okay, nicht nur 24 little hours, es war schon ein bisschen mehr. vielleicht zu viel. Gestern Abend war ich seit langem froh darüber, dass die Rumreiserei beendet ist und ich nach Hause zurückkehren konnte.
Donnestag bis Sonntag auf dem Weg nach und in Vilnius, hitchhiken. Schwierige Umstände: 5 Leute, Beginn der Reise erst, als es schon dunkel war. Dementsprechend verlor sich die Gruppe auch. Die einen bekamen einen Ride nach Bialystok, die anderen nicht. Um das Reisefieber aufrechtzuerhalten entfachten wir flux ein Feuer im Kamin, grillten Würstchen darin und bauten ein Zelt im Zimmer auf, um am nächsten Morgen mit dem Zug zu den Anderen zu stoßen und anschließend gemeinsam nach Suwalki in der Nähe der polnisch-litauischen Grenze zu fahren. Von dort aus wieder Hitchiken, die eine Gruppe erfolgreich bis Kaunas, 100 km vor Vilnius, die andere Gruppe erfolglos, keine Grenzüberschreitung. Aber dafür wieder eintauchen mitten ins Leben der Menschen hier: Geburstag der Großmutter der Familie, bei der man die Nacht verbringen durfte. Das pure Leben. Vilnius selbst überrascht als Stadt (im Übrigen europäische Kulturhauptstadt in diesem Jahr). Ich hatte vor meiner Ankunft da kein Bild im Kopf. Jetzt sind es viele, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen. Übrigens: logo, ich war wieder beim Friseur, wie es die Tradition gebietet. Ich muss jetzt 'n bisschen langsam machen mit Auslandsbesuchen, sonst hab ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Am vereinnahmendsten empfand ich das Künstlerviertel: mit Überschreiten einer kleinen feinen Brücke betritt man ihr Reich, das sie zu einer eigenen Republik Uzupis erklärt haben, mit eigener Verfassung und ohne politische oder kriegerische Akte wie man das aus Transnistrien oder sonstewo her kennt. "Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht an jedem vorbei zu fließen.", so lautet einer der 41 Artikel der Verfassung. Schön-schräge Leute mit offenen Herzen.
Von dieser frisch-fromm-fröhlich-freien Reiselaune ging es dann direkt nach Krzyzowa (Kreisau) in Niederschlesien, in deutlich ernshaftigere Tage. Der Weg dahin war wieder einmal wundersam. Im Zug von Warschau nach Breslau teilte ich ein Abteil mit Mihal, dessen Geschichte ich interessant finde. Vor mehr als 10 Jahren beschloss er, der Gesellschaft den Rücken zuzukehren und hauptsächlich im Wald zu leben, allerdings nicht an einem festen Ort, sondern immer wandernd. Ich fragte ihn, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat, und ich hörte von seiner Vergangenheit. Er war Sportler, Kickfighter. Sein tägliches, gutes Geld bringendes Geschäft war, Gegnern auf der ganzen Welt Gewalt anzutun. Eines Tages in Japan schlug ihm diese Sichtweise ins Gesicht und er beendete seine Karriere. Seitdem, so habe ich den Eindruck, ist er auf der Suche nach seinem Sinn. Wir sind uns in vielen Gedankengängen ähnlich, die 5 einhalb Stunden Zugfahrt vergingen schnell, wir konnten uns gegenseitig erzählen, was wir suchen, wenn wir draußen unterwegs sind, und was wir finden. Ich bin der Meinung, dass es für Mihal eine gute Entscheidung war, die Einsamkeit zu suchen. Aber es endete in einer Flucht vor den Menschen, jetzt muss er sich -so denkt er- für nichts rechtfertigen was er tut. Ich hoffe, er findet einen Weg, der ihn weiterführt. Denn im Moment hilft er, wenn überhaupt, nur sich. Es wäre egoistisch und schade, wenn er all die Aufmerksamkeit und seine Empathie für Leben nur für sich alleine sichtbar werden lässt. Ich glaube, unsere Begegnung hat ihn ein Stück verändert. Und das fühlt sich gut an. Und seit ihm weiß ich, wie man sich einen Benzinbrenner selbst baut, aus Coladosen. Unglaublich! Von Breslau aus versuchte ich zu hitchhiken nach Kreisau, was mir nach einer Stunde wohlwollenden Wanderns durch die Novembersonne auch gelang.
Jetzt ist der Eintrag schon so lang, und noch immer steht so vieles aus, das ich loswerden möchte. Die "Erinnerungslandschaft", die mir einiges an Kraft abverlangt hat, mir aber auch viel Neues gegeben hat. Kreisauer Kreis, eine Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg. Heute ist Kreisau Ort einer Jugendbegegnungsstätte. So viele Fakten, die ich zuvor nicht kannte, über die Familie von Moltke, über Widerstandsgruppen auch während des in Polen folgenden totalitären Regimes Stalins et al., über Papst Benedikt, der eine denkbar ungünstige Rede in Auschwitz 2006 gehalten hat, über sozialpsychologische Erklärungsversuche, wie "Töten als Arbeit" verrichtet werden konnte, über die friedenskirchliche Bewegung in Swidnica, über den Generalplan Ost, über die großen Differenzen in der Betrachtung der Annäherungsversuche zwischen Polen und Deutschland... Damit nicht genug. An Allerheiligen auf einem polniscen Friedhof herrscht eine ganz besondere Stimmung. Ein Meer aus Kerzen flutet die Grabsteine, und in diesen Momenten der Stille verspürte ich zum ersten Mal richtiges Heimweh.
Weiter in Oswiecim, wiederum in der Jugendbegegnungsstätte, Einblick in das pädagogische Konzept des Hauses, folgend dann Besuch in Auschwitz und Birkenau, was mir die Kehle zuschnürte und ich wort- und regungslos die Anlagen durchquerte, obwohl es mein zweiter Besuch dort war. Ein Zeitzeugengespräch mit Häftling 3444, das mir Bauchschmerzen bereitet hat (womöglich hervorgerufen durch meine aktuelle Lektüre "This way to the gas, Ladies and Gentlemen" von T. Borowski). Schlag auf Schlag wurden immer neue Themenblöcke eröffnet, die Woche war voll mit Inputs, die ich aufgeladen habe. Das war ja nur auszugsweise ein Einblick in das Programm. Krakau folgte mit mehr Ruhe, aber auch schmerzenden Erkenntnissen.
Unglaublich schön, ich habe Paul getroffen, meinen lieben Freund aus Rumänien, den ich seit 2 einhalb Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir quatschten die ganze Nacht, es tat gut, mit jemandem zu sprechen, der mir zumindst einmal vertraut war. Und dennoch die nüchterne Erkenntnis, dass alles anders ist, als ich es mir vorgestellt habe: Ich kam nach Polen, um eine neue Sprache zu lernen. Ich habe keine neue Sprache auf dem Kasten, dafür habe ich eine andere verloren. Mein Rumänisch, das ich als suffizient flüssig eingeschätzt hatte, ist ein Scherbenhaufen. Zwar verstehe ich noch immer, aber mein "Sprechen" ist kein Sprechen, sondern ein Wirrwarr aus Polnisch und Rumänisch und viel Schweigen. Autsch. Dieses Ziel meines Auslandsaufenthaltes ging nach hinten los. Und auch der Traum von interdiszipliärem Lernen, eine Seifenblase: ich habe kein geisteswissenschaftlich denkendes Hirn, das wurde mir bei den Diskussionen in unserer Gruppe klar. Ich sauge sehr gerne auf und höre gerne vieles, unterschiedliches, aber ich vermag es nicht zu verarbeiten, im Geiste drehen und wenden, zu Thesen zusammenzufassen, mit Thesen zu ringen... Es war eine Illusion, wenngleich eine schöne.
Seitdem ist einiges irgendwie anders. Auch habe ich zum ersten Mal Angst verspürt, gestern Abend, als ich kurz vor der Haustür war. Ein Mann kam zielstrebig auf mich zu, ich erhöhte mein Schritttempo, ebenso der Mann. Mit erschrecken wurde mir klar, dass ich mich nicht wehren könnte, sollte ich es denn müssen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann Böses unterstellte, was ich zuvor nicht tat bei fremden Menschen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann unrecht tat. Er sagte, er würde so gerne eine Tasse heißen Tee trinken, ob ich nicht ein wenig Geld einstecken hätte.
Ich bin froh, dass ich ab morgen wieder Uni-Alltag vor mir habe, den ganzen Tag lang Blockpraktikum Chirurgie, die nächsten drei Wochen. Ich hoffe, ich kann mich selbst wieder ordnen.
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