Montag, 1. März 2010

Donnerstag, 25. Februar 2010

aus den Notizbüchern des Ryszard Kapuscinski

"Reisen, Lesen und Reflexion - das sind die drei Quellen, aus denen ich beim Schreiben schöpfe, sie liefern mir noch sporadische Ausflüge in die Posie und Fotografie.
Die erste Quelle ist also die Reise als Entdeckung, als Exploration, als Anstrengung des Wissenschaftlers. Reisen als Suche der Wahrheit, nicht nach Entspannung. Ich möchte mich der Wirklichkeit, der ich begegne, annähern. Sie sehen, erkennen, begreifen. Das verlangt ständige Konzentration und gleichzeitig ein ständiges Sich-Öffnen, um möglichst viel aufzunehmen, erleben, erinnern zu können.
Die zweite Quelle ist eine umfangreiche und ständige Lektüre. Wenn man seinen Texten kubistische Qualität verleihen will, muss man seinen Blickpunkt um zusätzliche Lichter und Perspektiven erweitern. Daher verwende ich viele Zitate. Es geht mir darum, auch andere Stimmen ertönen, andere Urteile und Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Das Studium der Literatur des jeweiligen Gegenstandes ist natürlich in vielerlei Hinsicht nützlich. Nicht zuletzt, weil der Mensch manchmal glaubt, er habe auf einer Reise eine Entdeckung gemacht. Bei der Lektüre stellt sich dann heraus, dass vor ihm schon jemand die Idee hatte! Also versucht man eine andere Richtung einzuschlagen, um sich nicht zu wiederholen, keine Banalitäten hinzuschreiben.
Die dritte Quelle schließlich, die in Verbindung steht mit den beiden vorigen, ist meine Reflexion. Durch das Prisma meiner eigenen Erfahrungen als Reisender und Leser versuche ich meinen Blickpunkt zu definieren, die sich aufdrängenden Reflexionen niederzulegen, die gesammelten Eindrücke zu überdenken, die Gedanken zu ordnen.
Ich betrachte mich als Erforscher des Anderen - anderer Kulturen, anderer Denkweisen, anderer Verhaltensweisen. Ich möchte die positiv verstandene Fremdheit kennenlernen, mit der ich in Berührung kommen will, um sie zu begreifen. Es geht darum, wie man die Wirklichkeit neu und adäquat beschreiben kann. Manchmal nennt man solches Schreiben nicht-fiktionales Schreiben. Ich würdes es kreatives nicht-fiktionales Schreiben nennen, die persönliche Anwesenheit ist dafür wichtig. Manchmal fragt man mich, wer der Held meiner Bücher sei. Dann sage ich: Dieser Held bin ich, denn die Bücher handeln von einer Person, die herumreist, sich umschaut, liest, nachdenkt und über das alles schreibt..."

Sonntag, 7. Februar 2010

Warszawo ma, o Warszawo ma
Wciąż płaczę, gdy ciebie zobaczę Warszawo,
Warszawo ma.
Tam w gettcie głód
I nędza i chłód
I gorsza od głodu, od chłodu tęsknota
Warszawo ma.
Warszawo ma,Patrz w oku mym łza
bo nie wiem czy jeszcze zobaczę cię jutro
Warszawo ma.
Warszawo ma, o Warszawo ma
Wciąż płaczę, gdy ciebie zobaczę Warszawo,
Warszawo ma.
Warszawo ma, Patrz w oku mym łza
bo nie wiem czy jeszcze zobaczę cię jutro
Warszawo ma.

Donnerstag, 21. Januar 2010

KONIEC ZABAWY

Ende Gelände

ich seh's ja ein...

... der letze Beitrag war einfach viel zu lang. das kann ja kein mensch lesen wollen. dafür wird der nächste umso kürzer, passt mal auf...

Sonntag, 17. Januar 2010

Warszawa-Lwow a dalej

„So ist am End’ die letzte Spur
ein Haus, ein Stall, des Lebens nur“

Die Sprüchlein kam mir heute Vormittag in mein Hirn, als ich mit Ana auf dem Tasu war und wir an den Resten der immer weiter in sich zusammenfallenden Hütte dort oben standen. Und nun sitze ich am Schreibtisch im Büro und versuche, diese Erinnerungsstütze über meine letzten Tage zu schreiben. WARSZAWA-LWOW a dalej.
Auf dem Programm stand die lang ersehnte Reise nach Lwow, mit Rückfahrt über Rumänien. Wenn man schon mal unterwegs ist... Eine Reise, vor der ich richtiges Lampenfieber verspürte. JB wird ein Stück, bis nach Lemberg, mit mir mitreisen, dann muss er aber zurück an den Schreibtisch zum ordentlichen Studieren.
Für mich persönlich sollte die Reise eigentlich „Lodz-Lwow a dalej“ heißen, da ich natürlich schon in Lotsch zum ersten Mal meinen Arm austreckte, mit meinem Ziel „Kirsch-Hotel“ in Warschau. Ich begann kurz vor einem wunderbaren Sonnenuntergang vor den Türen meiner Stadt. Jeah, on the road, in the free again. Dr erste Stopp mit einem “Kollegen”, einem GP, der an meiner Uni auch doziert und mir viel über Ausländerfeindlichkeit v.a. gegen Muslime in Lodz erzählt hat, so viel, dass einem fast schlecht werden kann davon. Der zweite Stopp dann ein LKW! Da kam der Kindheitstraum noch einmal kurz auf, Lasterfahrerin werden zu wollen, weil man von der Fahrerkabine aus einen so wunderbaren Blick auf die Straße und die Umgebung hat. Adam, mein Fahrer, war ein recht charmanter und witziger mittel-junger Kerl. Und er brachte mich direkt bis in die Kirschenstrasse, wo das Franzosen-Hotel ist. Chloe, eine Freundin von Charlotte, war auch noch immer da, eine sehr offene, nette, unkomplizierte Frau. Mit ihr zusammen bin ich dann in die Stadt getiegert, ins HardRockCafe, wo wir ChaCha, Oya, Gökcen, Cemil, JB... getroffen haben. Das Konzert war eher mäßig, aber schön, die ganzen Leute noch mal zu sehen. Nachts dann koppelten JB und ich uns noch mal kurz rück ob unseres Reisevorhabens: Wir verlieren zu viel Zeit, wenn wir tatsächlich versuchen, auf einem Schiff nach Lublin zu hitchhiken, auch wenn wir das gerne machen würden. JB hat nur bis Sonntag Zeit, d.h., nach Lwow muss er wieder heim (Tag des Aufbruchs aus Warschau ist Mittwoch). Okay. Kurz noch schlafen und dann geht’s auch schon los.
Wie immer war es durchaus schwierig, die Großstadt zu verlassen und wir merkten, dass es deutlich kalt (-5°) war. Aber mit ner guten Portion Spaß trotzten wir der Kälte. Es lud uns dann ein Lieferwagenfahrer ein, der gar nicht gesprächig, dafür aber sau freundlich war. Per Funk gab er durch, dass er zwei Passagiere geladen hat, die gerne bis nach Lublin gelangen möchten, ob uns jemand aufgabeln könnte. Voll lieb. Das tat dann auch jemand, und somit waren wir schwupps schon in Lublin!
Eine beeindruckende Stadt, die wir dann auf eigenen Faust ein wenig erkundeten. JB kaufte sich eine Mundharmonika (wir beide wollten uns unterwegs ein Musikinstrument zulegen, aber Mundharmonika sagte mir nicht ganz zu, ich wollte etwas besonderes – wenn ich es träfe, würde ich es schon merken, dachte ich mir) und danach kontaktierten wir unsere Couchsurferin Magda. Ihre WG gefiel uns auf Anhieb, 7 Leute, die auf recht engem Raum miteinander leben, der Geist ein wenig anarchistisch, aber allesamt sehr aufgeschlossen und exzellenter Musikgeschmack. Magda ist im letzen Sommer im Übrigen von Lublin aus nach Westfrankreich getrampt und war u.a. auch in Lille, der Stadt, in der JB studiert (und die sonst keiner kennt ;-) ). Witzige Sache: In Frankreich ist Magda relativ konsequent TGV gefahren, ohne Ticket, und hat auch jedes Mal eine Strafe in Höhe von 200 € ausgestellt bekommen. Hat sie herzlich wenig gejuckt, da sie wusste, dass Schwarzfahrerei nicht bis nach Polen verfolgt wird. Praktisch praktisch, sag ich da mal, und irgendwie mutig. Das würde ich mich glaub ich nicht trauen. Mit dabei wohnen auch noch Jauhen und Tania, beide aus Weißrussland stammend, die im Exil Polen studieren, da ihnen zu Hause der Zugang zur Universität verwehrt wird, weil sie an einer politischen Demonstration für Demokratie teilgenommen haben. Wahnsinn, so schnell gelange ich an die Grenzen meiner Welt. Zwei Länder ostwärts, eine kleine Verschiebung der Zeitzone et voilá, schon ist so manches anders, was ich daheim als ziemlich selbstverständlich annehme. Wir in „unserem Europa“ leben schon im Paradies – was natürlich nicht heißt, dass wir nicht auch in unserer Welt einiges verändern und nach bestem Wissen und Gewissen verbessern könnten. Es lebe der unbändige Idealismus in meinem Köpfelein ;-).
Nach einer recht kurzen Nacht und meinem neuen Lieblingsbier -Perla- machen wir uns dann in der Früh auf die Socken, um noch am selben Tag Lwow zu erreichen. Magda warnte uns schon, dass auf er von uns auserkorenen Strecke nicht so wahnsinnig viele Autos unterwegs sein werden, aber es wäre schon durchaus möglich. Richtung Osten verlassen wir also diese Perle Polens und unser Weg rauswärts führt uns direkt an der Erinnerungsstätte des KZ Majdanek vorbei, einem Lager, das für kurze Zeit auch Vernichtungslager war. JB befand sich zum ersten Mal an solch einer Gedenkstätte, er hatte sich, wie er selbst meinte, bisher immer davor gedrückt. Und so wirkte Majdanek auf ihn, so wie es auch auf mich wirkte. Obwohl wir uns keine Ausstellung o.Ä. ansahen, sondern lediglich das Gelände durchstreiften und uns von dem riesigen Denkmalstein erschlagen fühlen ließen stellte sich bei mir wieder einmal das Gefühl der Leere ein, nichts in mir, kein Wort, kein Gefühl, kein Gedanke. Hello darkness, my old friend, i’ve come to talk to you again. So ging es auch JB. Und nach geraumer Zeit auf dem Weg – wir beschlossen, erst noch ein Stück an der Straße zu laufen, bevor wir autostoppen wollten, begann sehr zart aber beharrlich ein laienhaftes Gespräch über die Psyche der Menschen und ihre Abartigkeiten. Und von dort schweiften wir zu einem Gebiet, auf dem JB tatsächlich fit ist, die Staatsphilosophie. Herrlich, mit ihm darüber zu quatschen. Er hat in seinem cours preparatoir in Frankreich Philosophie gepaukt und macht nun international relations, insofern hatte ich in ihm einen in meinen Augen kompetenten Gesprächspartner und er in mir immerhin jemanden, mit dem er reden konnte ;-). Und so langsam konnten wir den Dämonen des Lagers verpacken und unseren Reisegeist aus der Lampe hervorkriechen lassen. Während der Warterei auf ein Auto und noch dazu eines, das uns auch noch mitnehmen würde, kam dann auch die Mundharmonika zum Vorschein und nur die Bäume an der Straße sind Zeugen unserer Virtuosität. Die Stopperei ging eher schleppend vor sich, hier mal 5 km, dort mal 13, dann wieder lange Pause... Ein Hüngerchen kam auf und wir gingen jagen in einem kleinen Geschäft, Semmeln mit Streichkäse sollten es werden. Nur hatten wir, wie wir feststellten, kein Messer bei uns. Also flux ins benachbarte Baugeschäft, wo wir dann eine wie für uns gemachte kleine Spachtel fanden. Ohne, dass ich es wusste, ging damit ein Traum von mir in Erfüllung: Semmeln mit Spachtel schmieren, jeah, das ist so wild. Im nächsten Örtchen dann ergab sich schon ein wunderbares Ereignis: dort war ein Laden, in dem ein Mann alte Musikinstrumente repariert. Aus Lust und Laune gingen wir hinein und ich fragte den Mann, der konzentriert an einer kleinen Ziehharmonika arbeitete, ob er denn ein kleines, feines Instrument hätte, das sich gut für die Reise eignete. Ob ich an etwas Spezielles dächte? Nein, ich kann eigentlich eh nix wirklich spielen, insofern überlasse ich die Wahl ganz ihm. Er kramte ein wenig in einem Regal umher und wendete sich uns mit einem schwarzen Kästlein unterm Arm wieder uns zu. Woher wir denn stammten wollte er wissen. Deutschland und Frankreich, so erklärte er uns dann, hätten in den Vorstellungen der erstrebenswerten Dinge eine ähnliche Auffassung wie Amerikaner, alles müsste größer, schneller, weiter... sein. Nicht so jedoch mit dem Schatz, den er nun hat: das sei russische Produktion und man legte dort Wert auf klein, kompakt, funktionabel. Und, tataaa, er öffnete das Kästchen und eine kleine Piccolo-Querflöte strahlte uns leicht oxidiert entgegen. Es folgten noch Erklärungen über die spezielle Klappentechnik, die auch anders als beispielsweise bei französischen Fabrikaten sei. Am Hals der Flöte entdeckte ich in kyrillischen Buchstaben „Stalingrad“ eingraviert. Wir plauderten noch so eineinhalb Stunden mit diesem Mann, über seine Arbeit, seine Ausbildung, die teilweise in Frankreich stattgefunden hatte (er sprach fließend Französisch), über die Mentalitäten, die er dort und auch in der Schweiz kennengelernt hatte. Kurzum, eine herrliche Begegnung. Am Ende wechselte das gute Stück (davon gehe ich aus) den Besitzer und seitdem ist Giselle meine Reisebegleitung. Diesen eher hässlichen Namen hat sie allerdings erst später, in Rumänien, von Ana erhalten. Und nun, auf nach Lwow! Dachten wir. Es war wirklich nicht einfach, die EU zu verlassen. Endlich in Zamosc, aber schnell weiter, wir wollen heute noch ukrainischen Boden unter den Füßen verspüren! Nächster Halt dann Tomaszow Lubielski, von dort noch 23km zur Grenze. Und kein Weiterkommen mehr. Mehrere Stunden standen wir in der Kälte, selbst im Dunkeln versuchten wir unser Glück. Und tatsächlich, es hielte Autos an, aber die fuhren allesamt nicht in die Ukraine. Das Zeichen hinter der Frage, wo wir denn übernachten werden, wurde immer größer, ebenso die Enttäuschung. Nochmals rauscht ein Auto an und – hält. In die Ukraine? Nein, leider nicht, aber bis zur Grenze kann ich euch bringen. – Weißt du denn, ob es da ne Übernachtungsmöglichkeit gibt? Wir wollen eher nicht draußen bleiben. – Nein, weiß ich nicht. Aber hier in der Stadt gibt es ein katholisches Internat, da kann man günstig übernachten. Soll ich euch dort hinbringen? – Ja, das wäre super! Gesagt, getan. Mieszko diskutierte mit großem Einsatz mit der Aufsicht, die uns erst abweisen wollte, da die Direktorin des Internats ihr Placet geben müsse, diese aber nicht zu erreichen sei. Aber irgendwie schaffte es dieser Schelm dann doch, die Damen zu überzeugen, dass wir dort bleiben durften. Vielen Dank, Mieszko! Wieder eine Begegnung, die mich fast platzen lässt vor Freude. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, immer und immer wieder solche Menschen zu treffen. So hilfsbereit, offenherzig, verständnisvoll, nett, interessant... Gigantisch. Und in dem Internat dann waren wir wohl DIE Atracktion des Abends. Katholisches Internat, klar, der Mädchen- und Jungenflur ist strikt getrennt. Aber JB und ich durften in einem Zimmer übernachten. Sie hatten sogar die Betten für uns zusammengeschoben, sie dachten wohl, wir wären als Pärchen unterwegs. Witzig. Wir beschlossen, noch vor dem Abendessen, zu dem wir herzlich eingeladen worden waren, eine heiße Dusche zu nehmen, da wir tagsüber doch ordentlich gefroren hatten. Die Berichterstattung im Zimmer dann war echt witzig: die Mädels bei mir wirkten wirklich katholisch brav, sie befolgten die Regeln, von denen wir zuvor gehört hatten: kein Alkohol, kein Rauchen, keine Geschlechter-übergreifenden Begegnungen auf den Zimmern. Die Jungs hingegen müssen im Waschraum ganz schön gehaust haben: Ein paar Fliesen aus der Wand geschlagen, und dahinter verstauten sie Alkohol, Zigaretten, alles, was das jugendliche Herz scheinbar begehrt. Interessanter Einblick in das Leben der Internats-Kinder. Nach dem Abendessen dann wurden wir gefragt, ob wir es denn für möglich hielten, bei der abendlichen Vollversammlung etwas über uns zu erzählen, wer wir sind, was wir machen, warum wir gerade hier sind. Hallo Zoo, von Innen. Wir schlugen diese Bitte natürlich nicht ab, fühlten uns aber nicht sonderlich wohl dabei. Als wir dann in den Saal kamen, waren die Jugendlichen gerade dabei, Pantomime zu spielen. Ein Begriff, der auf einem Zettel stand, musste ohne Worte dargestellt werden. Und wir machten mit. Und logo, wir hatten großes Interesse daran, dass dieses Spiel bis zur Bettruhe um 22 Uhr gespielt wurde. Und wir hatten Erfolg.
Am nächsten Morgen dann mit neuem Elan auf nach Lwow! Aber es war immer noch schwierig. In Polen war Feiertag, in der Ukraine beging man die orthodoxen Weihnachten. Ein Graus. Sollte unsere Reise womöglich hier enden? Wir gingen zum Busbahnhof, um zu fragen, wann denn der nächste Bus nach Lwow fahren würde, Vor Montag gar nicht mehr, wisst ihr, hier ist Feiertag und in der Ukraine ist Weihna... ja, wir wissen. Shit. Montag, da muss JB schon wieder an seinen Büchern sitzen. Entweder wir kommen heute, Freitag, relativ Zeitnah nach Lemberg oder gar nicht mehr. Und so versuchten wir wieder zu trampen. Wieder zentimeterweise, so schien uns. Und dann waren wir auf einmal da, an der Grenze, direkt am Schlagbaum. Nur, diese Grenze dort kann man nur überqueren, wenn man sich IN einem Fahrzeug befindet, zu Fuss is nich. Wir lachten uns vor Verzweiflung halb kaputt, weil wir es selbst für unmöglich hileten, direkt am Schlagbaum aufgegabelt zu werden. Ein kleiner Plausch mit der Grenzbeamtin, die uns bedauerte, sie könne uns nur im Fahrzeug passieren lassen. Herrlich. Es kamen eh nur sau wenig Fahrzeuge. LKWs, vor denen wir solche Angst hatten, weil sie so schnell waren, dass wir in den Straßengraben sprangen, als sie sich uns näherten. Wir sangen Lieder, das ist wohl als Übersprungshandlung zu deuten, wir glaubten nämlich auch nicht daran, dass uns irgendjemand zurück nach Tomaszow nehmen würde, war ja niemand da, der die Grenze überquerte... Und dann, ein roter VW Bus, der womöglich auf Grund des Tanzes, den wir aufführten, als wir ihn sahen, anhielt. Hei, könnt ihr uns nur über die Grenze mitnehmen? Zu Fuß können wir da nicht rüber. – Schmuggelt ihr auch nix? – Nein, wir haben nur uns, ein Brot und Schlafsäcke. – Ok, dann steigt ein! YES! Ukraine, wir sehen dich nicht nur, wir werden dich bald betreten! Die Grenze von ungewohnter Art für mich seit Schengen. Richtige Kontrolle mit bewaffneten Beamten und so. Die waren auch noch recht unfreundlich, schien mir. Ein Formular musste ausgefüllt werden, Passnummer-Angabe, Grund der Einreise, Aufenthaltsort... ups, so wirklich wussten wir das nicht, wir wollten halt einreisen und dann kucken, wo wir blieben. Zum Glück hatte ich für alle Fälle die Adresse eines Hostels in Lwow aufgeschrieben, die wir dann angaben. Und wenn sie eine Buchungsbestätigung wollten? Tja. Dann rief der Grenzbeamter uns zu sich. Bibber bibber. Dieses Formular bot uns drei Sprachen an: Ukrainisch, Russisch und Englisch. Da letzteres die einzige Sprache war, der wir mächtig sind, beantworteten wir sie Fragen auch auf Englisch. Der Grenzbeamter konnte das wohl scheinbar nicht, und meine Angst legte sich schnell, als mit klar war, dass ich dem Mann einfach nur noch einmal sagen sollte, was ich zuvor auf den Zettel geschrieben hatte. Alles gut. Kuhl auch, JB zu sehen, der zuvor eh noch nicht so viel gereist war, geschweige denn, einen solchen Grenzübertritt miterlebt zu haben. Er raunte mir nur die ganze Zeit zu, dass er nervöser ist als vor einem Auftritt mit seiner Band. Wie schön, das so mitzuerleben. Und dann kamen die Pässe zurück, schön mit Einreisestempeln versehen. Stolz wie Oskar waren wir. Wir hatten es geschafft, hitchhiken in die Ukraine. Und die beiden Männer im Auto boten uns an, nachdem sie nun wussten, dass wir nach Lemberg wollten, dass sie uns bis dahin mitnehmen könnten, sie müssten da eh hin. Und am Sonntag fahren sie wieder zurück nach Polen, falls wir mitwollten. Tataaa und JB hatte eine Rückfahrmöglichkeit. Herrlich.
Die Ukraine präsentierte sich uns mit unglaublicher Leere. Einfach Niemandsland und nichts zu sehen weit und breit außer Schnee, Schnee und Schnee. Wie wild. Ab und an ein Straßenschild, das ich nicht lesen konnte: kyrillisch. DAS ist die Fremde. Mein Entschluss war gefasst, ich werde hier nicht allein hitchhiken, ich kann ja nicht mal nachvollziehen, ob wir in die richtige Richtung fahren. Nene, das ist mir ein zu heißen Eisen alleine. Wirklich, ich war auf dieser Reise so nervös wie schon lange nicht mehr. Und dann kamen wir an, in Lviv. Wir spazierten einmal quer durch die ganze Stadt, um tatsächlich zu dem Hostel zu gelangen, dass ich zuvor schon einmal erwähnt hatte. Und schon hatte die Stadt unsere Herzen erobert. Vielleicht lag es daran, dass wir alles bestaunen konnten, einfach deshalb, weil es uns recht lange dauerte, bis wir entziffern konnten, was auf den Schildern geschrieben stand. Wir freuten uns wir Erstklässler, wenn wir „Chleb“ oder „Poczta“ enträtselten. Und dann war ja Weihnachten. Anders als bei uns: So viele Menschen waren auf der Straße unterwegs, als Könige, Dämonen, Engel, Tiere verkleidete Jugendliche sangen Weihnachtslieder auf der Straße (die waren den polnischen Kolede sehr ähnlich) und sammelten Geld. Auch was spannendes: Die Währung da ist so schwach, dass das Münzgeld nahezu wertfrei ist. Deshalb wird das Geld dann nicht in nem Hut oder so gesammelt, sondern in großen Jutesäcken, wo die Menschen die Geldscheine reinstecken. Witzig anzusehen, irgendwie. So viel los auf den Straßen. Obwohl es uns danach war, uns in dieses Getümmel zu stürzen, waren wir so vernünftig, erst einmal unser „zu Hause“ zu finden, um einen Schlafplatz zu sichern und unser Gepäck loszuwerden. Und das „old Ukrainian home“ war ein guter Stopp. Lockere Atmosphäre, nette Leute, was will man mehr. Es gab noch ein paar Empfehlungen, was es sich lohnt zu sehen in der Stadt und dann sind wir wieder raus. Am Weihnachtsmarkt wollten wir uns aufwärmen mit einem Honig-Wodka und wie das so ist, kamen wir mit einem alten Mann ins Gespräch, der uns unbedingt auf einen weiteren Schuss einladen wollte und uns erzählte, wie sehr er Polen mag. Ach ja, JB und ich hatten beschlossen, uns auf Polnisch zu unterhalten, um nicht ganz so westlich zu wirken. Ich schätze mal, dass uns unsere Akzente zwar eh hundert Meilen gegen den Wind verraten hatten, aber für unsere polnisch-Praxis war das gar nicht schlecht. Und es war faszinierend zu sehen, wie diese slawischen Sprachen ineinander übergreifen. Ukrainisch lesen ist zwar nicht so flott, weil wegen kyrillisch und so, die Worte hingegen sind dem Polnischen nicht unähnlich. Insofern sprachen wir immerzu Polnisch, die Menschen antworteten uns in einem Mix aus Ukrainisch und Polnisch und wir waren froh und auch ein bisschen stolz, wie gut wir doch die fremde Sprache, in der wir leben, meistern. Dann probierten wir noch eine Kneipe aus, die uns empfohlen worden war. Dort machen sie auf Sozialismus. Man muss an einer alten Holztür klopfen, nach einiger Zeit öffnet sich ein kleines Fenster in dieser Tür und man blickt in einen Gewehrlauf. Daraufhin muss man dann eine Losung sagen, woraufhin sich die Tür öffnet. Der als Soldat verkleidete Mann, der einem das Gewehr ins Gesicht gehalten hat, hält nun Wodka bereit, den man zu trinken hat, ohne die Miene zu verziehen. Tut man das, wird man wieder vor die Tür geschickt. Und dann kann man die Kneipe betreten, die insgesamt einen recht militärischen Stil aufweist. Für mich gabs Bier, für JB Wodka, und dazu gabs gebratene Schnweineschnauzen. Crazy. Leicht angeheitert suchten wir dann unseren Weg nach Hause, nicht, ohne zuvor natürlich nochmals einzukehren wo es uns lustig schien. Am nächsten Tag (es ist inzwischen Samstag) stand dann streunen durch die Stadt an, was wir auch reichlich taten. Auf einem Flohmarkt fanden wir eine Klarinette, die JB dann unbedingt haben wollte, weil sie doch authentischer ist als die Mundharmonika, und wir verhandelten tapfer mit dem Mann, der sie uns anbot. Und so fand nun Kryzka ihren Weg zu JB (JB hat sein Instrument Kryzka getauft, das ist die polnische Kurzform für Krystyna, als Dank, dass ich ihn zu dieser Reise aufgefordert hab). Die Stadt im Allgemeinen erscheint mir sehr kreativ und erlebenswert, überall interessante, zum-Staunen-bringende Figuren und Details an den Häuserfassaden. Was macht zum Beispiel ne sitzende Freiheitsstatue mit Fackel und Krone auf ’nem Gebäude in der Nähe des Hauptmarktes? Spannend auch die Wahlplakate zu verfolgen. Wir beiden mussten jedoch leider feststellen, dass die Wahlen in der Ukraine bisher nicht in unserem Bewusstsein waren. Am 17. Januar ist der Gang zur Urne, und so wie es aussieht, ist der orangenen Revolution schon vor Langem der Atem ausgegangen, der jetzige Präsident Juschtschenko ist verhasst bei den Bürgern. Und so vergingen die Stunden wie im Fluge und des Abends ward es dann Zeit für mich, mein Päcken zu schultern und zum Bahnhof aufzubrechen.
Mein Zug ging um halb zwölf nachts, Richtung Suceava, meine Anspannung stieg immer mehr. So viele Gerüchte hatte ich gehört zuvor: „Wenn jemand Geld von dir will, dann kannst du schon drüber verhandeln, aber nicht zu sehr, im Zweifelsfall zahlst du lieber! Es ist normal dass nicht nur ein Polizist Geld von dir haben will, sondern auch einer von der Armee und der Grenzbeamte dann sowieso. Und am Besten bezahlst du mit Dollar“. Toll, das kann ja heiter werden. Dollar hab ich eh nicht einstecken, Euros mal gerade 5. uiuiui. Ich war so nervös, dass ich anfangs gar nicht schlafen konnte auf meiner Pritsche. Irgendwann aber übermannte mich die Müdigkeit und ich fuhr gen Rumänien, ohne es zu merken. In der Früh dann ein Erlebnis, dass mich staunen ließ: zwei Medizinstudenten aus Bukarest, jedoch ukrainischer Nationalität, zählten all ihr Geld, das sie bei sich hatten und diskutierten, wie viel sie wohl dem „Betreuer“ unseres Wagons geben sollten, damit sie keine Probleme bekämen. Ich verstand, worum es ging, weil sie sich auf Rumänisch unterhalten haben. Am Ende entschieden sie sich für 200 RON, das sind rund 50 €, die der Mann dann in ein Päckchen Zigaretten steckte, das er dem „Betreuer“ gab. Aha. Und wieder einmal Augenzeuge von Bestechung. Holladiro. Gegen 9 Uhr in der Früh dann die erste Grenzkontrolle. So ganz hab ich den Beamten nicht verstanden, er mich wohl auch nicht. Aber er wird nichts groß anderes gefragt haben, ob ich was zu verzollen hätte. Einen 1 Liter Wodka hatte ich einstecken, aber das darf man ja. Dann kam ein rumänischer Grenzbeamte, der wissen wollte, wo wir hinfahren und was wir dabei hätten. Er trug einen Mundschutz. Nach ihm kam eine Krankenschwester, ebenfalls mit Mundschutz, die Formulare wahlweise in Russisch, Ukrainisch oder Rumänisch an uns verteilte, wo wir Aussagen zu unserem Gesundheitszustand machen mussten. Haben Sie Fieber, Husten, verspüren Sie Unwohlsein? Waren Sie in den letzen Tagen in Kontakt mit Menschen, die Fieber, Husten, Unwohlsein hatten? Wo reisen Sie hin? Ah, Schweinegrippe lässt grüßen.
Und dann, finally, bin ich in Rumänien. In Suceava steige ich aus und versuche mühsam, mich ein bisschen durchzufragen zum Busbahnhof. Schrecklich, wieder bin ich stumm. Ich verstehe die Menschen ziemlich gut, aber ich kann nicht sprechen, weil mir nur Polnisch im Kopf rumgeistert. In der Stadt selbst war ich ein wenig schockiert ob des Zustandes der Stadt. Klar, ich befinde mich in der ärmsten Region Rumäniens, in Moldawien, aber dennoch war ich überrascht. Ich glaube, die Krise schlägt wirklich wild um sch in diesem Land und macht den Menschen das Atmen schwer. Mit einem Microbus fahre ich nach Vatra Dornei und von dort aus wieder hitchhikend nach Piatra Fintinele. Fröhlich wandere ich ne knappe Stunde auf der Straße. Rumänien ist einfach anders. Anders als Polen, anders als der Westen. Rumänien ist Rumänien, nach wie vor. Und klar, es mag sich rasend schnell entwickeln in den Städten. Aber hier auf dem Land wird sich so manch Einer fragen, ob er wirklich in der EU ist. Expect the unexpectable. An jedem Kreuz, das am Weg aufgestellt ist, bekreuzigen sich einige Menschen mehrfach, oder wenn sie an einer Kirche vorbeikommen. Selbst die Lenker der Pferdewägen, die mehr oder weniger angetrunken auf ihrem Heu liegen, heben die Hand, um ein Kreuz zu schlagen. Roma-Kinder laufen überall bettelnd umher.
Es sind nicht sonderlich viele Autos unterwegs. Dann aber hält eins an und nimmt mich mit. Ein Mountain-Ranger aus dem Calimani-Nationalpark. Mit ihm spreche ich Französisch, er erzählt mir begeistert über seinen Park. Und dann bin ich da: all die vertrauten Strukturen in Finit, greifbar nahe. Das Banner „Camere de inchiriat“ (Zimmer zu vermieten) hängt noch immer an dem Haus, an dem der Abzweig von der Hauptstraße nach Ciosa geht, der Abzweig, den auch ich nehme, um zum Tasu zu gelangen. Es ist Sonnenuntergangszeit. Ich bin erschlagen von der Schönheit und von dem Gefühl des Nach-Hause-Kommens. Ich weiß gar nicht, was ich machen will. Klar, ich laufe los. Ich atme schnell und tief, bis mir ein bisschen schwindelig wird. Ich will jauchzen vor Freude. Ich mache auf meinem MP3-Player das Braveheart-Lied an und die bagpipe-music, die an Sylvester immer gelaufen ist dort oben. Aber dann will ich hören, was sich um mich rum tut. Nichts, Stille, nur das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen. So vertraut. Hunde bellen, beißen nicht. Stille. Ich betrete das Gelände und laufe schnurstracks zu Eftis Hütte. Ich klopfe, ein wohlbekanntes „daaa“ ertönt und, nachdem ich meinen Kopf zur Tür hineingestreckt hatte, ein Redeschwall der Freude. Ich würde gerne antworten, kriege aber außer ein paar Brocken Polnisch nichts raus, deshalb lasse ich es bleiben. Nach einiger Zeit lacht Efti liebevoll über mich und meint, dass ich jetzt nur noch Russisch spreche, weil ich anstelle von „da“ oder „nu“ eigentlich ständig „tak“ und „nie“ rauswurschtle. Eieiei. Good to be back. Danach mache ich mich auf Richtung Werkstatt, Ana und Tibi sind dort unten. Mit dem Öffnen der Tür späht Ana aus dem Büro heraus und ihr Telefon klingelt mit Efti am anderen Ende, die ihr mitteilt, dass ich auf dem Weg zu ihr bin. Schon da. Ein schönes Wiedersehen. Krass, ich glaube, ich bin ganz schön emotional grade. Wenn ich bedenke, dass diese kurze Zeit gerade recht viel Platz in meinem Geschreibsel einnimmt. Aber das ist schon richtig so. Es war sehr emotional für mich. Und es fühlte sich gut an. Nach einer heißen Dusche und einem kurzen Blick in das für mich neue Büro und die Wohnung dort gehen wir in den Saal, trinken Tee, hören Van, quatschen und tratschen. Tibi kennenlernen, der auch sehr gut deutsch spricht. Und dann schlafen. Ich bin so müde nach dieser Reiseetappe. Und ich kann kaum warten, mich am nächsten Morgen umzusehen. In den zwei Jahren, in denen ich nicht da war, hat sich viel getan. Das Sanitärgebäude steht. Eine neue Heizanlage, ein Stromaggregat fest installiert worden. Anas Zimmer hat nun auch ein wirkliches Bett und ein Bücherregal, voll mit tollen Büchern. Es beginnt zu schneien. Ach, vieles erlebt in Fintinele, wenngleich ich auch nur kurz da war. So gut. Am Mittwoch Mittag sind Ana und ich nach Cluj aufgebrochen, um Paul zu treffen und Ana für ’nen Mädelsabend mit Freundinnen aus ihrem Studium. Und in der Nacht um 2 ging es dann mit dem Zug für mich weiter nach Miskolc in Ungarn (Lieben Dank noch mal für das Geburtstagsgeschenk, Ana), wo ich nach ein paar Mal umsteigen auch ankam in der Früh um acht. Den ganzen Tag Zeit, um in die Slowakei zu hitchen! Ich hatte schon großen Respekt davor, dieweil ich Ungarisch ja gar nicht kann, außer „Prost“ und „Danke“ hab ich nichts zu bieten. Und das Lesen / Aussprechen / Merken von Ortsnamen ist auch nicht die einfachste Übung. Deswegen hab ich dann den Autos, die gehalten haben, immer nur „Slowakia“ gesagt, wobei die meisten aber nicht dorthin gefahren sind. Wieder gestaltet sich meine Reise stückchenweise und vor allem auch ein bisschen in eine andere Richtung als ich vorhatte. Also, es wurde ein anderer Grenzübergang angesteuert. Somit führte mich mein Weg jedoch durch die hügelige Weinlandschaft Ungarns und ich bin inzwischen davon überzeugt, dass Ungarn nicht nur flach, sondern wirklich ein schönes Land ist, dass eben auch Hügel zu bieten hat dort oben. Nach gut 100 km und 5 Fahrern kam ich dann in Satoraljauhely an und zu Fuß an einer freien Grenze ohne alles (außer den Schildern, die mich darauf aufmerksam machen, dass ich einen anderen Staat betrete), überschritt ich den Rubicon (natürlich nicht, aber ich weiß nicht mehr, wie der Fluß dort hieß...) und befand mich im Handumdrehen in Slovenskie Nove Mesto. Das erste Land seit langem für mich, in dem ich mit Euro bezahlen konnte. Auch verrückt. Von dem Euro-Geld, das ich einstecken hatte, kaufte ich mir drei Karotten, weil ich tierisch Lust auf drei Karotten hatte. Oh, ich glaube, dieser letzte Satz ist einer der wichtigsten hier :-). Und auch hier konnte ich wieder Begeisterung ob der Sprache aufkommen lassen: ich Polnisch, die anderen Menschen Slowakisch, und man kann kommunizieren miteinander! Oh, wie sehr wünsche ich mir, wirklich Polnisch zu können, das wäre so herrlich!
Ich begann wieder, ein Stück Karotte-kauend die Straße entlang zu laufen, noch wollte ich nicht hitchhiken, sondern erst einmal slowakischen Boden unter meinen Füßen spüren, und wieder kam mir Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ in den Sinn. Warum? Ecce:
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: «Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.» - «Nun», sagte ich, «wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.» Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen [...]
Ich ging also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude [...] während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend [...]
Okay, es war nicht Frühling und nichts tröpfelte vom Dach, vielmehr war es saukalt, und auch mein Vater hat mich nicht rausgeschmissen, und die Geige war vielmehr Giselle, meine Flöte. Aber dennoch, es war mir wie ein ewiger Sonntag im Gemüte, und vielleicht bin ich ja auch ein Taugenichts, wer weiß das schon. Nach einiger Zeit dann begann ich aber doch mit der Hitchhikerei und ein paar Arbeiter nahmen mich nach gut eineinhalb Stunden wandern auf der Landstraße auch mit nach Trebisov. Von da aus dann noch nach Kosice und ich beschloss, dass ich diese schöne Reise jetzt beenden werde. Mir war kalt, ich war müde und hatte genug Abenteuer hinter mir. Deshalb erkundigte ich mich am Bahnschalter, wann denn ein Zug nach Polen fahren würde. Abends einsteigen, Mitternachts umsteigen, Frühs aussteigen. Klang akzeptabel. Der Ort, in dem ich umsteigen musste, war mir unbekannt. Dort wollte ich mir einen Kaffee aus nem Automaten holen und ärgerte mich tierisch, als ich sah, dass man dort nur mit Kronen bezahlen konnte. So ´ne Scheiße, haben die hier die Automaten noch nicht auf Euro umgestellt oder was. Oh man, Bahnhof halt. Und die Wachbeamten, die dort rumstreunten, haben mir verboten, in der Wartehalle zu schlafen, die Füße müssen auf dem Boden bleiben. Aha, na wenn’s euch glücklich macht, Leute zu schikanieren, dann schlaf ich halt auch meinem Rucksack mit den Füßen am Boden. In dieser grummel-müde-Laune verbrachte ich also drei Stunden in dem Bahnhof. Und erst bei meiner Abfahrt dämmerte mir, dass ich mich gar nicht mehr in der Slowakei, sondern schon in Tschechien befinde und ich deshalb meinen Kaffee in Kronen bezahlen sollte. Verrückte Wegführung. Nun, der nächste Zug brachte mich dann nach Krakau und eigentlich war ich der festen Überzeugung, noch einmal zu meiner Weihnachts-Familie, oder vielmehr Elas Mama, zu fahren, da wir kurz vor meiner Abfahrt damals noch gewitzelt hatten, dass sie gemeinsam mit mir nach Deutschland per Anhalter fahren würde. Somit wollte ich sie überraschen, wenn ich dann auf einmal vor der Tür stehe und frage, ob sie fertig gepackt hätte. Aber es gab nicht so wirklich eine fließende Zubverbindung nach Tarnow, mir war noch immer kalt und müde und so entschied ich mich, nicht noch einmal meine Zug-Sitz-zeit zu verlängern, sondern lieber direkt nach Hause zu fahren. Die letzte Strecke nach Lodz noch mal ewig lang, knapp 5 Stunden, und erst in der letzten Stunde, nach einem Toilettenbesuch, merkte ich, dass nicht alle Abteile des Zuges so kalt sind wie jenes, in dem ich mich die ganze Zeit über befand und schon anfing, polnische Züge zu verfluchen. Heissa hoppsassa. Wirklich, ich freute mich richtig, in meiner Wohnung anzukommen, wo die Heizung dahingehend nicht funktioniert, dass sie ständig heizt und es eigentlich viel zu warm darin ist! Die Aussicht auf frische Klamotten, eine heiße Dusche, was zu Essen (Nudeln und Zwiebel hatte ich noch, und einen Bergkäse aus Krakau). Und damit war sie vorbei, meine letzte Reise. Ich schätze, dass ich alles in allem doch gut die halbe Strecke per Anhalterin unterwegs war, was mich in meinem Positivismus den Menschen gegenüber durchaus wieder bestärkt hat. Zu Hause wartete auch ziemlich viel Post auf mich, die ich verschlungen habe. Schön, solch ein Heimkommen.

Sonntag, 3. Januar 2010

Wesolych swiat a szczesliwego nowego roku

Eine ziemlich schlichte Überschrift, unter der nun Einiges von dem, was ich die letzen 3 Wochen über erlebt habe, prangen wird. Es wurde nochmals spannend in Polen. Bevor ich Richtung Berge aufgebrochen bin, öffnete sich in mir die Tür Wehmut einen Spalt breit: aus langjähriger Erfahrung heraus war mir klar, dass die Feiertage schnell vergehen werden. Und dann ist Januar. Und damit ist dann auch schon koniec zabawy - Schluss mit lustig. Meine Zeit hier ist viel zu schnell vergangen, so scheint mir. Ich bin mir nicht einmal sicher, wohin ich all die vielen Eindrücke verstaut habe. Und ich packe noch immer ein in meinen Rucksack.
Nun also zunächst Aufbruch nach Zakopane. Einen Nachtzug wollte ich nehmen, um Samstag Früh im Wintersportparadies anzukommen und mit meinen couchsurfer-hosts in die Berge aufzubrechen. Einen heiden-Respekt hatte ich bei mir vor den kalten Temperaturen, -20 Grad klingt für mich nicht nach so super Reisewetter. Aber ich musste wieder raus, da ich mich hier in Lodz in der Wohnung wie in einem Käfig gefangen fühlte. Mein einziger Versuch des Ausbrechens daraus am Tag zuvor scheiterte: ich wollte mein Praxistraining innere Medizin besuchen, nachdem ich allerdings die einzige Studentin war, die dort auftauchte und die Station auch noch unter Quarantäne stand, weil 10 Patienten aus unbekannten Gründen verstorben waren (Schweingrippe konnte in keinem Fall nachgewiesen werden, man geht von Pilzinfektionen aus), beschloss der Dozent, mir die einzig verbleibende Vorlesung als Datenpaket mit nach Hause zu geben. No, to dobrze. Nachts um 3 musste ich umsteigen am Krakauer Bahnhof, der einem Gruselkabinett glich. Es ist wohl an keinem großstädtischen Bahnhof besser, aber hier lief mir ein Schauer den Rücken herunter: Obdachlose, Betrunkene und Betrogene suchten in dem Flur, von dem aus man zu den Gleisen geht, Schutz vor Kälte und Schnee. Ein Mann nutzte seine beiden Beinprothesen als Kopfkissen, zwischen zwei Gebäck-Wägen schlief ein Anderer unter den Nachrichten des letzen Tages, müde, traurige, träge Augen blickten mich an. Mein Anschlusszug hatte auch noch Verspätung, anstelle von 35 Minuten war ich dieser Szenerie dann mehr als 2 Stunden ausgesetzt. Glücklicherweise traf ich dort eine junge Norwegerin aus Tromsö, die ebenso wartete. Und gemeinsam ist man weniger allein, das tat uns beiden glaube ich ganz gut.
Im Zug nach Z teilte ich ein Abteil wieder einmal mit einem Mihal. Wieder einmal eine interessante Begegnung. Mihal ist nämlich taubstumm. Das verkomplizierte unsere Kommunikation noch weiter. Er musste mir von den Lippen ablesen, was ich in meinem falschen Polnisch von mir gebe und ich das ebenso von den Seinen. Aber ein bisschen was geht immer, heißt es so schön keine Ahnung wo. Spannende Sache, wie ich meine. Nach ein paar Minuten erholsamen Schlafes dann Ankunft in Z: strahlender Sonnenschein, klirrende Kälte. Mein Herz tanzt. Ich sehe Berge. Wilde Berge. Kantige Berge. Schroffe Felsen. Schnee. Ich kann mein Glück kaum fassen. Flux frage ich mich zur Straße meiner Hosts durch und tanze immer weiter: Ein junges Ehepaar, die in einem alten Haus im self-made-Stil leben. Tagtäglich zimmern und basteln sie etwas an ihrer Wohnung, die mit einem Kohle-Kachelofen beheizt wird. Ich mag ihre Art sofort, wie sie mit mir umgehen, wie sie miteinander umgehen. Strahlt eine wunderbare Ruhe und tiefes Vertrauen aus. Martin schnürt schon seine Bergstiefel und wir machen uns auf zum Morskie Oko, einem wunderschönen See unterhalb der höchsten Bergspitze der polnischen Tatra. Gut 2 Stunden wandern, bis wir dort ankommen. Wenn man sich bewegt, ist es gar nicht mehr kalt! Das erste Mal in meinem Draussen-Leben geschah es, dass meine Jacke von außen zugeeist war und meine Wimpern und Augenbrauen mit einem weißen Hauch bedeckt waren. Zwei Dekaden unter Null sagte das Thermometer an der Hütte. Dafür hab ich Fotos aus einer Perspektive, die man eben nur bei diesem Temperaturen schießen kann, von der Mitte des Sees aus J. Auf dem Rückweg lädt mich Martin ein, noch einen Tag länger in Zakopane zu bleiben – gerne nehme ich dieses Angebot an. Martin ist außerdem Bergführer in der Tatra, somit hat er mir etliches über diesen Karpatenzug erklären können. Müde und verschwitzt kommen wir zu Hause an. Wie gut es getan hat, sich mal wieder 5 Stunden lang draußen im Gelände zu bewegen! Unterwegs habe ich auch festgestellt, dass ich meine Telefon zum wiederholten Male verloren habe und war kurz davor mir in den Hintern zu beißen, weil ich scheinbar auch nix dazu lerne... Um richtig wütend auf mich zu sein, war ich allerdings zu müde und irgendwie hegte ich noch die Hoffnung, dass ich es am nächsten Tag in der Touristeninfo oder sonstewo wiederfinde. Aber so lange musste ich gar nicht warten: Martin erhielt auf seinem Telefon die Nachricht, dass jemand Christinas Telefon gefunden hätte, ob ich denn noch bei ihm sei. Ich rief dort zurück und war noch mitten in der Erklärung, wer ich sei und was ich wolle, als ich hörte: „Christina, stop explaining, it’s me, Gökcen. We found your phone. Hurry up, our train is leaving in 10 minutes.” Unglaublich. Bekannte von mir aus Warschau waren zum gleichen Zeitpunkt in Zakopane und haben mein Telefon gefunden. Und ich habe es wieder. Krass.
Den nächsten Tag nutzte ich, um durch die Stadt zu schlendern, den Bergkäse zu kosten und mir die Berge reinzuziehen. Tief in mir drin habe ich den Beschluss gefasst, hier nochmals bei gnädigeren Temeperaturen hinzukommen, um die Felsen zu beklettern und die Landschaft zu durchwandern. Sau schön dort. Es ward Abend, und es ward Morgen, nächster Tag.
Schon früh verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern und zog fröhlich mit einem Liedelein auf meinen Lippen los, um per Anhalter nach Myslenice zu kommen. Ging auch ziemlich schnell, mit 2 Autos kam ich dort an und traf wiederum eine couchsurferin, Aldona. Ein wahres Energiebündel. Sie unterrichtet Psychologie und Soziologie an der örtlichen Berufsschule und macht jeden Tag Sport. Am Tag meines Besuches stand Abends JuJutsu auf dem Programm, wohin sie mich mitnahm und ihren Trainer bat, mir ein paar Selbstverteidigungskniffe fürs hitchhiken beizubringen. Tagsüber gingen wir noch spazieren in den die Stadt umringenden Hügeln und quatschten über dieses und jenes. Eine wirklich bereichernde Begegnung für mich. Aldona wirkt auf mich sehr suchend und probiert jede Menge unterschiedlicher Ansätze aus. Bisher schient sie aber noch nicht ganz das gefunden zu haben, was ihr Ruhe verschaffen und Selbstbewusstsein geben würde, dabei hätte sie jeden Grund dazu. Aber wem sage ich das?! Ganz klar, dass mich begeistert hat, dass sie von Myslenice aus nach Südspanien und zurück getrampt ist. Am nächsten Morgen setzte sie mich noch an einem strategisch geschickten Platz ab, um meine Reise per Anhalter nach Tarnow beginnen zu können.
Und so fuhr ich durch schöne polnische Landschaft mit einer jungen Frau, die mir von ihrem Laden erzählte, spazierte durch Bochnia, wo mich am Stadtende dann ein Elektroinstallateur ein Stück mitnahm und schließlich ein junger Mann, der zum Skifahren unterwegs war. Und schon war ich in Tarnow, oder zumindest Stadtgrenze Tarnow. Ein Spaziergang ins Zentrum und ein paar Fragen nach dem Weg, noch einmal tief durchatmen und Klingeln bei Familie S. Das wurde mein Weihnachten in einer polnischen Familie. Und das war ungewohnt-seltsam-schön-bunt-laut-vertraut-fremd-fraglich-waglich-warm-experimentell-gut. Mit Ela erhielt ich Einblick in ihr Tarnow und einige ihrer wirklich charmvollen Ecken (die Stadt meine ich jetzt) und erlebte Festtage in ihrer Familie. Ein buntes Treiben, als sich 3 Generationen und Familien trafen, um zu feiern. Für mich war es wunderschön, einmal mir bis dato unbekannte Seiten Elas kennenzulernen, Ela, die Tochter, die Schwester, die Schwägerin, die Tante... ein rundes Bild, ein schönes Bild. Eine Parallele zu meinen deutschen Weihnachten konnte ich festmachen: es wird viel gutes Essen gegessen. Und es wird „Stille Nacht“ gesungen, das ist aber auch das einzige Lied, das ich kannte. Aber etliche andere Lieder haben meinen Weihnachtslieder-Fundus erweitert, weil ich sie wirklich schön finde. Hier haben die Lieder ein bisschen mehr Drive glaube ich. Da merkt man wirklich, welch ein freudiges Ereignis die Geburt des Christus ist. Dieses hier mag ich am Liebsten. Schon, als wir gemeinsam an Heilig Abend dieses Lied sangen, ein jeder in seiner eigenen Tonart ;-), begann ich, es zu mögen. Und in der Christmette dann war ich umso mehr baff: Ein Chor und Orchester gaben ein Konzert, so dass ich mich in einen Film versetzt fühlte. Mein erstes Weihnachten mit Soundtrack. Ein Kyrie, das eine zweiminütige Einleitung hat, die aus der Moderne kommend sanft in der traditionellen Melodie landet. Ich war / bin begeistert. Und auch etwas sehr schönes, diese aufgemischte Stimmung in der Familie, das Spiele-spielen nach dem Essen, das Quatschen mit Ela. Der Kindermund, der sich den Bauch mit Kuchen vollschlägt und dabei die Augen strahlen lässt. Schade nur, dass mein Polnisch so unter aller Sau ist. Einen wunderbaren Brauch durfte ich kennenlernen, den ich gerne auch in meiner Familie etablieren möchte. Cyprian Norwid hat diesen schon in der polnischen Romantik in Worte gefasst, die ich wiederum durch Ela aufschnappen durfte:

"...Jest w moim kraju zwyczaj, że w dzień wigilijny,przy wzejściu pierwszej gwiazdy wieczornej na niebie,ludzie gniazda wspólnego łamią chleb Biblijny,najtkliwsze przekazując uczucia w tym chlebie..."
„Es gibt in meiner Heimat einen Brauch, dass am Heiligabend beim Aufgehen des ersten Abendsterns am Himmel Menschen desselben Nestes das biblische Brot brechen und sich die zärtlichsten Gefühle in diesem Brot zusprechen“
Mir gefällt das Bild des Nestes sehr. Und was mir deutlich wurde an dieser Weihnacht ist, wo mein Nest ist. Ich bin begeistert, dass ich quasi als Kuckucks-Ei in einem fremden Nest Brot brechen durfte, es war so unkompliziert, dass ich Anfangs nicht wusste, wie ich das Ganze einzuschätzen habe. Bis ich mich dann darauf einließ, dass es einfach unkompliziert ist. Ein bisschen musste ich schmunzeln, als ich sah, dass, obwohl ja schon ich zu dieser Weihnacht dazugestoßen war, noch ein weiteres überzähliges Gedeck am Tisch stand. Auch das gehört zur polnischen Weihnacht: ein weiterer Platz für jemanden, der Obdach sucht. So einfach ist das. Kuhl. Da bin ich schon dankbar um diese Erfahrung und um die Zeit mit Ela und ihrer Mama, die einen irre witzigen Lacher hat.

Nach 5 Tagen dann erfolgte mein Aufbruch nach Breslau, wo ich Petra vom Flughafen abholte. Man man, die Pesn. Im Lauf der Tage hier haben wir festgestellt, dass wir es im Schnitt schaffen, uns einmal im Jahr zu treffen. Somit trafen wir zum sechsten Mal in unseren Leben aufeinander und es war wie immer gut. S passt einfach, möchte man da sagen. Den Nachmittag über Breslau-sightseeing, was für diese wunderbare Stadt natürlich deutlich zu kurz ist (ich hatte ja den Vorteil, dass ich schon mal da war..) und dann auf nach Lodz. Der Zwischenstopp in einer Kneipe in Bahnhofsnähe in Ostrow hätte mit nur wenigen Menschen stattgefunden: Weil uns die Toilettengebühr zu hoch war am Bahnhof und wir ganze 25 Minuten Wartezeit auf den Anschluss hatten, beschlossen wir, ein schnelles Bierchen in einer Spelunke zu genießen. Ganz ehrlich: alleine hätte ich den Schuppen nicht betreten. Alsbald wir im Türrahmen standen überfiel ein Schweigen das Lokal, die allesamt männlichen Gäste blickten erstaunt zu uns, und zögerlich kamen von jeder Richtung Worte wie „junge Mädels“ oder „Frauen“ angeraunt. Das sind jedenfalls die Worte, die ich verstanden habe. Als wir dann an der Bar unser Bierchen nippten, kamen auch ein paar der Gäste an, um gepflegte Konversation zu betreiben, in der jedes vierte Wort dieses Wort war, das so klingt wie eine Minderheit in der Türkei. Ein Betrunkener sagte was, die Bedienung hinterm Tresen „übersetze“ auf verständliches Polnisch oder gar Englisch und Petra und ich hatten unseren Spaß. Bis der Typ uns dann Cannabis andrehen wollte. Ne danke. Und die Handschuhe von dem Anderen wollten wir auch nicht. Wir müssen jetzt ganz schnell zum Zug. Vor meiner Wohnungstür dann ein klitzekleines Problemchen: Ich konnte die Tür nicht aufschließen und es war auch niemand daheim. Über Anja kam dann der Hausverwalter vorbei, der kurz davor war, die Tür einzutreten, bis er sich dann an den Mechanismus des zweiten Schlosses erinnerte und wie durch Zauberhand die Tür öffnete. Einen Tag lang Lodz sightseeing, erstaunlich, aber wahr: ein Tag ist auch für Lodz zu kurz, und am nächsten Morgen dann auf nach Warschau, wo wir bei Olga übernachteten und dann Sylvester hauptsächlich in der Franzosen WG verbrachten. Und traurig, aber wohl auch wahr: Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich durch die Strassen Warschaus geschlendert bin, meines Warschaus. Wie passend die Zeilen aus nebenstehendem Lied „..bo nie wiem czy jeszcze zobacze cie jutro, Warszawo ma“ – „weil ich nicht weiß, ob ich dich morgen noch sehen werde, mein Warschau“. Das Lied stammt aus der Zeit des Warschauer Aufstands 1944, da hatten diese Zeilen eine fundamentalere, existentiellere Bedeutung. Auf unserem Weg begegneten wir einigen ziemlich abgefahrenen und interessanten Kneipen, die recht gelungen den Facettenreichtum der Stadt wiederspiegelten und die durch ihre Angebote auch unseren Blick facettenreicher machten... Von den Franzosen gings dann schon in der Früh des neuen Jahres nach Bydgoszcz, damit Pesn ihren Heimflug antreten kann. Ich hielt unterwegs in Torun an, um mir diese Stadt wenige Stunden lang zu Gemüte zu führen, und obwohl es so kalt und ich so hundemüde war, wäre ich gerne noch länger geblieben. Ich muss schon sagen, etliche polnische Städte sind wahre Perlen und mit Sicherheit eine Reise wert! Wichtig, dass ich hier nochmals eine Lanze für Polen breche, das wirklich mehr zu bieten hat als den Mercedes vom Nachbarn, illegale Wodka-Destillen oder Arbeitskräfte, die für einen Hungerlohn unseren fränkischen Spargel stechen!

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder...

heute ein voller tag. in der früh schon aufgebrochen mit dem Zug nach Czestochowa, einem der wichtigsten Marienwallfahrtsorte Europas nebst Lourdes, Altötting, Mariazell und Fatima. Die Stadt ist nur rund 130 km von Lodz entfernt und gerne, sehr sehr gerne wäre ich getrampt, allerdings kneife ich bei diesen Temperaturen, -7 Grad. Ne ne ne, nicht mit mir. Fritte, gib mir mal Tipps, wie man da draußen warm bleibt, bzw gib mir gute Kleidung ;-).
Nichts desto trotz bin ich dort durch die Stadt gewatscht und habe meinen ersten Weihnachtsmarkt in diesem Jahr besucht! Juchuuuu, wie schön. Mein Hauptziel immer im Blick, die "Jasna Gora", zu Deutsch der Helle Berg, auf dem sich das Kloster des Paulinerordens befindet und in der Kapelle der Mutter Gottes ihr großes Heiligtum: das Bild der Schwarzen Madonna, das jedes Jahr von Tausenden von Pilgern angesteuert wird. Nur nicht im Winter, bei diesen Temperaturen. Das war quasi mein Vorteil - nix los. Dieser Ort ist für Polen nicht nur aus religiösen Gründen ein wichtiger Ort, es ist quasi DER Ort schlechthin, der Jungbrunnen des Nationalbewusstseins. Der Hauptgrund für die Anbetung dürfte wohl in der geografisch und historisch bedingten verwundbaren Stellung Polens liegen: Immer wieder haben nicht-katholische Feinde wie Deutsche, Russen und Schweden versucht, das Kloster Jasna Góra zu stürmen. Jedesmal gelang es den polnischen Verteidigern, die Belagerung durch die Feinde erfolgreich abzuwehren. Der Erfolg wurde der Wunderkraft der segensreichen Muttergottes von Tschenstochau zugeschrieben. Das Bildnis der Gottesmutter hat ähnlich gelitten wie Polen selbst: beim Versuch der Schweden im 17. Jahrhundert, die Stadt zu belagern, wurden Maria drei Einschnitte auf die Wange verpasst. In ihrer Existenz sah und sieht man somit bis heute den Garanten für die Existenz des polnischen Staates. Insofern ist es auch irgendwie nicht verwunderlich, dass ein Teil des Klosters eine Ausstellung über die Solidarnosc-Bewegung beherbergt, in deren Mitte die Medaille des Friedensnobelreises Lech Walesas ausgestellt wird.
Ich habe dort auch an einer Hl. Messe teilgenommen und zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass dort auch sehr viel für den Polnischen Staat als solchen gebetet wird. Höchst interessant. Was ich jedoch mit meinem Gottesbild nicht vereinen kann, ist eine stark ausgeprägte Unterwerfung. In der Kapelle der Mutter Gottes umkreisen Menschen den Altarraum auf Knien während sie beten. Das war für mich persönlich zu heftig. Ich frage mich, wer auf dieser Welt etwas davon hat, wenn ein Mensch (jeden Alters übrigens) auf Knien durch die Gegend rutscht. Und so wie ich unseren Gott einschätze, hat er davon auch nix, weil er nicht darauf aus ist, uns als seine Unterworfenen zu sehen, davon hat er nix; aus Ruhm glaub ich macht er sich nichts. Ich glaube, er sähe es lieber, wenn wir ihm dienen, aber nicht, indem wir unsere Knie ruinieren, sondern unserem Nächsten Gutes tun. Damit erweise ich Gott doch die höchste Ehre, oder nicht?! Verzeih mir Vater, wenn ich mit diesen Worten sündigte!
Nach mehr als 4 Stunden auf diesem Anwesen dann endete mein Tag in Czestochowa nach einer Portion wirklich guten heißen Bigos' auf dem Feuer gekocht. Mmmmhhhhh....
So, das war erstmal der letzte Eintrag von mir, wohl bis zum neuen Jahr. Am Wochenende gehts nach Zakopane, dort kann ich bei couchsurfern unterschlüpfen und sie nehmen mich mit in meine geliebten Berge (ob ich die polnischen Karpaten lieben werde, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich Berge mag und inzwischen auch sehr sehr vermisse!), daraufhin nach Tarnow und dann ins neue Jahr.
In diesem Jahr freue ich mich doppelt: zum Einen, weil Weihnachten ist und zum Anderen, weil ich nächstes Weihnachten hoffentlich wieder im Kreise meiner Familie feiern werde. Jetzt weiß ich dieses Glück der letzten 22 Jahre erst so richtig zu schätzen. Mami, Papi, Flo, Stephan - ihr fehlt mir hier.
Liebe Grüße nach Hause, ich wünsche euch eine ruhige Weihnachtszeit!
-chrissi

Montag, 14. Dezember 2009

eiskalt ist es inzwischen geworden, das macht mir einen strich durch meinen plan, in dieser woche quer durch polen zu reisen. ich bin doch kein so harter hund. es ist mir schlichtweg zu kalt im moment.
Letzten Donnerstag war ich in Warschau auf einem Jazz-Konzert von Ewa Uryga. Wow, Gänsehaut-Stimmung. Irrsinnig schön. Ein Moment der Weihnachtlichkeit. Und Sonntags gemeinsam mit JB und Chacha auf der Suche nach einer französischen Messe, die wir allerdings nicht fanden und uns deshalb in den polnischen Familiengottesdienst gesellt haben. Irre, wie quicklebendig das dort war. Und der Pfarrer hat versucht, Dialog mit den Kids zu führen. Er fragte sie, was es denn alles Bedarf, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Erinnerte mich ein wenig an meinen Heimat-Pfarrer, nur, dass dieser Pfarrer während allem, was er so tat, auch noch ein warmes Schmunzeln auf den Lippen trug. Ein wenig erstaunt war ich, als ich am Ende des Gottesdienstes von eben jenem Manne hörte, dass es im Hinterzimmer jetzt noch eine "akcja milosci tylko dla doroslych" gäbe - eine Aktion der Liebe nur für die Erwachsenen?! Ähhh.... ach so, ja kar, Blutspendetag. Was auch sonst!?!
Im Übrigen -Mau und Vau, ihr lest das jetzt nicht ;-) - hatte ich am Mittwoch eine interessante Begegnung beim Hitchhiken von Lodz nach Warschau: Mein Fahrer ist Zeuge Jehovas und somit haben wir eine Unterredung über seinen Glauben, die katholische Kirche und Weihnachten geführt. Spannende Sache. Ich glaube, am meisten begeistert hat mich, dass ich diesen Mann zumindest meistens verstanden habe, da unser Gespräch auf Polnisch war. Quintessenz: Unser Weihnachten jetzt is a Gschmarri, weil nämlich eigetnlich muss das am 14. Oktober sein, weil Jesus genau 30 1/2 Jahre alt geworden und wenn man das von seinem Todestag zurückrechnet...Ich konnte ihn leider nicht fragen, wie das damit ausschaut, dass Ostern immer von Vollmonden etc abhängt und somit ja auch der Todestag schwankt. Jedenfalls war dieser Mann sehr nett. Da er jedoch nicht direkt nach Warschau gefahren ist, sondern 30 km zuvor stoppen musste, ließ er es sich nicht nehmen, mich zu einem Bahnhof zu bringen, wo ich dann bequen mit nem Zug in die Stadt fahren konnte. An diesem Bahnhöflein musste ich knapp 40 Minuten warten und bei meinen ungelenken Versuchen, ein Foto von mir und dieser verlassenen Gegend zu machen, kam dann ein dem Atem nach ein wenig mit C2 angereicherter Mann auf mich zu und wir so ins Gespräch. Er fragte mich, ob ich mich für alte Eisenbahnen interessierte und da ich ja nichts besseres zu tun hatte war die Antwort ein klares und deutliches "Ja". Und so bekam ich dann laut Erklärungen dieses Mannes Polens erste elektrische Eisenbahn zu sehen, die an diesem Bahnhof in einem verschlossenen Hangar steht. Das gute Ding hat wirklich musealen Charakter, außen Blech, innen Holz, und ist 82 Jahre alt. Dieser Mann war im Übrigen der erste, der zurückschreckte, als ich ihm sagte, dass ich Deutsche sei. Das hielt aber nur für kurz an, er hat mir ja trotzdem die Eisenbahn gezeigt. Und nach dieser unterhaltsamen halben Stunde brachte er mich noch zum Zug und winkte mir Auf Wiedersehen.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Mein Traum vom Meer

Freitag vormittags krochen die Minuten nur langsam dahin, die Reiselust hingegen brannte mir wieder unter den Nägeln, sodass ich vor Spannung fast platzte, als sich gegen 12 auch noch herausstellte, dass wir die Vorlesung über Pfortaderbluthochdruck auch schon einmal genießen durften. Bis wir uns endlich dazu durchgerungen haben, diese kleine Tatsache zu erwähnen. Dankeswerterweise, da Freitag Nachmittag und kurz vor erster Advent, durften wir dann als schon um kurz nach eins gehen. Flux zum Bahnhof, an dem ich dann Alessandro, der aus Warschau kam, aufgabelte, und wir gemeinsam in den Zug nach Sopot stiegen. Dort wollten wir uns mit Michal treffen, jenem Mann, den ich auf dem Weg nach Kreisau kennenlernte, der es vorzieht, im Wald zu leben, und von dem ich den Getränkedosen-Spiritusbrenner kenne. Nach 7-stündiger Zugfahrt erreichten wir unser Ziel und Michal, auch eben erst aus der Wildnis zurückgekehrt, geleitete uns in seine Wohnung, in der wir unser Lager aufschlugen. Ich war ziemlich gespannt auf die kommende Zeit, kannte ich unseren Gastgeber ja lediglich von einer mehrstündigen Zugfahrt.
Noch am selben Abend hörte ich das Brausen der Ostsee, schmeckte die salzige Luft auf meinen Lippen und machte mir bewusst, dass das Wasser irrsinnig kalt und die Idee, ein Bad im Meer zu nehmen, durchaus die einer Verrückten ist. Abbringen ließ ich mich davon dennoch nicht, nur wartete ich auf eine schönere Szenerie.
Unsere –wieder einmal internationale- Gruppe war ein Glücksgriff möchte ich meinen. Unkompliziert kamen wir miteinander klar und führten bis spät in die Nacht eine Unterhaltung über unsere Weltanschauungen, Lebenskonzepte und Menschenerfahrungen. Ich genoss diese Tage sehr, weil sich sehr unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen zeigten: Michal, der eine eher dunkle Vergangenheit hat, aus der heraus sich sein jetziger Lebenswandel zumindest ansatzweise erklären lässt, sieht seine Mitmenschen sehr negativ und destruktiv (was jedoch im krassen Gegensatz zu unserer Begegnung steht, die er, wie er selbst auch sagte, als sehr fruchtbar und hilfreich empfunden hat). Insgesamt hat er für mich persönlich eine zu fatalistische Haltung angenommen, für ihn ist alles geschrieben und Veränderung durch uns selbst nicht möglich. Das hat mich ab und an zur Weißglut getrieben, muss ich gestehen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir es vermögen, Veränderung zu schaffen (Wie siehts eigentlich aus im Audimax), im besten Wissen und Gewissen.
Alessandro, ein Künstler aus Palermo, hat sehr bodenständige Ansichten und agiert auf Basis der Realität, die er erfährt, ohne große Gedankenkonstrukte aufzubauen. Das, was es direkt braucht, macht er. Beeindruckend, dass er vor 10 Jahren eine Organisation mitbegründet hat, die sich für die Rechte Homosexueller in Sizilien stark macht (sein Bruder ist schwul und hat darunter sehr gelitten) und inzwischen eine betrachtliche Größe und Akzeptanz angenommen hat.
Und eben noch ich, wobei ich mich und meine Gedanken selbst nicht charakterisieren kann.
Am Samstag war Strand-Tag angesagt und eine Wanderung durch wunderschöne Natur von Sopot nach Gdynia und von da aus mit der Stadtschnellbahn nach Gdansk (die drei Städte bilden sozusagen ein lineares Städtedreieck, das als Einheit gesehen wird). Mein Plan für dieses Wochenende war, in jedem Fall nach Leba zu düsen, da sich dort Europas letzte Wanderdüne befindet. Michals Augen fingen natürlich sofort Feuer, da er sich dort sehr zu Hause fühlt, und auch Alessandro ist für so etwas leicht zu begeistern. Deshalb also der Plan, relativ früh ins Bett zu gehen, um Sonntas gleich um 5 Uhr in den Zug steigen zu können. Wegen zu guter Gespräche wurde aus Teil eins des Plans nichts, wir schafften es aber dennoch, in der Früh aufzubrechen. Und mit Michals Wissen um die Gegend dort führte unser Weg nicht nach Leba, sondern nach Slupsk und Smoldzino, von wo aus wir dann eine ordentliche Wanderung durch einen Nationalpark machten. Ein wunderschöner Wald, der mich sehr an einen bestimmten Abschnitt des Jakobsweges in Spanien erinnerte, der sich langsam lichtet und dem Sand immer mehr Raum überlässt. Nach einiger Zeit dann wieder das Meer vor Augen, das uns diesmal nicht entkommen konnte: wir nahmen ein Bad, das allerdings vielmehr ein kurzes Eintauchen ins eiskalte Wasser war. (Da kommt mir gerade folgende Zeile aus G. Benns Gedicht „Schöne Jugend“ in den Sinn „[...] oh, wie die kleinen Schnauzen quietschten [...]“). Bei diesem blick aufs Meer grabe ich wieder meinen Traum aus, einmal längere Zeit auf einem Boot zu verbringen, so ganze ohne festen Boden unter den Füßen, der Kraft der See und des Windes ausgesetzt. Die vom Wind gegerbten Gesichter der Menschen, die zur See fahren, finde ich unglaublich schön. Ihr hartes Leben hat sich in ihren Zügen festgeschrieben, sie sind lesbar. Andererseits ist mir klar, dass das ein sehr egoistischer Wunsch ist, und seine Zeit womöglich passierte. Wenn ich einmal ein halbes Jahr auf See sein sollte, so hätte niemand sonst etwas davon außer mir. Und ich meine, dass längst die Zeit gekommen ist, in der ich zurückgebe. Womöglich durch die Kunst, die ich gerade erlerne. Ich habe schon so viel annehmen dürfen, dass es mir falsch erscheint, ein halbes Jahr nur für mein Ego zu leben.
Danach zogen wir uns in die „Wüste“ zurück und durch die Dünen windgeschützt aßen wir Brot und tranken heißen Tee. Es gibt für mich kaum besseres als einen Laib Brot, wenn man draußen unterwegs ist, wo man kaum anderen Menschen begegnet und schon etliche Kilometer per pedes zurückgelegt hat. Ein Naturspektakel auch, von unserer Düne aus den Regen im knapp 10 km entfernten Smoldzino zu sehen, zu sehen, wie sich die Wolkenfront uns nähert und wir langsam vereinnahmt werden vom englischen Regen, am Horizont ein schmaler Streifen Abendrot sichtbar. Wir beginnen den Heimweg als es bereits dämmert und ein recht voller Mond ab und an hinter den Wolken zum Vorschein kommt. Wildschweine kreuzen unseren Weg und Szymborska meine Gedanken:

Wörtchen

»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?« fragte sie mich und atmete erleichtert
auf. Es gibt jetzt so viele von diesen Ländern, dass es
am sichersten ist, über das Klima zu sprechen.
»Oh, ja«, möchte ich ihr entgegnen, »die Dichter
meines Landes schreiben in Handschuhn. Ich behaupte
nicht, sie zögen sie niemals aus; wenn der Mondschein
wärmt, dann schon. In ihren Strophen, vom lauten
Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt durch das
Heulen der Stürme, besingen sie das einfache Leben
der Seehundhirten. Die Klassiker wühlen mit Tinten-
zapfen in den festgetretenen Dünen. Der Rest, die
Dekadenten, beweint das Schicksal der kleinen Sterne
aus Schnee. Wer sich ertränken will, muß zum Beil
greifen, um eine Wake zu schlagen. So ist das, meine
Liebe.«
So möchte ich ihr antworten. Aber ich vergaß, was
Seehund auf französisch heißt. Ich bin mir auch des
Zapfens und der Wake nicht ganz sicher.
»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?«
»Pas du tout«, antwortete ich eisig.

[ich muss den Fluss des eigentlichen Themas gerade unterbrechen, mir kommt in den Sinn, ob dieses Gedicht nicht womöglich DAS Gedicht meiner Zeit hier ist: Bevor ich nach Polen aufgebrochen bin, habe ich es gelesen in einem Buch, das mir meine Mutter geschenkt hat. Im Oktober stolpterte ich wieder darüber, als Pani Ela mir Ihre „lyrische Annäherung an das Land und die Menschen [...]“ zukommen lassen hat und nun, in dieser Zufriedenheit, streift es wieder meine Gedanken]

In dieser wohligen Stimmung, wandern durch den dunklen Wald, Nieselregen, zwei Menschen, die ich mag, schweigend an meiner Seite, ein schönes Gedicht auf meinen Lippen, den Rucksack auf meinen Schultern, die Anker meiner Heimat in mir, erfahre ich, dass ich Weihnachten in Polen verbringen darf. Und der Mondschein wärmt noch mehr.

Nach einiger Wanderei wieder zurück in Smoldzino, mit dem Bus nach Slupsk und anschließend ein Zug nach Hause. Michal steigt in Sopot aus, während Alessandro und ich die ganze Nacht hindurch Richtung Warschau fahren. In Warschau Ost heißt es dann für mich umsteigen nach Lodz und Alessandro ist wenige Minuten später in Warschau centralna zu Hause. Ich bin so müde, dass mich in Lodz fabryczna eine nette Frau aufweckt und mir mitteilt, dass wir die Endhaltestelle erreicht hätten. Es ist 7.20 Uhr, Montag morgen. Um acht muss ich im Krankenhaus sein und dem Alltag Einzug gewähren. An diesem Tag bin ich so müde, dass es mir weh tut, die Augen offen zu halten. Aber tief zufrieden, denn so eine Zeit wandernd in unsagbar schöner Umgebung zusammen mit Menschen, die neue Sichtweisen für mich offenbaren, tut gut.
Marlena, meine Zimmernachbarin, hat Grippe und kuriert sie mit Knoblauch. Ich glaube nicht, dass ich mich anstecken werde, immerhin habe ich die Ostsee in mir...

Wieder ein sehr langer Eintrag geworden, was? Nun, wer es bis zum Ende geschafft hat, sei herzlichst gegrüßt!

-chrissi

Donnerstag, 26. November 2009

Co slychac?

Viel passiert seit meinem letzen Eintrag in mein online-Tagebuch, dem Seelen-Striptease im Cyberspace.
Meine Eltern machten sich am vergangene Wochenende auf den Weg nach Warschau, um mir ziemlich genau zu meiner Halbzeit eine Pause zu verschaffen in der Fremde (die allerdings gar nicht mehr so fremd ist). Ich fühlte mich zurückerinnert an Kindheitstage, wenn kurz vor Weihnachten die Vorfreude immer größer wird. Patrycja, wohl eine meiner engsten Freundinnen hier, hat für meine Eltern ein Lebkuchenherz besorgt mit der Aufschrift „Zaubermaus“. Erst nachdem sie es errungen hatte, schlug sie nach, was das wohl heißen soll, und somit war es ihr ein bisschen peinlich, als sie mir das Herz gab mit der Bitte, es an meine Eltern als „Willkommens-aufmerksamkeit“ weiterzureichen. Die Tage hier sind inzwischen sehr kurz, schon früh ist es stockfinster, so dass ich meinen Eltern leider nicht viel meines Warschaus bei Tageslicht zeigen konnten, aber die Zeit haben wir eh vielmehr nutzen wollen, um sie miteinander zu verbringen. Was ich nicht wusste, ist, dass meine Mutter vor 40 Jahren schon einmal in Warschau war – gerne hätte ich die Bilder ihres Aufenthaltes damals jetzt in meinem Kopf, um nachvollziehen zu können, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Eine kleine Schlenderei durch die Altstadt und die „Neue Welt“, dann zogen wir uns zurück aus der Stadtmosphäre und verbrachten den Abend plaudernd, eine mir sehr willkommene und angenehme Seltenheit. Der nächste Tag hatte die Fahrt nach Lodz auf dem Programm stehen, damit Mau und Vau sich auch ein Bild meiner Residenz machen können. Auch in Lodz geht die Sonne früh unter und mehr als grobe Impressionen der Stadt konnte ich Ihnen nicht zukommen lassen. Dafür hatten wir wieder einmal mehr Zeit für uns, und das war auch gut so. Ganz klar, ein Besuch von Freitag bis Sonntag ist beinahe zu kurz, aber dennoch unbezahlbar. Mir war es sehr wichtig, meine Eltern wieder zu sehen und nicht nur am Telefon zu sprechen und auch, dass sie erleben, wie und wo sich meine Zeit im Moment abspielt. Und ausserdem, ich gestehe, habe ich mich auch ziemlich über die Mitbringsel gefreut. Somit gibt’s in meiner Wohnung jetzt Adventskalender und Nürnberger Lebkuchen, etliche davon werden auch noch andernorts in Polen auftauchen, kalten Füßen ist vorgebeugt und auch fürs Studium war Nützliches dabei. Der Abschied am Sonntag Abend fiel uns wieder ähnlich schwer wie damals im Sommer. So traurig ich auch war, ebenso glücklich wähnte ich mich, dass ich mich mit meinen Eltern so verbunden fühle, dass es uns die Tränen in die Augen treibt und mir die Seele brennt, wenn wir uns voneinander verabschieden.
Unter der Woche dann wieder Chirurgie, inzwischen habe ich glaube ich zum fünften Mal erklärt bekommen, wie denn nun diese Whipple-Procedur oder der Tripple-Bypass von Statten geht, ziemlich redundant also. Allerdings möchte ich noch feierlich verkünden, dass ich das erste Mal offiziell bei einer OP assistiert habe. Am Dienstab Abend nämlich begleitete ich unseren lehrenden Doktor bei seiner Nachtschicht und wie es der Zufall so will wird eine Patientien eingeliefert, die lehrbuchartig Zeichen einer akuten Blinddarmentzündung aufweist. Und somit hieß es „come on, scrub in, we got some surgery to do!“. Und schwupps sah ich mich Haken-haltend im OP, und zwar diesmal in einer Position, von der aus man einen wirklich guten Blick auf das Geschehen hatte. Ganz schön anstrengend, die Haken-Halterei, dabei dauerte dieser Eingriff nur ne knappe halbe Stunde. Nächten Dienstag und Donnerstag sind wieder Nachtschichten angesagt...
Und es geht weiter mit guten Nachrichten: Da ich wegen des Chirurgie-Praktikums zur Zeit meinen Sprachkurs nicht zum regulären Zeitpunkt besuchen kann, kann ich in einer Einzelstunde mit meiner Lehrerin „nachsitzen“. Und die nette Dame, Frau Eliza, hat mir am Dienstag eröffnet, dass sie es für eher wenig sinnbringend hält, wenn ich weiterhin in dem Anfängerkurs rumsitze, und deshalb habe sie mit der Verwaltung der Universität gesprochen. Es sieht ganz danach aus, dass die Uni einen Sprachkurs bis zu 4h / Woche für „nicht-mehr-ganz-Anfänger-aber-trotzdem-irgendwie-sowas“ einrichten kann, der dann aber wohl als Einzelunterricht für mich ablaufen wird, weil sonst niemand mit meinem Level matcht. Wow. Das wäre ja der Hammer. Ich schöpfe wieder neue Hoffnung!
Vorvorletzte gute Nachricht: gestern erhielt ich einen Brief aus Bialowieza (wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass das der Ort ist, wo der „Nichtraucher“ wohnt, gleich bei den Bisons). Jenem Waldek nämlich schickte ich vor einiger Zeit ein paar Zeilen des Dankes, was ich so über unsere Begegnung denke und auch Fotos von unserer Reise. Das ganze muss schreckliche Grammatik gewesen sein, aber letztlich scheint er verstanden zu haben, was ich sagen wollte. Gestern jedenfalls seine Antwort auf meinem Schreibtisch. Iola, meine Mitbewohnerin, musste herhalten, um mir zu übersetzen. Ich war sehr gerührt von Waldeks Brief, in dem er mir bestätigte, dass unser Treffen auch für ihn sehr einprägsam und besonders war. Und ausserdem legte er ein paar kopierte Seiten eines Buches, das er zur Zeit liest, bei. Appollinaire ist der Autor, die Sprache Polnisch. Insofern werde ich also gut etwas zu Tun haben, wenn ich auch nur ansatzweise verstehen möchte, wovon die Zeilen handeln. So wie ich Waldek einschätze, hat er nicht umsonst diese Ausschnitte ausgewählt, um sie mir zu senden...
Vorletzte gute Nachricht: gestern Abend war ich endlich mal wieder im Theater! Im „Jaracza“ lief „Otello“ – eine Variation über das Thema. Ich würde es als eher moderne Inszenierung beschreiben, die es schaffte, trotz meines sprachlichen Unvermögens die 2 ein Viertel Stunden (!) Aufführungszeit nicht langweilig werden zu lassen! Allein die Aussprache des Namens „Otello“ im Polnischen ist ein Gedicht: das doppel-L wird nicht einfach untergebuttert, nein, jeder Buchstabe hat seine Berechtigung und muss deshalb auch ausgesprochen werden. Es heißt also „Otel-lo“, wobei keine künstliche Pause zwischen den beiden „l“ entsteht, sondern ein steter Fluss erhalten bleibt. Herrlich, wie ich meine. Ein sehr willkommenes Arrangement aus Schauspiel, Musik, Licht und Tanz, das sich im Allgemeinen nicht wesentlich von moderenen Inszenierungen in Deutschland unterscheidet: sex, drugs, rock’n’roll. Wenn mal wieder ein Stück angesagt ist, das ich kenne, werde ich es mir definitiv ansehen. Auch, wenn es wirklich komisch ist, das gesprochene Wort nicht zu verstehen. Jetzt weiß ich, dass ich das schöne Erlanger Theater tatsächlich ein wenig vermisse und mich darauf freue, mich ab Mai wieder öfter der Kunst zu widmen.
Und nun, letzte gute Nachricht: heute habe ich meinen eigenen Spirituskocher fertiggebaut. Aus zwei Getränkedosen, so wie Mihal es mir im Zug erklärt hat. Und tatsächlich, er brennt, ein wenig ungleichmäßig zwar, aber so, dass er neben meinem „Zacherl“ durchaus bestand haben kann. Jippiiiieeeeeee!

Pozdrawiam! -chrissi

Donnerstag, 19. November 2009

give your heart and soul to me

mein Tag ist ganz und gar geprägt von Chirurgie zur Zeit. Und so bitter manche Diagnose und Prognose auch sein mag, heute musste ich doch echt lachen, als während einer Magen-Resektion Ella Fitzgerald und Louis Armstrong "Dancing cheek on cheek" und danach "give your heart and soul to me" zum Besten gegeben haben. Das erste Lied passte so wunderbar, weil es um den OP-Tisch so kuschelig ist, dass wir tatsächlich Backe an Backe stehen (btw über die Darmschlingen könnte man auch so denken, wenn man sie denn personalisierte...) und das zweite Lied, nun ja, wir sind im OP... abgefahren. Zusätzlich ist da noch unser Herr Professor, den ich in Zukunft übrigens "Peter" nennen werde (in Anlehnung an Peter Z., mit dem der Chirurg unglaubliche Ähnlichkeit hat, Anm. d. Red.). Peter spricht gerne und wenn er gerade nichts Medizinisches zu äußern hat, dann ist es eben ein bisschen Small-talk zwischendurch oder auch ein Witzchen, jedoch nie auf Kosten des Patienten, was ich sehr begrüße.



Ansonsten hat in Lodz gestern das "Explorer's festival" angefangen. Überraschender Weise -NICHT- juckt es mich schon wieder tierisch in den Fingern. Was mir hier echt abgeht sind ein paar Berge. Der Eröffnungsfilm zeigte ein Expeditionsteam im Himalaya, wunderschöne Bilder einer wunderschönen Reise. Sorry, aber da kann die Kletterhalle in der Manufaktura nun mal nicht mithalten! Nun, die Hoffnung bleibt, dass ich es irgendwann im Laufe meines Aufenthaltes hier noch in die polnischen Karpaten schaffe, zwar nicht zum Klettern, aber zum Seele-Baumeln. Mal sehen. Jetzt freue ich mich tierisch auf den ersten Besuch aus heimischen Gefielden: Mau und Vau brechen nach Polen auf. juhuuuuu!

Mittwoch, 18. November 2009

FAU brennt

und ich bin nicht dabei, physisch. Aber in den meisten Punkten unterstütze ich den Forderungskatalog der Erlanger Studierenden. Und vielleicht gibts ja bald auch noch intelektuellere Skandier-Rufe als "reiche Eltern für alle".
Dran bleiben, Leute!
www.faubrennt.de

Samstag, 14. November 2009

Whipple, Triple, Roux-loop

was 'ne Woche. Jetzt gehts hier aber ans Eingemachte, was mir durchaus recht ist. Morgens um acht heißt es Antreten zur ward-round, also der Stipp-Visite auf der allgemeinchirurgischen Station, was in Anbetracht der Tatsache, dass wir allesamt nicht genug polnisch verstehen, ein bisschen Lächerlich ist, aber immerhin sehen wir die Gesichter und riesen Narben der Patienten. Danach dann dürfen wir in den OP. Scrubs, also OP-Kleidung, haben wir gestellt bekommen, alledings nur eine Hose und ein Hemd für 4 Wochen. Mh, wie hygenisch. Na, und nachdem wir uns dann umgezogen haben, Häubchen, Mundschutz und Schuhbedeckung richtig sitzen, geht es in den OP. Ein bisschen schwierig ist es schon, etwas mitzubekommen, da neben meist 3 Operateuren noch 8 Studenten was sehen wollen, aber wir arrangieren uns meist recht gut. Also, was gabs bisher? Ne Nierentransplantation, Cholezystektomie, Rektumamputation und heute was äußerst spannendes: geplant war eine Pancreaticocholezytsduodenektomie nach Whipple, also das Entfernen der Bauchspeicheldrüse (zumindest deren Kopf), der Gallenblase und des 12-Finger-Darms wegen eines Tumores in der Bauchspeicheldrüse. Während der OP jedoch stellte sich heraus, dass das nicht möglich ist und man dem Patienten also keine kurative (=heilende) OP mehr zukommen lassen, sondern lediglich palliativ (als Beschwerden-mindernd und Lebensqualität-steigernd) vorgehen kann, das nennt sich in diesem Fall dann Triple-Bypass. Was man also gemacht hat ist, dass man den 12-Finger-Darm vom Magen abgekoppelte und anstelle dessen ein Stück Darm von weiter unten (Jejunum) zu einer neuen Darmschlinge legte (heißt dann Roux-loop) mit dem Magen verband (end-to-side Gastro-jejunale Anastomose); den nach Entnahme der Gallenblase verbleibenden Ductus choledochus mit eben jenem Darmstück verbunden (end-to-side)und dann am Ende Darm mit Darm (end-to-end) wieder verbunden hat. Schaut zwischendrin aus wie Kraut und Rüben, aber macht schon Sinn. Sehr spannend, muss ich sagen! Und auch interessant zu sehen, wie sehr die Chirurgen ins Schwitzen geraten sind, als es darum ging, am Tisch eine Entscheidung zu treffen: Whipple oder Triple? Nach 4 Stunden dann wars geschehen, der Patient erwachte, allerdings leider mit einer sehr tristen Prognose.
Am Mittwoch, 11.11., beging Polen im Übrigen Nationalfeiertag, denn mit Ende des 1. Weltkrieges vor 81 Jahren entstand erstmals seit mehreren Jahrhunderten wieder ein eigener polnischer Staat. An diesem Tag machten Donald und ich mich per Anhalter auf in das nahe gelegene Dorf "Piatek" (das heißt Freitag), das den geographischen Mittelpunkt des heutigen Polen darstellt. Die Autofahrer, die uns mitgenommen haben, schauten uns meist engeistert an und fragten, was in aller Welt wir denn in diesem Dörfchen machen wollten. Als wir dann da ankamen und den Markstein der Mitte Polens sahen, fragten wir uns das auch. Aber 'ne lustige Reise wars allemal!
pozdrawiam serdecznie! -chrissi

Montag, 9. November 2009

what a difference a day made

okay, nicht nur 24 little hours, es war schon ein bisschen mehr. vielleicht zu viel. Gestern Abend war ich seit langem froh darüber, dass die Rumreiserei beendet ist und ich nach Hause zurückkehren konnte.
Donnestag bis Sonntag auf dem Weg nach und in Vilnius, hitchhiken. Schwierige Umstände: 5 Leute, Beginn der Reise erst, als es schon dunkel war. Dementsprechend verlor sich die Gruppe auch. Die einen bekamen einen Ride nach Bialystok, die anderen nicht. Um das Reisefieber aufrechtzuerhalten entfachten wir flux ein Feuer im Kamin, grillten Würstchen darin und bauten ein Zelt im Zimmer auf, um am nächsten Morgen mit dem Zug zu den Anderen zu stoßen und anschließend gemeinsam nach Suwalki in der Nähe der polnisch-litauischen Grenze zu fahren. Von dort aus wieder Hitchiken, die eine Gruppe erfolgreich bis Kaunas, 100 km vor Vilnius, die andere Gruppe erfolglos, keine Grenzüberschreitung. Aber dafür wieder eintauchen mitten ins Leben der Menschen hier: Geburstag der Großmutter der Familie, bei der man die Nacht verbringen durfte. Das pure Leben. Vilnius selbst überrascht als Stadt (im Übrigen europäische Kulturhauptstadt in diesem Jahr). Ich hatte vor meiner Ankunft da kein Bild im Kopf. Jetzt sind es viele, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen. Übrigens: logo, ich war wieder beim Friseur, wie es die Tradition gebietet. Ich muss jetzt 'n bisschen langsam machen mit Auslandsbesuchen, sonst hab ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Am vereinnahmendsten empfand ich das Künstlerviertel: mit Überschreiten einer kleinen feinen Brücke betritt man ihr Reich, das sie zu einer eigenen Republik Uzupis erklärt haben, mit eigener Verfassung und ohne politische oder kriegerische Akte wie man das aus Transnistrien oder sonstewo her kennt. "Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht an jedem vorbei zu fließen.", so lautet einer der 41 Artikel der Verfassung. Schön-schräge Leute mit offenen Herzen.
Von dieser frisch-fromm-fröhlich-freien Reiselaune ging es dann direkt nach Krzyzowa (Kreisau) in Niederschlesien, in deutlich ernshaftigere Tage. Der Weg dahin war wieder einmal wundersam. Im Zug von Warschau nach Breslau teilte ich ein Abteil mit Mihal, dessen Geschichte ich interessant finde. Vor mehr als 10 Jahren beschloss er, der Gesellschaft den Rücken zuzukehren und hauptsächlich im Wald zu leben, allerdings nicht an einem festen Ort, sondern immer wandernd. Ich fragte ihn, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat, und ich hörte von seiner Vergangenheit. Er war Sportler, Kickfighter. Sein tägliches, gutes Geld bringendes Geschäft war, Gegnern auf der ganzen Welt Gewalt anzutun. Eines Tages in Japan schlug ihm diese Sichtweise ins Gesicht und er beendete seine Karriere. Seitdem, so habe ich den Eindruck, ist er auf der Suche nach seinem Sinn. Wir sind uns in vielen Gedankengängen ähnlich, die 5 einhalb Stunden Zugfahrt vergingen schnell, wir konnten uns gegenseitig erzählen, was wir suchen, wenn wir draußen unterwegs sind, und was wir finden. Ich bin der Meinung, dass es für Mihal eine gute Entscheidung war, die Einsamkeit zu suchen. Aber es endete in einer Flucht vor den Menschen, jetzt muss er sich -so denkt er- für nichts rechtfertigen was er tut. Ich hoffe, er findet einen Weg, der ihn weiterführt. Denn im Moment hilft er, wenn überhaupt, nur sich. Es wäre egoistisch und schade, wenn er all die Aufmerksamkeit und seine Empathie für Leben nur für sich alleine sichtbar werden lässt. Ich glaube, unsere Begegnung hat ihn ein Stück verändert. Und das fühlt sich gut an. Und seit ihm weiß ich, wie man sich einen Benzinbrenner selbst baut, aus Coladosen. Unglaublich! Von Breslau aus versuchte ich zu hitchhiken nach Kreisau, was mir nach einer Stunde wohlwollenden Wanderns durch die Novembersonne auch gelang.
Jetzt ist der Eintrag schon so lang, und noch immer steht so vieles aus, das ich loswerden möchte. Die "Erinnerungslandschaft", die mir einiges an Kraft abverlangt hat, mir aber auch viel Neues gegeben hat. Kreisauer Kreis, eine Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg. Heute ist Kreisau Ort einer Jugendbegegnungsstätte. So viele Fakten, die ich zuvor nicht kannte, über die Familie von Moltke, über Widerstandsgruppen auch während des in Polen folgenden totalitären Regimes Stalins et al., über Papst Benedikt, der eine denkbar ungünstige Rede in Auschwitz 2006 gehalten hat, über sozialpsychologische Erklärungsversuche, wie "Töten als Arbeit" verrichtet werden konnte, über die friedenskirchliche Bewegung in Swidnica, über den Generalplan Ost, über die großen Differenzen in der Betrachtung der Annäherungsversuche zwischen Polen und Deutschland... Damit nicht genug. An Allerheiligen auf einem polniscen Friedhof herrscht eine ganz besondere Stimmung. Ein Meer aus Kerzen flutet die Grabsteine, und in diesen Momenten der Stille verspürte ich zum ersten Mal richtiges Heimweh.
Weiter in Oswiecim, wiederum in der Jugendbegegnungsstätte, Einblick in das pädagogische Konzept des Hauses, folgend dann Besuch in Auschwitz und Birkenau, was mir die Kehle zuschnürte und ich wort- und regungslos die Anlagen durchquerte, obwohl es mein zweiter Besuch dort war. Ein Zeitzeugengespräch mit Häftling 3444, das mir Bauchschmerzen bereitet hat (womöglich hervorgerufen durch meine aktuelle Lektüre "This way to the gas, Ladies and Gentlemen" von T. Borowski). Schlag auf Schlag wurden immer neue Themenblöcke eröffnet, die Woche war voll mit Inputs, die ich aufgeladen habe. Das war ja nur auszugsweise ein Einblick in das Programm. Krakau folgte mit mehr Ruhe, aber auch schmerzenden Erkenntnissen.
Unglaublich schön, ich habe Paul getroffen, meinen lieben Freund aus Rumänien, den ich seit 2 einhalb Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir quatschten die ganze Nacht, es tat gut, mit jemandem zu sprechen, der mir zumindst einmal vertraut war. Und dennoch die nüchterne Erkenntnis, dass alles anders ist, als ich es mir vorgestellt habe: Ich kam nach Polen, um eine neue Sprache zu lernen. Ich habe keine neue Sprache auf dem Kasten, dafür habe ich eine andere verloren. Mein Rumänisch, das ich als suffizient flüssig eingeschätzt hatte, ist ein Scherbenhaufen. Zwar verstehe ich noch immer, aber mein "Sprechen" ist kein Sprechen, sondern ein Wirrwarr aus Polnisch und Rumänisch und viel Schweigen. Autsch. Dieses Ziel meines Auslandsaufenthaltes ging nach hinten los. Und auch der Traum von interdiszipliärem Lernen, eine Seifenblase: ich habe kein geisteswissenschaftlich denkendes Hirn, das wurde mir bei den Diskussionen in unserer Gruppe klar. Ich sauge sehr gerne auf und höre gerne vieles, unterschiedliches, aber ich vermag es nicht zu verarbeiten, im Geiste drehen und wenden, zu Thesen zusammenzufassen, mit Thesen zu ringen... Es war eine Illusion, wenngleich eine schöne.
Seitdem ist einiges irgendwie anders. Auch habe ich zum ersten Mal Angst verspürt, gestern Abend, als ich kurz vor der Haustür war. Ein Mann kam zielstrebig auf mich zu, ich erhöhte mein Schritttempo, ebenso der Mann. Mit erschrecken wurde mir klar, dass ich mich nicht wehren könnte, sollte ich es denn müssen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann Böses unterstellte, was ich zuvor nicht tat bei fremden Menschen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann unrecht tat. Er sagte, er würde so gerne eine Tasse heißen Tee trinken, ob ich nicht ein wenig Geld einstecken hätte.
Ich bin froh, dass ich ab morgen wieder Uni-Alltag vor mir habe, den ganzen Tag lang Blockpraktikum Chirurgie, die nächsten drei Wochen. Ich hoffe, ich kann mich selbst wieder ordnen.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

was ich so alles mag in Polen

Ich mags zum Beispiel, wenn der Fahrer der Straßenbahn aussteigt und mit dem Brecheisen die Weichen umstellt.
Ich mag die Offenheit in Polen: an vielen Orten sieht man Pärchen, die sich küssen und sich offensichtlich mögen. Und es wirkt überhaupt nicht vulgär oder deplaziert, sondern einfach nur schön.
Ich mag diese ausgeprägte Höflichkeit in Polen, die jedermann erfasst (abgesehen von Verkäuferinnen, die echt extrem unfreundlich sein können).
Ich mag den Gasherd und Gasofen bei uns in der Wohnung. Ich liebe es, auf einer Flamme zu kochen.
Ich mag Kartoffeln. Yes, I am from potatoe country. Und ich musste nach Polen gehen, um das zu realisieren. Kartoffeln mit Zwiebeln, mit Tomaten, mit Paprika, mit Curry, mit Salz und Pfeffer, mit Hühnchen, geraten, gekocht, kalt, mit Butter, zum Frühstück, zum Abendessen, zwischendurch, mit Schale, geschält.
Ich mag die vielen Leute, die anhalten, wenn man als hitchhiker an der Straße steht.
Ich mag die Stände am Straßenrand, an denen man Obst und Gemüse kaufen kann.
Ich mag die Kühe, die vereinzelt auf den Feldern rumstehen.
Ich mag die frische Milch.

Ich mag es, wenn die Leute ihre starren, mürrischen Gesichtszüge erweichen und zurücklächeln.
Ich mag das Gebäck vom Straßenstand.
Ich mag den Dampf, der aus den Kanaldeckeln aufsteigt, wenn es draußen bitterkalt ist.

Montag, 19. Oktober 2009

why I like Lodz

http://www.youtube.com/watch?v=pVlZmDx7mOE

der Titel spricht für sich. Lodz ist durch meine Augen gesehen recht spannend, wie ich meine.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

pada snieg

es ist soweit: es schneit. es ist bitter bitter kalt. meine schuhe halten dicht, bisher. wunderbar.
ganz kurz muss ich mal was loswerden, was mich nervt hier: Lodz hat ein unglaubliches Problem mit dem public transport. ich bin ja wirklich gewillt, die paar wenigen Vorlesungen, die ich habe, zu besuchen. Aber da macht mir das Verkehrswesen hier einen Strich durch die Rechnung. Ich habe heute 55 Minuten auf einen Bus gewartet (im Schnee, Anm. d. Red.), in diesem Zeitraum hätten 6 Busse abfahren sollen. Als dann zum Zeitpunkt des Beginns meines Kurses noch immer kein einziger da war, beschloss ich, den Kurs ausfallen zu lassen. Cholera! Ich weiß nicht genau, wo das Problem ist. ich glaub, die Ampelschaltungen... So`n Mist. Aber ich darf ja auch mal was nicht toll finden, gell :-)
SchneE(ll)mann

Dienstag, 13. Oktober 2009

Przepraszamy pan, to z nowy my… czy możemy dostać jeszcze jedno noc? Supertramps on their way.

Eine der Reisen, an denen ich gewachsen bin, so viel steht schon mal fest. Und einige Zeichen deuten darauf hin, dass es wirklich ein sehr sehr guter Trip war: z.B. habe ich mein Telefon verloren. Das Verlieren von Dingen, die wichtig für mich sind, ist ein objektiver Indikator für die Güte eines Erlebnisses, somit bin ich hierbei schon mal auf der sicheren Seite. Ja, ich versuche, so schnell als möglich ein anderes Telefon aufzutreiben.... Zurück zu der Reise. Am Freitag Abend war großes Wiedersehen in der Franzosen-WG in Warschau, fast alle Teilnehmer des Sprachkurses und einige unserer polnischen Freunde waren da. Ich freute mich wie ein kleines Kind, als ich in Lodz in den Zug stieg, um dorthin zu reisen. Und vielleicht war das gesamte Wochenende ein magisches, denn schon im Zug kam es flux zu einer Unterhaltung mit zwei mittfünfziger Amerikanerinnen, die eine 14tägige Rundreise durch Polen beendeten; sie wandelten u.a. auf den Spuren ihrer jüdisch-polnischen Vorfahren. Eine sehr feine Sache, denn in diesen eineinhalb Stunden Fahrtzeit konnte ich durch die Unterredung mit den Damen meine Gedanken und Sichtweisen über Polen erneut sortieren und von außerhalb beleuchten lassen. Unser Gespräch war so herzlich, dass wir es nicht nur bei Erinnerungen an dieses Treffen belassen wollten, sondern auch Kontaktdaten austauschten. Mal sehen, wohin das führt. In Warschau dann holten mich Charlotte und Patrycja vom Bahnhof ab, wie heimkommen war das. Soooo viel zu erzählen gibt es! Ein Geschnatter ohne Ende... Und das Geschnatter hörte bis spät in die Nacht gar nicht mehr auf, der Morgen graute, als wir beschlossen, doch noch ein paar Stündchen zu schlafen, bevor die Tour losgeht. Die Tour, was ist die Tour? Alles begann damit, dass der Italiener Alessandro und die Deutsche Chrissi feststellen, dass sie beide sehr gerne klettern oder draussen unterwegs sind. Und da Warschau nun einmal doch eher als Stadt zu sehen ist, war klar, dass wir möglichst bald zu den Bisons im europäischen Urwald and der polnisch-weißrussischen Grenze müssen. Unser Plan war knapp und klar: Schlafsack, Isomatte, Wanderschuhe und dann los. Die Polin Patrycja erfuhr von unserem Vorhaben und stieg ein, unter der Bedingung, dass wir nicht viel Geld verbrauchen, weil sie das nicht hat. Wir zögerten keine Sekunde, dann hitchhiken wir eben! Und als letzter gesellte sich der Franzose Jean-Bernard dazu, 7 Stunden vor geplantem Aufbruch, sehr spontan, herzlich willkommen. In Gedenken an „Into the wild“, ein Film, den P und C sehr gerne mögen, klebten wir uns Aufkleber mit „Supertramp“ auf die Jacken und los gings. Schier unglaublich, aber mit nur 3 verschiedenen Fahrern schafften wir es von Warschau bis nach Bialowieza (von da aus sind’s 4 km nach Weißrussland). Der Ort ist sehr touristisch aufgebaut, was uns und unseren Geldbeuteln nicht so taugt, und somit fragten wir uns von Haus zu Haus, ob es denn nicht eine Scheune o.Ä. gäbe, in der wir übernachten könnten. Erinnerte ein bisschen an die Weihnachtsgeschichte, die Herbergen waren alle voll. Bis ein Mann auf einem Fahrrad unseren Weg kreuzte. Übrigens hatten wir ausgemacht, dass Patrycja nicht spricht, sondern wir Ausländer versuchen, mit unserem wenigen Polnisch die Lage zu klären. Und so fragten wir ihn, ob er nicht ein Plätzchen für uns wüsste. Er empfahl uns zunächst das erste Hotel am Platze, für das wir allerdings kein Geld hatten. Seine Antwort darauf hin war: Manchmal ist das eh besser ohne Geld“. Damit hat er sich einen Platz in meinem Herzen erobert. Wir sollten ihm folgen, er brachte uns zu Romek, seinem Freund, 77-jaehrig, der in einer kleinen Hütte lebt und uns gastfreundlichst aufnahm. Was wir dort erlebt haben, kann ich nicht in Worten wiedergeben und auch die Fotos schaffen nicht diese unglaubliche Atmosphäre. Soviel sei gesagt, wir waren alle 4 gebannt von dieser Herzlichkeit und Offenheit dieses Mannes, der es liebte, Geschichten zu erzählen, auch wenn wir ihn nur schwerlich verstanden. Mehr dazu gibt’s wohl besser in einem persönlichen Gespräch. Am nächsten Tag nach erneuten Gesprächen bis zum Mittag brachen wir dann auf Richtung Zubry, den Bisons. Es regnete den ganzen Tag, aber unsere Laune war bestens. Und uns war klar, dass wir an diesem Sonntag nicht mehr nach Warschau zurückkehren werden und wollen, sondern noch eine Nacht länger bleiben. Ich denke, wir waren insgesamt 5 Stunden unterwegs, als wir uns zurück in Bialowieza wieder nach einer Unterkunft umsahen. Romek sagte in der Früh zum Abschied, dass wir gerne wiederkommen können, wenn wir denn möchten, und dieses Angebot wollten wir annehmen. Bei ihm angekommen hatte er gerade den Herren, den wir schon vom Fahrrad kannten, zu Besuch, der uns dann wieder einpackte und mit zu sich nahm. Und dort erwartete uns noch einmal etwas anderes. Kennt ihr Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“? Die gesamte Situation bei Waldemar, so heißt der Mann, erinnerte mich stark an den „Nichtraucher“ in Kästners Buch. Die Hütte, in der er lebte, hat er sich selbst gebaut aus Holz, in einem kleinen Raum, in dem er schläft, ist ein Ofen, mit dem er heizt. Er hat dort keinen Strom und kein fließend Wasser. Aber er hat unglaublich viele Bücher, Dostojewski, Czechow, Milosz, französische Philosophen, Goethe... unglaublich. Er kochte uns heißen Minztee mit Minze aus seinem Garten, damit wir uns aufwärmen konnten (wir waren inzwischen doch durchgefroren und klitschnass) und bei einer Partie Schach gegen Alessandro und Jean-Bernard versanken wir in dieser Traumwelt. Wir erwachten ziemlich schnell daraus, als wir ins Bett gingen. Neben seinem Hauptraum hat Waldemar einen kleinn Verschlag, in dem ein Bett steht und eine Art Dachboden, den wir als „Hochbett“ nutzen konnten. Allerdings war der Raum eiskalt, mein Thermometer zeigte 5°. Und die Jungs waren leider nicht sonderlich gut ausgestattet, was ihre Schlafsäcke anbelangt. Waldemar gab uns noch einige Decken und wir nutzten jeden Fetzen Stoff, den wir finden konnten, Biwacksack, Rettungsdecke. Für uns Mädels war die Nacht kein Problem, wir kuschelten uns eng aneinander und schliefen sehr gut. Die Jungs jedoch machten kein Auge zu, da es einfach zu kalt war für sie. Ich bin froh, dass keiner ernsthaft krank geworden ist, aber das war schon ne ganz schön extreme Nacht da! Der nächste Morgen begrüßte uns mit einem wohlgestimmten Waldemar, der draußen am Holzofen stand und heißen Tee für uns kochte, Wasser zum Waschen wärmte, ein Frühstück a la Waldemar zubereitete. Er erzählte uns, dass seine Frau und er heute Hochzeitstag haben. Seine Frau ist am 28.12.2008 verstorben, aber der Tag war noch immer sehr wichtig für ihn. Und wir gewannen den Eindruck, dass er sehr froh war, den Tag mit uns zu verbringen. Wir begannen, Fussball mit ihm zu spielen. Nach einer Zeit packte er eine selbstgebaute „Zielscheibe“ aus, auf die wir dann mit Pfeilen, Äxten und Messern Marke Eigenbau warfen und herzlich und viel lachten. Bis die Zeit kam, nach Hause aufzubrechen. Es war schließlch schon Montag und wir noch immer sehr weit von Warschau entfernt. So war das Ende durchaus wieder wehmütig, weil sich keiner von uns so richtig losreißen wollte von diesem Märchen. Und der Rückweg an sich machte es uns auch schwer. Es lief nicht ganz so glatt von der Hand wie die Anfahrt nach Bialowieza, wir standen viel im Regen und wir mussten uns dann doch irgendwann aufsplitten in 2er Gruppen, weil dann die Chancen einfach besser sind, als Anhalter mitgenommen zu werden. Irgendwo unterwegs verlor ich dann noch mein Telefon und bin somit im Moment also fernab der Kommunikationsmöglichkeiten, da das Internet in meiner Wohnung auch noch nicht funkitoniert. (Das dauert noch bis naechste Woche, war der neueste Stand der Dinge...) Wie dem auch sei, wir vier, die wir unterwegs waren, sind an dieser Reise durchaus gewachsen. Bei einem gemeinsamen Abendessen haben wir uns gleich die Bilder angesehen, bevor ich heute wieder in den strikten Uni-Alltag eingestiegen bin. Kaum zu glauben, dass dieser Traum stattgefunden hat und nun wieder vorbei ist.... keine Ahnung, ich glaube, man kann das als Aussenstehender nicht so ganz nachvollziehen. Da müssen wir dann vielleicht mal drüber quatschen...
Es grüßt herzlichst und verträumt,
TramperElla