedeck am Tisch stand. Auch das gehört zur polnischen Weihnacht: ein weiterer Platz für jemanden, der Obdach sucht. So einfach ist das. Kuhl. Da bin ich schon dankbar um diese Erfahrung und um die Zeit mit Ela und ihrer Mama, die einen irre witzigen Lacher hat.
Nach 5 Tagen dann erfolgte mein Aufbruch nach Breslau, wo ich Petra vom Flughafen abholte. Man man, die Pesn. Im Lauf der Tage hier haben wir festgestellt, dass wir es im Schnitt schaffen, uns einmal im Jahr zu treffen. Somit trafen wir zum sechsten Mal in unseren Leben aufeinander und es war wie immer gut. S passt einfach, möchte man da sagen. Den Nachmittag über Breslau-sightseeing, was für diese wunderbare Stadt natürlich deutlich zu kurz ist (ich hatte ja den Vorteil, dass ich schon mal da war..) und dann auf nach Lodz. Der Zwischenstopp in einer Kneipe in Bahnhofsnähe in Ostrow hätte mit nur wenigen Menschen stattgefunden: Weil uns die Toilettengebühr zu hoch war am Bahnhof und wir ganze 25 Minuten Wartezeit auf den Anschluss hatten, beschlossen wir, ein schnelles Bierchen in einer Spelunke zu genießen. Ganz ehrlich: alleine hätte ich den Schuppen nicht betreten. Alsbald wir im Türrahmen standen überfiel ein Schweigen das Lokal, die allesamt männlichen Gäste blickten erstaunt zu uns, und zögerlich kamen von jeder Richtung Worte wie „junge Mädels“ oder „Frauen“ angeraunt. Das sind jedenfalls die Worte, die ich verstanden habe. Als wir dann an der Bar unser Bierchen nippten, kamen auch ein paar der Gäste an, um gepflegte Konversation zu betreiben, in der jedes vierte Wort dieses Wort war, das so klingt wie eine Minderheit in der Türkei. Ein Betrunkener sagte was, die Bedienung hinterm Tresen „übersetze“ auf verständliches Polnisch oder gar Englisch und Petra und ich hatten unseren Spaß. Bis der Typ uns dann Cannabis andrehen wollte. Ne danke. Und die Handschuhe von dem Anderen wollten wir auch nicht. Wir müssen jetzt ganz schnell zum Zug. Vor meiner Wohnungstür dann ein klitzekleines Problemchen: Ich konnte die Tür nicht aufschließen und es war auch niemand daheim. Über Anja kam dann der Hausverwalter vorbei, der kurz davor war, die Tür einzutreten, bis er sich dann an den Mechanismus des zweiten Schlosses erinnerte und wie durch Zauberhand die Tür öffnete. Einen Tag lang Lodz sightseeing, erstaunlich, aber wahr: ein Tag ist auch für Lodz zu kurz, und am nächsten Morgen dann auf nach Warschau, wo wir bei Olga übernachteten und dann Sylvester hauptsächlich in der Franzosen WG verbrachten. Und traurig, aber wohl auch wahr: Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich durch die Strassen Warschaus geschlendert bin, meines Warschaus. Wie passend die Zeilen aus nebenstehendem Lied „..bo nie wiem czy jeszcze zobacze cie jutro, Warszawo ma“ – „weil ich nicht weiß, ob ich dich morgen noch sehen werde, mein Warschau“. Das Lied stammt aus der Zeit des Warschauer Aufstands 1944, da hatten diese Zeilen eine fundamentalere, existentiellere Bedeutung. Auf unserem Weg begegneten wir einigen ziemlich abgefahrenen und interessanten Kneipen, die recht gelungen den Facettenreichtum der Stadt wiederspiegelten und die durch ihre Angebote auch unseren Blick facettenreicher machten... Von den Franzosen gings dann schon in der Früh des neuen Jahres nach Bydgoszcz, damit Pesn ihren Heimflug antreten kann. Ich hielt unterwegs in Torun an, um mir diese Stadt wenige Stunden lang zu Gemüte zu führen, und obwohl es so kalt und ich so hundemüde war, wäre ich gerne noch länger geblieben. Ich muss schon sagen, etliche polnische Städte sind wahre Perlen und mit Sicherheit eine Reise wert! Wichtig, dass ich hier nochmals eine Lanze für Polen breche, das wirklich mehr zu bieten hat als den Mercedes vom Nachbarn, illegale Wodka-Destillen oder Arbeitskräfte, die für einen Hungerlohn unseren fränkischen Spargel stechen!
Schade, daß du nur das herbstliche Polen kennen lernst...Die ganzen Städte und Orte, die du besucht hast, sind im Sommer nämlich 100 mal schöner.
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