Donnerstag, 26. November 2009

Co slychac?

Viel passiert seit meinem letzen Eintrag in mein online-Tagebuch, dem Seelen-Striptease im Cyberspace.
Meine Eltern machten sich am vergangene Wochenende auf den Weg nach Warschau, um mir ziemlich genau zu meiner Halbzeit eine Pause zu verschaffen in der Fremde (die allerdings gar nicht mehr so fremd ist). Ich fühlte mich zurückerinnert an Kindheitstage, wenn kurz vor Weihnachten die Vorfreude immer größer wird. Patrycja, wohl eine meiner engsten Freundinnen hier, hat für meine Eltern ein Lebkuchenherz besorgt mit der Aufschrift „Zaubermaus“. Erst nachdem sie es errungen hatte, schlug sie nach, was das wohl heißen soll, und somit war es ihr ein bisschen peinlich, als sie mir das Herz gab mit der Bitte, es an meine Eltern als „Willkommens-aufmerksamkeit“ weiterzureichen. Die Tage hier sind inzwischen sehr kurz, schon früh ist es stockfinster, so dass ich meinen Eltern leider nicht viel meines Warschaus bei Tageslicht zeigen konnten, aber die Zeit haben wir eh vielmehr nutzen wollen, um sie miteinander zu verbringen. Was ich nicht wusste, ist, dass meine Mutter vor 40 Jahren schon einmal in Warschau war – gerne hätte ich die Bilder ihres Aufenthaltes damals jetzt in meinem Kopf, um nachvollziehen zu können, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Eine kleine Schlenderei durch die Altstadt und die „Neue Welt“, dann zogen wir uns zurück aus der Stadtmosphäre und verbrachten den Abend plaudernd, eine mir sehr willkommene und angenehme Seltenheit. Der nächste Tag hatte die Fahrt nach Lodz auf dem Programm stehen, damit Mau und Vau sich auch ein Bild meiner Residenz machen können. Auch in Lodz geht die Sonne früh unter und mehr als grobe Impressionen der Stadt konnte ich Ihnen nicht zukommen lassen. Dafür hatten wir wieder einmal mehr Zeit für uns, und das war auch gut so. Ganz klar, ein Besuch von Freitag bis Sonntag ist beinahe zu kurz, aber dennoch unbezahlbar. Mir war es sehr wichtig, meine Eltern wieder zu sehen und nicht nur am Telefon zu sprechen und auch, dass sie erleben, wie und wo sich meine Zeit im Moment abspielt. Und ausserdem, ich gestehe, habe ich mich auch ziemlich über die Mitbringsel gefreut. Somit gibt’s in meiner Wohnung jetzt Adventskalender und Nürnberger Lebkuchen, etliche davon werden auch noch andernorts in Polen auftauchen, kalten Füßen ist vorgebeugt und auch fürs Studium war Nützliches dabei. Der Abschied am Sonntag Abend fiel uns wieder ähnlich schwer wie damals im Sommer. So traurig ich auch war, ebenso glücklich wähnte ich mich, dass ich mich mit meinen Eltern so verbunden fühle, dass es uns die Tränen in die Augen treibt und mir die Seele brennt, wenn wir uns voneinander verabschieden.
Unter der Woche dann wieder Chirurgie, inzwischen habe ich glaube ich zum fünften Mal erklärt bekommen, wie denn nun diese Whipple-Procedur oder der Tripple-Bypass von Statten geht, ziemlich redundant also. Allerdings möchte ich noch feierlich verkünden, dass ich das erste Mal offiziell bei einer OP assistiert habe. Am Dienstab Abend nämlich begleitete ich unseren lehrenden Doktor bei seiner Nachtschicht und wie es der Zufall so will wird eine Patientien eingeliefert, die lehrbuchartig Zeichen einer akuten Blinddarmentzündung aufweist. Und somit hieß es „come on, scrub in, we got some surgery to do!“. Und schwupps sah ich mich Haken-haltend im OP, und zwar diesmal in einer Position, von der aus man einen wirklich guten Blick auf das Geschehen hatte. Ganz schön anstrengend, die Haken-Halterei, dabei dauerte dieser Eingriff nur ne knappe halbe Stunde. Nächten Dienstag und Donnerstag sind wieder Nachtschichten angesagt...
Und es geht weiter mit guten Nachrichten: Da ich wegen des Chirurgie-Praktikums zur Zeit meinen Sprachkurs nicht zum regulären Zeitpunkt besuchen kann, kann ich in einer Einzelstunde mit meiner Lehrerin „nachsitzen“. Und die nette Dame, Frau Eliza, hat mir am Dienstag eröffnet, dass sie es für eher wenig sinnbringend hält, wenn ich weiterhin in dem Anfängerkurs rumsitze, und deshalb habe sie mit der Verwaltung der Universität gesprochen. Es sieht ganz danach aus, dass die Uni einen Sprachkurs bis zu 4h / Woche für „nicht-mehr-ganz-Anfänger-aber-trotzdem-irgendwie-sowas“ einrichten kann, der dann aber wohl als Einzelunterricht für mich ablaufen wird, weil sonst niemand mit meinem Level matcht. Wow. Das wäre ja der Hammer. Ich schöpfe wieder neue Hoffnung!
Vorvorletzte gute Nachricht: gestern erhielt ich einen Brief aus Bialowieza (wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass das der Ort ist, wo der „Nichtraucher“ wohnt, gleich bei den Bisons). Jenem Waldek nämlich schickte ich vor einiger Zeit ein paar Zeilen des Dankes, was ich so über unsere Begegnung denke und auch Fotos von unserer Reise. Das ganze muss schreckliche Grammatik gewesen sein, aber letztlich scheint er verstanden zu haben, was ich sagen wollte. Gestern jedenfalls seine Antwort auf meinem Schreibtisch. Iola, meine Mitbewohnerin, musste herhalten, um mir zu übersetzen. Ich war sehr gerührt von Waldeks Brief, in dem er mir bestätigte, dass unser Treffen auch für ihn sehr einprägsam und besonders war. Und ausserdem legte er ein paar kopierte Seiten eines Buches, das er zur Zeit liest, bei. Appollinaire ist der Autor, die Sprache Polnisch. Insofern werde ich also gut etwas zu Tun haben, wenn ich auch nur ansatzweise verstehen möchte, wovon die Zeilen handeln. So wie ich Waldek einschätze, hat er nicht umsonst diese Ausschnitte ausgewählt, um sie mir zu senden...
Vorletzte gute Nachricht: gestern Abend war ich endlich mal wieder im Theater! Im „Jaracza“ lief „Otello“ – eine Variation über das Thema. Ich würde es als eher moderne Inszenierung beschreiben, die es schaffte, trotz meines sprachlichen Unvermögens die 2 ein Viertel Stunden (!) Aufführungszeit nicht langweilig werden zu lassen! Allein die Aussprache des Namens „Otello“ im Polnischen ist ein Gedicht: das doppel-L wird nicht einfach untergebuttert, nein, jeder Buchstabe hat seine Berechtigung und muss deshalb auch ausgesprochen werden. Es heißt also „Otel-lo“, wobei keine künstliche Pause zwischen den beiden „l“ entsteht, sondern ein steter Fluss erhalten bleibt. Herrlich, wie ich meine. Ein sehr willkommenes Arrangement aus Schauspiel, Musik, Licht und Tanz, das sich im Allgemeinen nicht wesentlich von moderenen Inszenierungen in Deutschland unterscheidet: sex, drugs, rock’n’roll. Wenn mal wieder ein Stück angesagt ist, das ich kenne, werde ich es mir definitiv ansehen. Auch, wenn es wirklich komisch ist, das gesprochene Wort nicht zu verstehen. Jetzt weiß ich, dass ich das schöne Erlanger Theater tatsächlich ein wenig vermisse und mich darauf freue, mich ab Mai wieder öfter der Kunst zu widmen.
Und nun, letzte gute Nachricht: heute habe ich meinen eigenen Spirituskocher fertiggebaut. Aus zwei Getränkedosen, so wie Mihal es mir im Zug erklärt hat. Und tatsächlich, er brennt, ein wenig ungleichmäßig zwar, aber so, dass er neben meinem „Zacherl“ durchaus bestand haben kann. Jippiiiieeeeeee!

Pozdrawiam! -chrissi

Donnerstag, 19. November 2009

give your heart and soul to me

mein Tag ist ganz und gar geprägt von Chirurgie zur Zeit. Und so bitter manche Diagnose und Prognose auch sein mag, heute musste ich doch echt lachen, als während einer Magen-Resektion Ella Fitzgerald und Louis Armstrong "Dancing cheek on cheek" und danach "give your heart and soul to me" zum Besten gegeben haben. Das erste Lied passte so wunderbar, weil es um den OP-Tisch so kuschelig ist, dass wir tatsächlich Backe an Backe stehen (btw über die Darmschlingen könnte man auch so denken, wenn man sie denn personalisierte...) und das zweite Lied, nun ja, wir sind im OP... abgefahren. Zusätzlich ist da noch unser Herr Professor, den ich in Zukunft übrigens "Peter" nennen werde (in Anlehnung an Peter Z., mit dem der Chirurg unglaubliche Ähnlichkeit hat, Anm. d. Red.). Peter spricht gerne und wenn er gerade nichts Medizinisches zu äußern hat, dann ist es eben ein bisschen Small-talk zwischendurch oder auch ein Witzchen, jedoch nie auf Kosten des Patienten, was ich sehr begrüße.



Ansonsten hat in Lodz gestern das "Explorer's festival" angefangen. Überraschender Weise -NICHT- juckt es mich schon wieder tierisch in den Fingern. Was mir hier echt abgeht sind ein paar Berge. Der Eröffnungsfilm zeigte ein Expeditionsteam im Himalaya, wunderschöne Bilder einer wunderschönen Reise. Sorry, aber da kann die Kletterhalle in der Manufaktura nun mal nicht mithalten! Nun, die Hoffnung bleibt, dass ich es irgendwann im Laufe meines Aufenthaltes hier noch in die polnischen Karpaten schaffe, zwar nicht zum Klettern, aber zum Seele-Baumeln. Mal sehen. Jetzt freue ich mich tierisch auf den ersten Besuch aus heimischen Gefielden: Mau und Vau brechen nach Polen auf. juhuuuuu!

Mittwoch, 18. November 2009

FAU brennt

und ich bin nicht dabei, physisch. Aber in den meisten Punkten unterstütze ich den Forderungskatalog der Erlanger Studierenden. Und vielleicht gibts ja bald auch noch intelektuellere Skandier-Rufe als "reiche Eltern für alle".
Dran bleiben, Leute!
www.faubrennt.de

Samstag, 14. November 2009

Whipple, Triple, Roux-loop

was 'ne Woche. Jetzt gehts hier aber ans Eingemachte, was mir durchaus recht ist. Morgens um acht heißt es Antreten zur ward-round, also der Stipp-Visite auf der allgemeinchirurgischen Station, was in Anbetracht der Tatsache, dass wir allesamt nicht genug polnisch verstehen, ein bisschen Lächerlich ist, aber immerhin sehen wir die Gesichter und riesen Narben der Patienten. Danach dann dürfen wir in den OP. Scrubs, also OP-Kleidung, haben wir gestellt bekommen, alledings nur eine Hose und ein Hemd für 4 Wochen. Mh, wie hygenisch. Na, und nachdem wir uns dann umgezogen haben, Häubchen, Mundschutz und Schuhbedeckung richtig sitzen, geht es in den OP. Ein bisschen schwierig ist es schon, etwas mitzubekommen, da neben meist 3 Operateuren noch 8 Studenten was sehen wollen, aber wir arrangieren uns meist recht gut. Also, was gabs bisher? Ne Nierentransplantation, Cholezystektomie, Rektumamputation und heute was äußerst spannendes: geplant war eine Pancreaticocholezytsduodenektomie nach Whipple, also das Entfernen der Bauchspeicheldrüse (zumindest deren Kopf), der Gallenblase und des 12-Finger-Darms wegen eines Tumores in der Bauchspeicheldrüse. Während der OP jedoch stellte sich heraus, dass das nicht möglich ist und man dem Patienten also keine kurative (=heilende) OP mehr zukommen lassen, sondern lediglich palliativ (als Beschwerden-mindernd und Lebensqualität-steigernd) vorgehen kann, das nennt sich in diesem Fall dann Triple-Bypass. Was man also gemacht hat ist, dass man den 12-Finger-Darm vom Magen abgekoppelte und anstelle dessen ein Stück Darm von weiter unten (Jejunum) zu einer neuen Darmschlinge legte (heißt dann Roux-loop) mit dem Magen verband (end-to-side Gastro-jejunale Anastomose); den nach Entnahme der Gallenblase verbleibenden Ductus choledochus mit eben jenem Darmstück verbunden (end-to-side)und dann am Ende Darm mit Darm (end-to-end) wieder verbunden hat. Schaut zwischendrin aus wie Kraut und Rüben, aber macht schon Sinn. Sehr spannend, muss ich sagen! Und auch interessant zu sehen, wie sehr die Chirurgen ins Schwitzen geraten sind, als es darum ging, am Tisch eine Entscheidung zu treffen: Whipple oder Triple? Nach 4 Stunden dann wars geschehen, der Patient erwachte, allerdings leider mit einer sehr tristen Prognose.
Am Mittwoch, 11.11., beging Polen im Übrigen Nationalfeiertag, denn mit Ende des 1. Weltkrieges vor 81 Jahren entstand erstmals seit mehreren Jahrhunderten wieder ein eigener polnischer Staat. An diesem Tag machten Donald und ich mich per Anhalter auf in das nahe gelegene Dorf "Piatek" (das heißt Freitag), das den geographischen Mittelpunkt des heutigen Polen darstellt. Die Autofahrer, die uns mitgenommen haben, schauten uns meist engeistert an und fragten, was in aller Welt wir denn in diesem Dörfchen machen wollten. Als wir dann da ankamen und den Markstein der Mitte Polens sahen, fragten wir uns das auch. Aber 'ne lustige Reise wars allemal!
pozdrawiam serdecznie! -chrissi

Montag, 9. November 2009

what a difference a day made

okay, nicht nur 24 little hours, es war schon ein bisschen mehr. vielleicht zu viel. Gestern Abend war ich seit langem froh darüber, dass die Rumreiserei beendet ist und ich nach Hause zurückkehren konnte.
Donnestag bis Sonntag auf dem Weg nach und in Vilnius, hitchhiken. Schwierige Umstände: 5 Leute, Beginn der Reise erst, als es schon dunkel war. Dementsprechend verlor sich die Gruppe auch. Die einen bekamen einen Ride nach Bialystok, die anderen nicht. Um das Reisefieber aufrechtzuerhalten entfachten wir flux ein Feuer im Kamin, grillten Würstchen darin und bauten ein Zelt im Zimmer auf, um am nächsten Morgen mit dem Zug zu den Anderen zu stoßen und anschließend gemeinsam nach Suwalki in der Nähe der polnisch-litauischen Grenze zu fahren. Von dort aus wieder Hitchiken, die eine Gruppe erfolgreich bis Kaunas, 100 km vor Vilnius, die andere Gruppe erfolglos, keine Grenzüberschreitung. Aber dafür wieder eintauchen mitten ins Leben der Menschen hier: Geburstag der Großmutter der Familie, bei der man die Nacht verbringen durfte. Das pure Leben. Vilnius selbst überrascht als Stadt (im Übrigen europäische Kulturhauptstadt in diesem Jahr). Ich hatte vor meiner Ankunft da kein Bild im Kopf. Jetzt sind es viele, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen. Übrigens: logo, ich war wieder beim Friseur, wie es die Tradition gebietet. Ich muss jetzt 'n bisschen langsam machen mit Auslandsbesuchen, sonst hab ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Am vereinnahmendsten empfand ich das Künstlerviertel: mit Überschreiten einer kleinen feinen Brücke betritt man ihr Reich, das sie zu einer eigenen Republik Uzupis erklärt haben, mit eigener Verfassung und ohne politische oder kriegerische Akte wie man das aus Transnistrien oder sonstewo her kennt. "Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht an jedem vorbei zu fließen.", so lautet einer der 41 Artikel der Verfassung. Schön-schräge Leute mit offenen Herzen.
Von dieser frisch-fromm-fröhlich-freien Reiselaune ging es dann direkt nach Krzyzowa (Kreisau) in Niederschlesien, in deutlich ernshaftigere Tage. Der Weg dahin war wieder einmal wundersam. Im Zug von Warschau nach Breslau teilte ich ein Abteil mit Mihal, dessen Geschichte ich interessant finde. Vor mehr als 10 Jahren beschloss er, der Gesellschaft den Rücken zuzukehren und hauptsächlich im Wald zu leben, allerdings nicht an einem festen Ort, sondern immer wandernd. Ich fragte ihn, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat, und ich hörte von seiner Vergangenheit. Er war Sportler, Kickfighter. Sein tägliches, gutes Geld bringendes Geschäft war, Gegnern auf der ganzen Welt Gewalt anzutun. Eines Tages in Japan schlug ihm diese Sichtweise ins Gesicht und er beendete seine Karriere. Seitdem, so habe ich den Eindruck, ist er auf der Suche nach seinem Sinn. Wir sind uns in vielen Gedankengängen ähnlich, die 5 einhalb Stunden Zugfahrt vergingen schnell, wir konnten uns gegenseitig erzählen, was wir suchen, wenn wir draußen unterwegs sind, und was wir finden. Ich bin der Meinung, dass es für Mihal eine gute Entscheidung war, die Einsamkeit zu suchen. Aber es endete in einer Flucht vor den Menschen, jetzt muss er sich -so denkt er- für nichts rechtfertigen was er tut. Ich hoffe, er findet einen Weg, der ihn weiterführt. Denn im Moment hilft er, wenn überhaupt, nur sich. Es wäre egoistisch und schade, wenn er all die Aufmerksamkeit und seine Empathie für Leben nur für sich alleine sichtbar werden lässt. Ich glaube, unsere Begegnung hat ihn ein Stück verändert. Und das fühlt sich gut an. Und seit ihm weiß ich, wie man sich einen Benzinbrenner selbst baut, aus Coladosen. Unglaublich! Von Breslau aus versuchte ich zu hitchhiken nach Kreisau, was mir nach einer Stunde wohlwollenden Wanderns durch die Novembersonne auch gelang.
Jetzt ist der Eintrag schon so lang, und noch immer steht so vieles aus, das ich loswerden möchte. Die "Erinnerungslandschaft", die mir einiges an Kraft abverlangt hat, mir aber auch viel Neues gegeben hat. Kreisauer Kreis, eine Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg. Heute ist Kreisau Ort einer Jugendbegegnungsstätte. So viele Fakten, die ich zuvor nicht kannte, über die Familie von Moltke, über Widerstandsgruppen auch während des in Polen folgenden totalitären Regimes Stalins et al., über Papst Benedikt, der eine denkbar ungünstige Rede in Auschwitz 2006 gehalten hat, über sozialpsychologische Erklärungsversuche, wie "Töten als Arbeit" verrichtet werden konnte, über die friedenskirchliche Bewegung in Swidnica, über den Generalplan Ost, über die großen Differenzen in der Betrachtung der Annäherungsversuche zwischen Polen und Deutschland... Damit nicht genug. An Allerheiligen auf einem polniscen Friedhof herrscht eine ganz besondere Stimmung. Ein Meer aus Kerzen flutet die Grabsteine, und in diesen Momenten der Stille verspürte ich zum ersten Mal richtiges Heimweh.
Weiter in Oswiecim, wiederum in der Jugendbegegnungsstätte, Einblick in das pädagogische Konzept des Hauses, folgend dann Besuch in Auschwitz und Birkenau, was mir die Kehle zuschnürte und ich wort- und regungslos die Anlagen durchquerte, obwohl es mein zweiter Besuch dort war. Ein Zeitzeugengespräch mit Häftling 3444, das mir Bauchschmerzen bereitet hat (womöglich hervorgerufen durch meine aktuelle Lektüre "This way to the gas, Ladies and Gentlemen" von T. Borowski). Schlag auf Schlag wurden immer neue Themenblöcke eröffnet, die Woche war voll mit Inputs, die ich aufgeladen habe. Das war ja nur auszugsweise ein Einblick in das Programm. Krakau folgte mit mehr Ruhe, aber auch schmerzenden Erkenntnissen.
Unglaublich schön, ich habe Paul getroffen, meinen lieben Freund aus Rumänien, den ich seit 2 einhalb Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir quatschten die ganze Nacht, es tat gut, mit jemandem zu sprechen, der mir zumindst einmal vertraut war. Und dennoch die nüchterne Erkenntnis, dass alles anders ist, als ich es mir vorgestellt habe: Ich kam nach Polen, um eine neue Sprache zu lernen. Ich habe keine neue Sprache auf dem Kasten, dafür habe ich eine andere verloren. Mein Rumänisch, das ich als suffizient flüssig eingeschätzt hatte, ist ein Scherbenhaufen. Zwar verstehe ich noch immer, aber mein "Sprechen" ist kein Sprechen, sondern ein Wirrwarr aus Polnisch und Rumänisch und viel Schweigen. Autsch. Dieses Ziel meines Auslandsaufenthaltes ging nach hinten los. Und auch der Traum von interdiszipliärem Lernen, eine Seifenblase: ich habe kein geisteswissenschaftlich denkendes Hirn, das wurde mir bei den Diskussionen in unserer Gruppe klar. Ich sauge sehr gerne auf und höre gerne vieles, unterschiedliches, aber ich vermag es nicht zu verarbeiten, im Geiste drehen und wenden, zu Thesen zusammenzufassen, mit Thesen zu ringen... Es war eine Illusion, wenngleich eine schöne.
Seitdem ist einiges irgendwie anders. Auch habe ich zum ersten Mal Angst verspürt, gestern Abend, als ich kurz vor der Haustür war. Ein Mann kam zielstrebig auf mich zu, ich erhöhte mein Schritttempo, ebenso der Mann. Mit erschrecken wurde mir klar, dass ich mich nicht wehren könnte, sollte ich es denn müssen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann Böses unterstellte, was ich zuvor nicht tat bei fremden Menschen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann unrecht tat. Er sagte, er würde so gerne eine Tasse heißen Tee trinken, ob ich nicht ein wenig Geld einstecken hätte.
Ich bin froh, dass ich ab morgen wieder Uni-Alltag vor mir habe, den ganzen Tag lang Blockpraktikum Chirurgie, die nächsten drei Wochen. Ich hoffe, ich kann mich selbst wieder ordnen.