G. Schramm zu seiner Frau,
die für ihn Polen verlassen hat und nach Deutschland ging.
Ein sehr ernster und nachdenklicher Einstieg in einen neuen Post. Liegt vielleicht daran, dass ich dieses Wochenende mit zumindest halbwegs ernsten Gedanken abgeschlossen habe. Hat sehr gut getan, zur Abwechslung ;-). Nach einem kulturreichen Wochenendprogramm beschloss ich den gestrigen Abend nämlich mit einem Gottesdienst in der St. Anna Kirche in der Altstadt Warschaus. Gut, dass ich mit der Liturgie halbwegs vertraut bin, so konnte ich dem Rahmen des Gottesdienstes folgen, das Gebilde, das dieser Rahmen umspannte, waren jedoch meine ureigensten Gedanken. Ich war sehr erstaunt, so viele junge Menschen zu sehen, Sonntag Abend um neun in der Kirche. Sehr angenehme Atmosphäre. Das Skateboard brav an die Wand gelehnt, den Rucksack zu den Füßen gestellt und als endgültig kein Platz mehr war, dann fand man eben einen auf den Stufen des Marienaltars. Wow, Katholizismus in Polen hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt, eher so Richtung bieder. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren! Ich enthülle also von Zeit zu Zeit etwas, das da ist, ich aber überhaupt nicht kenne in diesem Polen. Sehr hilfreich dafür auch die heutige Vorlesung über polnische Literatur mit ihrem Schwerpunkt in der polnischen Romantik, die Grundlage der Moderne hierzulande. Interessante Diskussion mit den Franzosen, die gerne die Aufklärung, und Deutschen, die lieber die Klassik als Grundlage des modernen Lebens sehen möchten.
Ansonsten kann ich sagen, dass ich das Erasmus-Dasein manchmal auch echt anstrengend finde :-) diese ständige rumfeierei, das kann einem echt die letzte Energie rauben! Aber da gehts uns ja allen gleich, uns armen Studenten in einem fremden Land. Aber ich trage diese Crux gerne.
Und, wusstet ihr, dass es hier ganz in der Nähe von Warschau ein kleines Versailles gibt? Wilanów heißt der Ort, an dem ein sehr prunkvoller Bau eines polnischen Königs als Geschenk an seine geliebte Frau (übrigens eine Französin) in den blauen Himmel ragt. Ich persönlich wollte darin zwar nicht wohnen, dafür bin ich zu wenig Prinzessin wie wohl jeder weiß, aber schon ein schönes Plätzchen zum kurz- bis mittelzeitigen Verweilen! Gleich nebenan befindet sich auch das Museum für Werbe- und Filmplakate. Klingt nicht sonderlich spannend, ist aber doch ganz witzig. Wie witzig, könnt ihr hier sehen:
Was mir hingegen eher taugte zum längerfristigen Zelte-Aufschlagen ist das Gelände der "Ja Wisla"- Organisation, die sich den Schutz und Erhalt der Wisla (Weichsel) bzw der Natur im Allgemeinen zum Ziel gesetzt hat. Und diese Organisation lädt jeden Sonntag am frühen Abend zum Trommeln auf nem Boot ein. Ich sag mal, ein sehr kontemplativer Zeitvertreib, wenn man sich denn darauf einlässt. Ich habe mich eher darauf beschränkt, meinen ureigenen Rhythmus auf die Trommeln zu transferieren und die anderen Leute zu genießen. Verschiedenste Menschentypen, die eines gemeinsam haben: einen sehr weichen und einladenden, aufgeschlossenen Blick in ihren Augen. Echt angenehm. Am Ufer der Weichsel brennen Lagerfeuer und wieder einmal kann ich den Geruch nach Rauch in meiner Fleecejacke auftanken - er wäre mir schon beinahe abhanden gekommen.
Was mich sehr beeindruckt und Freude durch meinen Körper rauschen lässt: wochenends sind die Straßen Warschaus gefüllt mit Musik. Gitarristen, Violinisten, Sängerinnen und vor allem Akkordeonspieler. Ich verneige mich tief vor der Virtuosität so manches Schifferpianisten. Da sind doch tatsächlich zwei Künstler, die Bach'sche Fugen auf der Quetsche zum Besten geben. Respekt, das klingt sooooo schön!
Und übrigens, die Spur der Kinder des Glücks ist unübersehbar hier zu erkennen: heute Morgen fahren die Straßenbahnen nicht wegen Reparaturarbeiten. Zu blöd, dass wir erst um kurz vor 9 das Wohnheim verlassen (um neun geht der Unterricht los, wir fahren normalerweise 6 Minuten mit der Tram und laufen dann nochmal 10). Schön wiederum: schon das dritte Auto, bei dem wir den Daumen raushalten, stoppt neben uns und gibt uns nen lift zu unserer Uni. jippijeijeeeaaaah, das erste mal "getrampt" hier, wenn auch nur ganz kurz.
so, zum Schluss noch ein paar Fotos und nen dicken Kuss!
Sehr schön schreibst du... ne gewisse Ernsthaftigkeit fehlt mir hier oben noch! Ich denk an dich und Post ist mal wieder unterwegs :-) Mach´s gut, liebe Ella... deine Friederike
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