Donnerstag, 17. Dezember 2009

Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder...

heute ein voller tag. in der früh schon aufgebrochen mit dem Zug nach Czestochowa, einem der wichtigsten Marienwallfahrtsorte Europas nebst Lourdes, Altötting, Mariazell und Fatima. Die Stadt ist nur rund 130 km von Lodz entfernt und gerne, sehr sehr gerne wäre ich getrampt, allerdings kneife ich bei diesen Temperaturen, -7 Grad. Ne ne ne, nicht mit mir. Fritte, gib mir mal Tipps, wie man da draußen warm bleibt, bzw gib mir gute Kleidung ;-).
Nichts desto trotz bin ich dort durch die Stadt gewatscht und habe meinen ersten Weihnachtsmarkt in diesem Jahr besucht! Juchuuuu, wie schön. Mein Hauptziel immer im Blick, die "Jasna Gora", zu Deutsch der Helle Berg, auf dem sich das Kloster des Paulinerordens befindet und in der Kapelle der Mutter Gottes ihr großes Heiligtum: das Bild der Schwarzen Madonna, das jedes Jahr von Tausenden von Pilgern angesteuert wird. Nur nicht im Winter, bei diesen Temperaturen. Das war quasi mein Vorteil - nix los. Dieser Ort ist für Polen nicht nur aus religiösen Gründen ein wichtiger Ort, es ist quasi DER Ort schlechthin, der Jungbrunnen des Nationalbewusstseins. Der Hauptgrund für die Anbetung dürfte wohl in der geografisch und historisch bedingten verwundbaren Stellung Polens liegen: Immer wieder haben nicht-katholische Feinde wie Deutsche, Russen und Schweden versucht, das Kloster Jasna Góra zu stürmen. Jedesmal gelang es den polnischen Verteidigern, die Belagerung durch die Feinde erfolgreich abzuwehren. Der Erfolg wurde der Wunderkraft der segensreichen Muttergottes von Tschenstochau zugeschrieben. Das Bildnis der Gottesmutter hat ähnlich gelitten wie Polen selbst: beim Versuch der Schweden im 17. Jahrhundert, die Stadt zu belagern, wurden Maria drei Einschnitte auf die Wange verpasst. In ihrer Existenz sah und sieht man somit bis heute den Garanten für die Existenz des polnischen Staates. Insofern ist es auch irgendwie nicht verwunderlich, dass ein Teil des Klosters eine Ausstellung über die Solidarnosc-Bewegung beherbergt, in deren Mitte die Medaille des Friedensnobelreises Lech Walesas ausgestellt wird.
Ich habe dort auch an einer Hl. Messe teilgenommen und zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass dort auch sehr viel für den Polnischen Staat als solchen gebetet wird. Höchst interessant. Was ich jedoch mit meinem Gottesbild nicht vereinen kann, ist eine stark ausgeprägte Unterwerfung. In der Kapelle der Mutter Gottes umkreisen Menschen den Altarraum auf Knien während sie beten. Das war für mich persönlich zu heftig. Ich frage mich, wer auf dieser Welt etwas davon hat, wenn ein Mensch (jeden Alters übrigens) auf Knien durch die Gegend rutscht. Und so wie ich unseren Gott einschätze, hat er davon auch nix, weil er nicht darauf aus ist, uns als seine Unterworfenen zu sehen, davon hat er nix; aus Ruhm glaub ich macht er sich nichts. Ich glaube, er sähe es lieber, wenn wir ihm dienen, aber nicht, indem wir unsere Knie ruinieren, sondern unserem Nächsten Gutes tun. Damit erweise ich Gott doch die höchste Ehre, oder nicht?! Verzeih mir Vater, wenn ich mit diesen Worten sündigte!
Nach mehr als 4 Stunden auf diesem Anwesen dann endete mein Tag in Czestochowa nach einer Portion wirklich guten heißen Bigos' auf dem Feuer gekocht. Mmmmhhhhh....
So, das war erstmal der letzte Eintrag von mir, wohl bis zum neuen Jahr. Am Wochenende gehts nach Zakopane, dort kann ich bei couchsurfern unterschlüpfen und sie nehmen mich mit in meine geliebten Berge (ob ich die polnischen Karpaten lieben werde, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich Berge mag und inzwischen auch sehr sehr vermisse!), daraufhin nach Tarnow und dann ins neue Jahr.
In diesem Jahr freue ich mich doppelt: zum Einen, weil Weihnachten ist und zum Anderen, weil ich nächstes Weihnachten hoffentlich wieder im Kreise meiner Familie feiern werde. Jetzt weiß ich dieses Glück der letzten 22 Jahre erst so richtig zu schätzen. Mami, Papi, Flo, Stephan - ihr fehlt mir hier.
Liebe Grüße nach Hause, ich wünsche euch eine ruhige Weihnachtszeit!
-chrissi

Montag, 14. Dezember 2009

eiskalt ist es inzwischen geworden, das macht mir einen strich durch meinen plan, in dieser woche quer durch polen zu reisen. ich bin doch kein so harter hund. es ist mir schlichtweg zu kalt im moment.
Letzten Donnerstag war ich in Warschau auf einem Jazz-Konzert von Ewa Uryga. Wow, Gänsehaut-Stimmung. Irrsinnig schön. Ein Moment der Weihnachtlichkeit. Und Sonntags gemeinsam mit JB und Chacha auf der Suche nach einer französischen Messe, die wir allerdings nicht fanden und uns deshalb in den polnischen Familiengottesdienst gesellt haben. Irre, wie quicklebendig das dort war. Und der Pfarrer hat versucht, Dialog mit den Kids zu führen. Er fragte sie, was es denn alles Bedarf, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Erinnerte mich ein wenig an meinen Heimat-Pfarrer, nur, dass dieser Pfarrer während allem, was er so tat, auch noch ein warmes Schmunzeln auf den Lippen trug. Ein wenig erstaunt war ich, als ich am Ende des Gottesdienstes von eben jenem Manne hörte, dass es im Hinterzimmer jetzt noch eine "akcja milosci tylko dla doroslych" gäbe - eine Aktion der Liebe nur für die Erwachsenen?! Ähhh.... ach so, ja kar, Blutspendetag. Was auch sonst!?!
Im Übrigen -Mau und Vau, ihr lest das jetzt nicht ;-) - hatte ich am Mittwoch eine interessante Begegnung beim Hitchhiken von Lodz nach Warschau: Mein Fahrer ist Zeuge Jehovas und somit haben wir eine Unterredung über seinen Glauben, die katholische Kirche und Weihnachten geführt. Spannende Sache. Ich glaube, am meisten begeistert hat mich, dass ich diesen Mann zumindest meistens verstanden habe, da unser Gespräch auf Polnisch war. Quintessenz: Unser Weihnachten jetzt is a Gschmarri, weil nämlich eigetnlich muss das am 14. Oktober sein, weil Jesus genau 30 1/2 Jahre alt geworden und wenn man das von seinem Todestag zurückrechnet...Ich konnte ihn leider nicht fragen, wie das damit ausschaut, dass Ostern immer von Vollmonden etc abhängt und somit ja auch der Todestag schwankt. Jedenfalls war dieser Mann sehr nett. Da er jedoch nicht direkt nach Warschau gefahren ist, sondern 30 km zuvor stoppen musste, ließ er es sich nicht nehmen, mich zu einem Bahnhof zu bringen, wo ich dann bequen mit nem Zug in die Stadt fahren konnte. An diesem Bahnhöflein musste ich knapp 40 Minuten warten und bei meinen ungelenken Versuchen, ein Foto von mir und dieser verlassenen Gegend zu machen, kam dann ein dem Atem nach ein wenig mit C2 angereicherter Mann auf mich zu und wir so ins Gespräch. Er fragte mich, ob ich mich für alte Eisenbahnen interessierte und da ich ja nichts besseres zu tun hatte war die Antwort ein klares und deutliches "Ja". Und so bekam ich dann laut Erklärungen dieses Mannes Polens erste elektrische Eisenbahn zu sehen, die an diesem Bahnhof in einem verschlossenen Hangar steht. Das gute Ding hat wirklich musealen Charakter, außen Blech, innen Holz, und ist 82 Jahre alt. Dieser Mann war im Übrigen der erste, der zurückschreckte, als ich ihm sagte, dass ich Deutsche sei. Das hielt aber nur für kurz an, er hat mir ja trotzdem die Eisenbahn gezeigt. Und nach dieser unterhaltsamen halben Stunde brachte er mich noch zum Zug und winkte mir Auf Wiedersehen.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Mein Traum vom Meer

Freitag vormittags krochen die Minuten nur langsam dahin, die Reiselust hingegen brannte mir wieder unter den Nägeln, sodass ich vor Spannung fast platzte, als sich gegen 12 auch noch herausstellte, dass wir die Vorlesung über Pfortaderbluthochdruck auch schon einmal genießen durften. Bis wir uns endlich dazu durchgerungen haben, diese kleine Tatsache zu erwähnen. Dankeswerterweise, da Freitag Nachmittag und kurz vor erster Advent, durften wir dann als schon um kurz nach eins gehen. Flux zum Bahnhof, an dem ich dann Alessandro, der aus Warschau kam, aufgabelte, und wir gemeinsam in den Zug nach Sopot stiegen. Dort wollten wir uns mit Michal treffen, jenem Mann, den ich auf dem Weg nach Kreisau kennenlernte, der es vorzieht, im Wald zu leben, und von dem ich den Getränkedosen-Spiritusbrenner kenne. Nach 7-stündiger Zugfahrt erreichten wir unser Ziel und Michal, auch eben erst aus der Wildnis zurückgekehrt, geleitete uns in seine Wohnung, in der wir unser Lager aufschlugen. Ich war ziemlich gespannt auf die kommende Zeit, kannte ich unseren Gastgeber ja lediglich von einer mehrstündigen Zugfahrt.
Noch am selben Abend hörte ich das Brausen der Ostsee, schmeckte die salzige Luft auf meinen Lippen und machte mir bewusst, dass das Wasser irrsinnig kalt und die Idee, ein Bad im Meer zu nehmen, durchaus die einer Verrückten ist. Abbringen ließ ich mich davon dennoch nicht, nur wartete ich auf eine schönere Szenerie.
Unsere –wieder einmal internationale- Gruppe war ein Glücksgriff möchte ich meinen. Unkompliziert kamen wir miteinander klar und führten bis spät in die Nacht eine Unterhaltung über unsere Weltanschauungen, Lebenskonzepte und Menschenerfahrungen. Ich genoss diese Tage sehr, weil sich sehr unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen zeigten: Michal, der eine eher dunkle Vergangenheit hat, aus der heraus sich sein jetziger Lebenswandel zumindest ansatzweise erklären lässt, sieht seine Mitmenschen sehr negativ und destruktiv (was jedoch im krassen Gegensatz zu unserer Begegnung steht, die er, wie er selbst auch sagte, als sehr fruchtbar und hilfreich empfunden hat). Insgesamt hat er für mich persönlich eine zu fatalistische Haltung angenommen, für ihn ist alles geschrieben und Veränderung durch uns selbst nicht möglich. Das hat mich ab und an zur Weißglut getrieben, muss ich gestehen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir es vermögen, Veränderung zu schaffen (Wie siehts eigentlich aus im Audimax), im besten Wissen und Gewissen.
Alessandro, ein Künstler aus Palermo, hat sehr bodenständige Ansichten und agiert auf Basis der Realität, die er erfährt, ohne große Gedankenkonstrukte aufzubauen. Das, was es direkt braucht, macht er. Beeindruckend, dass er vor 10 Jahren eine Organisation mitbegründet hat, die sich für die Rechte Homosexueller in Sizilien stark macht (sein Bruder ist schwul und hat darunter sehr gelitten) und inzwischen eine betrachtliche Größe und Akzeptanz angenommen hat.
Und eben noch ich, wobei ich mich und meine Gedanken selbst nicht charakterisieren kann.
Am Samstag war Strand-Tag angesagt und eine Wanderung durch wunderschöne Natur von Sopot nach Gdynia und von da aus mit der Stadtschnellbahn nach Gdansk (die drei Städte bilden sozusagen ein lineares Städtedreieck, das als Einheit gesehen wird). Mein Plan für dieses Wochenende war, in jedem Fall nach Leba zu düsen, da sich dort Europas letzte Wanderdüne befindet. Michals Augen fingen natürlich sofort Feuer, da er sich dort sehr zu Hause fühlt, und auch Alessandro ist für so etwas leicht zu begeistern. Deshalb also der Plan, relativ früh ins Bett zu gehen, um Sonntas gleich um 5 Uhr in den Zug steigen zu können. Wegen zu guter Gespräche wurde aus Teil eins des Plans nichts, wir schafften es aber dennoch, in der Früh aufzubrechen. Und mit Michals Wissen um die Gegend dort führte unser Weg nicht nach Leba, sondern nach Slupsk und Smoldzino, von wo aus wir dann eine ordentliche Wanderung durch einen Nationalpark machten. Ein wunderschöner Wald, der mich sehr an einen bestimmten Abschnitt des Jakobsweges in Spanien erinnerte, der sich langsam lichtet und dem Sand immer mehr Raum überlässt. Nach einiger Zeit dann wieder das Meer vor Augen, das uns diesmal nicht entkommen konnte: wir nahmen ein Bad, das allerdings vielmehr ein kurzes Eintauchen ins eiskalte Wasser war. (Da kommt mir gerade folgende Zeile aus G. Benns Gedicht „Schöne Jugend“ in den Sinn „[...] oh, wie die kleinen Schnauzen quietschten [...]“). Bei diesem blick aufs Meer grabe ich wieder meinen Traum aus, einmal längere Zeit auf einem Boot zu verbringen, so ganze ohne festen Boden unter den Füßen, der Kraft der See und des Windes ausgesetzt. Die vom Wind gegerbten Gesichter der Menschen, die zur See fahren, finde ich unglaublich schön. Ihr hartes Leben hat sich in ihren Zügen festgeschrieben, sie sind lesbar. Andererseits ist mir klar, dass das ein sehr egoistischer Wunsch ist, und seine Zeit womöglich passierte. Wenn ich einmal ein halbes Jahr auf See sein sollte, so hätte niemand sonst etwas davon außer mir. Und ich meine, dass längst die Zeit gekommen ist, in der ich zurückgebe. Womöglich durch die Kunst, die ich gerade erlerne. Ich habe schon so viel annehmen dürfen, dass es mir falsch erscheint, ein halbes Jahr nur für mein Ego zu leben.
Danach zogen wir uns in die „Wüste“ zurück und durch die Dünen windgeschützt aßen wir Brot und tranken heißen Tee. Es gibt für mich kaum besseres als einen Laib Brot, wenn man draußen unterwegs ist, wo man kaum anderen Menschen begegnet und schon etliche Kilometer per pedes zurückgelegt hat. Ein Naturspektakel auch, von unserer Düne aus den Regen im knapp 10 km entfernten Smoldzino zu sehen, zu sehen, wie sich die Wolkenfront uns nähert und wir langsam vereinnahmt werden vom englischen Regen, am Horizont ein schmaler Streifen Abendrot sichtbar. Wir beginnen den Heimweg als es bereits dämmert und ein recht voller Mond ab und an hinter den Wolken zum Vorschein kommt. Wildschweine kreuzen unseren Weg und Szymborska meine Gedanken:

Wörtchen

»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?« fragte sie mich und atmete erleichtert
auf. Es gibt jetzt so viele von diesen Ländern, dass es
am sichersten ist, über das Klima zu sprechen.
»Oh, ja«, möchte ich ihr entgegnen, »die Dichter
meines Landes schreiben in Handschuhn. Ich behaupte
nicht, sie zögen sie niemals aus; wenn der Mondschein
wärmt, dann schon. In ihren Strophen, vom lauten
Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt durch das
Heulen der Stürme, besingen sie das einfache Leben
der Seehundhirten. Die Klassiker wühlen mit Tinten-
zapfen in den festgetretenen Dünen. Der Rest, die
Dekadenten, beweint das Schicksal der kleinen Sterne
aus Schnee. Wer sich ertränken will, muß zum Beil
greifen, um eine Wake zu schlagen. So ist das, meine
Liebe.«
So möchte ich ihr antworten. Aber ich vergaß, was
Seehund auf französisch heißt. Ich bin mir auch des
Zapfens und der Wake nicht ganz sicher.
»La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?«
»Pas du tout«, antwortete ich eisig.

[ich muss den Fluss des eigentlichen Themas gerade unterbrechen, mir kommt in den Sinn, ob dieses Gedicht nicht womöglich DAS Gedicht meiner Zeit hier ist: Bevor ich nach Polen aufgebrochen bin, habe ich es gelesen in einem Buch, das mir meine Mutter geschenkt hat. Im Oktober stolpterte ich wieder darüber, als Pani Ela mir Ihre „lyrische Annäherung an das Land und die Menschen [...]“ zukommen lassen hat und nun, in dieser Zufriedenheit, streift es wieder meine Gedanken]

In dieser wohligen Stimmung, wandern durch den dunklen Wald, Nieselregen, zwei Menschen, die ich mag, schweigend an meiner Seite, ein schönes Gedicht auf meinen Lippen, den Rucksack auf meinen Schultern, die Anker meiner Heimat in mir, erfahre ich, dass ich Weihnachten in Polen verbringen darf. Und der Mondschein wärmt noch mehr.

Nach einiger Wanderei wieder zurück in Smoldzino, mit dem Bus nach Slupsk und anschließend ein Zug nach Hause. Michal steigt in Sopot aus, während Alessandro und ich die ganze Nacht hindurch Richtung Warschau fahren. In Warschau Ost heißt es dann für mich umsteigen nach Lodz und Alessandro ist wenige Minuten später in Warschau centralna zu Hause. Ich bin so müde, dass mich in Lodz fabryczna eine nette Frau aufweckt und mir mitteilt, dass wir die Endhaltestelle erreicht hätten. Es ist 7.20 Uhr, Montag morgen. Um acht muss ich im Krankenhaus sein und dem Alltag Einzug gewähren. An diesem Tag bin ich so müde, dass es mir weh tut, die Augen offen zu halten. Aber tief zufrieden, denn so eine Zeit wandernd in unsagbar schöner Umgebung zusammen mit Menschen, die neue Sichtweisen für mich offenbaren, tut gut.
Marlena, meine Zimmernachbarin, hat Grippe und kuriert sie mit Knoblauch. Ich glaube nicht, dass ich mich anstecken werde, immerhin habe ich die Ostsee in mir...

Wieder ein sehr langer Eintrag geworden, was? Nun, wer es bis zum Ende geschafft hat, sei herzlichst gegrüßt!

-chrissi

Donnerstag, 26. November 2009

Co slychac?

Viel passiert seit meinem letzen Eintrag in mein online-Tagebuch, dem Seelen-Striptease im Cyberspace.
Meine Eltern machten sich am vergangene Wochenende auf den Weg nach Warschau, um mir ziemlich genau zu meiner Halbzeit eine Pause zu verschaffen in der Fremde (die allerdings gar nicht mehr so fremd ist). Ich fühlte mich zurückerinnert an Kindheitstage, wenn kurz vor Weihnachten die Vorfreude immer größer wird. Patrycja, wohl eine meiner engsten Freundinnen hier, hat für meine Eltern ein Lebkuchenherz besorgt mit der Aufschrift „Zaubermaus“. Erst nachdem sie es errungen hatte, schlug sie nach, was das wohl heißen soll, und somit war es ihr ein bisschen peinlich, als sie mir das Herz gab mit der Bitte, es an meine Eltern als „Willkommens-aufmerksamkeit“ weiterzureichen. Die Tage hier sind inzwischen sehr kurz, schon früh ist es stockfinster, so dass ich meinen Eltern leider nicht viel meines Warschaus bei Tageslicht zeigen konnten, aber die Zeit haben wir eh vielmehr nutzen wollen, um sie miteinander zu verbringen. Was ich nicht wusste, ist, dass meine Mutter vor 40 Jahren schon einmal in Warschau war – gerne hätte ich die Bilder ihres Aufenthaltes damals jetzt in meinem Kopf, um nachvollziehen zu können, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Eine kleine Schlenderei durch die Altstadt und die „Neue Welt“, dann zogen wir uns zurück aus der Stadtmosphäre und verbrachten den Abend plaudernd, eine mir sehr willkommene und angenehme Seltenheit. Der nächste Tag hatte die Fahrt nach Lodz auf dem Programm stehen, damit Mau und Vau sich auch ein Bild meiner Residenz machen können. Auch in Lodz geht die Sonne früh unter und mehr als grobe Impressionen der Stadt konnte ich Ihnen nicht zukommen lassen. Dafür hatten wir wieder einmal mehr Zeit für uns, und das war auch gut so. Ganz klar, ein Besuch von Freitag bis Sonntag ist beinahe zu kurz, aber dennoch unbezahlbar. Mir war es sehr wichtig, meine Eltern wieder zu sehen und nicht nur am Telefon zu sprechen und auch, dass sie erleben, wie und wo sich meine Zeit im Moment abspielt. Und ausserdem, ich gestehe, habe ich mich auch ziemlich über die Mitbringsel gefreut. Somit gibt’s in meiner Wohnung jetzt Adventskalender und Nürnberger Lebkuchen, etliche davon werden auch noch andernorts in Polen auftauchen, kalten Füßen ist vorgebeugt und auch fürs Studium war Nützliches dabei. Der Abschied am Sonntag Abend fiel uns wieder ähnlich schwer wie damals im Sommer. So traurig ich auch war, ebenso glücklich wähnte ich mich, dass ich mich mit meinen Eltern so verbunden fühle, dass es uns die Tränen in die Augen treibt und mir die Seele brennt, wenn wir uns voneinander verabschieden.
Unter der Woche dann wieder Chirurgie, inzwischen habe ich glaube ich zum fünften Mal erklärt bekommen, wie denn nun diese Whipple-Procedur oder der Tripple-Bypass von Statten geht, ziemlich redundant also. Allerdings möchte ich noch feierlich verkünden, dass ich das erste Mal offiziell bei einer OP assistiert habe. Am Dienstab Abend nämlich begleitete ich unseren lehrenden Doktor bei seiner Nachtschicht und wie es der Zufall so will wird eine Patientien eingeliefert, die lehrbuchartig Zeichen einer akuten Blinddarmentzündung aufweist. Und somit hieß es „come on, scrub in, we got some surgery to do!“. Und schwupps sah ich mich Haken-haltend im OP, und zwar diesmal in einer Position, von der aus man einen wirklich guten Blick auf das Geschehen hatte. Ganz schön anstrengend, die Haken-Halterei, dabei dauerte dieser Eingriff nur ne knappe halbe Stunde. Nächten Dienstag und Donnerstag sind wieder Nachtschichten angesagt...
Und es geht weiter mit guten Nachrichten: Da ich wegen des Chirurgie-Praktikums zur Zeit meinen Sprachkurs nicht zum regulären Zeitpunkt besuchen kann, kann ich in einer Einzelstunde mit meiner Lehrerin „nachsitzen“. Und die nette Dame, Frau Eliza, hat mir am Dienstag eröffnet, dass sie es für eher wenig sinnbringend hält, wenn ich weiterhin in dem Anfängerkurs rumsitze, und deshalb habe sie mit der Verwaltung der Universität gesprochen. Es sieht ganz danach aus, dass die Uni einen Sprachkurs bis zu 4h / Woche für „nicht-mehr-ganz-Anfänger-aber-trotzdem-irgendwie-sowas“ einrichten kann, der dann aber wohl als Einzelunterricht für mich ablaufen wird, weil sonst niemand mit meinem Level matcht. Wow. Das wäre ja der Hammer. Ich schöpfe wieder neue Hoffnung!
Vorvorletzte gute Nachricht: gestern erhielt ich einen Brief aus Bialowieza (wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass das der Ort ist, wo der „Nichtraucher“ wohnt, gleich bei den Bisons). Jenem Waldek nämlich schickte ich vor einiger Zeit ein paar Zeilen des Dankes, was ich so über unsere Begegnung denke und auch Fotos von unserer Reise. Das ganze muss schreckliche Grammatik gewesen sein, aber letztlich scheint er verstanden zu haben, was ich sagen wollte. Gestern jedenfalls seine Antwort auf meinem Schreibtisch. Iola, meine Mitbewohnerin, musste herhalten, um mir zu übersetzen. Ich war sehr gerührt von Waldeks Brief, in dem er mir bestätigte, dass unser Treffen auch für ihn sehr einprägsam und besonders war. Und ausserdem legte er ein paar kopierte Seiten eines Buches, das er zur Zeit liest, bei. Appollinaire ist der Autor, die Sprache Polnisch. Insofern werde ich also gut etwas zu Tun haben, wenn ich auch nur ansatzweise verstehen möchte, wovon die Zeilen handeln. So wie ich Waldek einschätze, hat er nicht umsonst diese Ausschnitte ausgewählt, um sie mir zu senden...
Vorletzte gute Nachricht: gestern Abend war ich endlich mal wieder im Theater! Im „Jaracza“ lief „Otello“ – eine Variation über das Thema. Ich würde es als eher moderne Inszenierung beschreiben, die es schaffte, trotz meines sprachlichen Unvermögens die 2 ein Viertel Stunden (!) Aufführungszeit nicht langweilig werden zu lassen! Allein die Aussprache des Namens „Otello“ im Polnischen ist ein Gedicht: das doppel-L wird nicht einfach untergebuttert, nein, jeder Buchstabe hat seine Berechtigung und muss deshalb auch ausgesprochen werden. Es heißt also „Otel-lo“, wobei keine künstliche Pause zwischen den beiden „l“ entsteht, sondern ein steter Fluss erhalten bleibt. Herrlich, wie ich meine. Ein sehr willkommenes Arrangement aus Schauspiel, Musik, Licht und Tanz, das sich im Allgemeinen nicht wesentlich von moderenen Inszenierungen in Deutschland unterscheidet: sex, drugs, rock’n’roll. Wenn mal wieder ein Stück angesagt ist, das ich kenne, werde ich es mir definitiv ansehen. Auch, wenn es wirklich komisch ist, das gesprochene Wort nicht zu verstehen. Jetzt weiß ich, dass ich das schöne Erlanger Theater tatsächlich ein wenig vermisse und mich darauf freue, mich ab Mai wieder öfter der Kunst zu widmen.
Und nun, letzte gute Nachricht: heute habe ich meinen eigenen Spirituskocher fertiggebaut. Aus zwei Getränkedosen, so wie Mihal es mir im Zug erklärt hat. Und tatsächlich, er brennt, ein wenig ungleichmäßig zwar, aber so, dass er neben meinem „Zacherl“ durchaus bestand haben kann. Jippiiiieeeeeee!

Pozdrawiam! -chrissi

Donnerstag, 19. November 2009

give your heart and soul to me

mein Tag ist ganz und gar geprägt von Chirurgie zur Zeit. Und so bitter manche Diagnose und Prognose auch sein mag, heute musste ich doch echt lachen, als während einer Magen-Resektion Ella Fitzgerald und Louis Armstrong "Dancing cheek on cheek" und danach "give your heart and soul to me" zum Besten gegeben haben. Das erste Lied passte so wunderbar, weil es um den OP-Tisch so kuschelig ist, dass wir tatsächlich Backe an Backe stehen (btw über die Darmschlingen könnte man auch so denken, wenn man sie denn personalisierte...) und das zweite Lied, nun ja, wir sind im OP... abgefahren. Zusätzlich ist da noch unser Herr Professor, den ich in Zukunft übrigens "Peter" nennen werde (in Anlehnung an Peter Z., mit dem der Chirurg unglaubliche Ähnlichkeit hat, Anm. d. Red.). Peter spricht gerne und wenn er gerade nichts Medizinisches zu äußern hat, dann ist es eben ein bisschen Small-talk zwischendurch oder auch ein Witzchen, jedoch nie auf Kosten des Patienten, was ich sehr begrüße.



Ansonsten hat in Lodz gestern das "Explorer's festival" angefangen. Überraschender Weise -NICHT- juckt es mich schon wieder tierisch in den Fingern. Was mir hier echt abgeht sind ein paar Berge. Der Eröffnungsfilm zeigte ein Expeditionsteam im Himalaya, wunderschöne Bilder einer wunderschönen Reise. Sorry, aber da kann die Kletterhalle in der Manufaktura nun mal nicht mithalten! Nun, die Hoffnung bleibt, dass ich es irgendwann im Laufe meines Aufenthaltes hier noch in die polnischen Karpaten schaffe, zwar nicht zum Klettern, aber zum Seele-Baumeln. Mal sehen. Jetzt freue ich mich tierisch auf den ersten Besuch aus heimischen Gefielden: Mau und Vau brechen nach Polen auf. juhuuuuu!

Mittwoch, 18. November 2009

FAU brennt

und ich bin nicht dabei, physisch. Aber in den meisten Punkten unterstütze ich den Forderungskatalog der Erlanger Studierenden. Und vielleicht gibts ja bald auch noch intelektuellere Skandier-Rufe als "reiche Eltern für alle".
Dran bleiben, Leute!
www.faubrennt.de

Samstag, 14. November 2009

Whipple, Triple, Roux-loop

was 'ne Woche. Jetzt gehts hier aber ans Eingemachte, was mir durchaus recht ist. Morgens um acht heißt es Antreten zur ward-round, also der Stipp-Visite auf der allgemeinchirurgischen Station, was in Anbetracht der Tatsache, dass wir allesamt nicht genug polnisch verstehen, ein bisschen Lächerlich ist, aber immerhin sehen wir die Gesichter und riesen Narben der Patienten. Danach dann dürfen wir in den OP. Scrubs, also OP-Kleidung, haben wir gestellt bekommen, alledings nur eine Hose und ein Hemd für 4 Wochen. Mh, wie hygenisch. Na, und nachdem wir uns dann umgezogen haben, Häubchen, Mundschutz und Schuhbedeckung richtig sitzen, geht es in den OP. Ein bisschen schwierig ist es schon, etwas mitzubekommen, da neben meist 3 Operateuren noch 8 Studenten was sehen wollen, aber wir arrangieren uns meist recht gut. Also, was gabs bisher? Ne Nierentransplantation, Cholezystektomie, Rektumamputation und heute was äußerst spannendes: geplant war eine Pancreaticocholezytsduodenektomie nach Whipple, also das Entfernen der Bauchspeicheldrüse (zumindest deren Kopf), der Gallenblase und des 12-Finger-Darms wegen eines Tumores in der Bauchspeicheldrüse. Während der OP jedoch stellte sich heraus, dass das nicht möglich ist und man dem Patienten also keine kurative (=heilende) OP mehr zukommen lassen, sondern lediglich palliativ (als Beschwerden-mindernd und Lebensqualität-steigernd) vorgehen kann, das nennt sich in diesem Fall dann Triple-Bypass. Was man also gemacht hat ist, dass man den 12-Finger-Darm vom Magen abgekoppelte und anstelle dessen ein Stück Darm von weiter unten (Jejunum) zu einer neuen Darmschlinge legte (heißt dann Roux-loop) mit dem Magen verband (end-to-side Gastro-jejunale Anastomose); den nach Entnahme der Gallenblase verbleibenden Ductus choledochus mit eben jenem Darmstück verbunden (end-to-side)und dann am Ende Darm mit Darm (end-to-end) wieder verbunden hat. Schaut zwischendrin aus wie Kraut und Rüben, aber macht schon Sinn. Sehr spannend, muss ich sagen! Und auch interessant zu sehen, wie sehr die Chirurgen ins Schwitzen geraten sind, als es darum ging, am Tisch eine Entscheidung zu treffen: Whipple oder Triple? Nach 4 Stunden dann wars geschehen, der Patient erwachte, allerdings leider mit einer sehr tristen Prognose.
Am Mittwoch, 11.11., beging Polen im Übrigen Nationalfeiertag, denn mit Ende des 1. Weltkrieges vor 81 Jahren entstand erstmals seit mehreren Jahrhunderten wieder ein eigener polnischer Staat. An diesem Tag machten Donald und ich mich per Anhalter auf in das nahe gelegene Dorf "Piatek" (das heißt Freitag), das den geographischen Mittelpunkt des heutigen Polen darstellt. Die Autofahrer, die uns mitgenommen haben, schauten uns meist engeistert an und fragten, was in aller Welt wir denn in diesem Dörfchen machen wollten. Als wir dann da ankamen und den Markstein der Mitte Polens sahen, fragten wir uns das auch. Aber 'ne lustige Reise wars allemal!
pozdrawiam serdecznie! -chrissi

Montag, 9. November 2009

what a difference a day made

okay, nicht nur 24 little hours, es war schon ein bisschen mehr. vielleicht zu viel. Gestern Abend war ich seit langem froh darüber, dass die Rumreiserei beendet ist und ich nach Hause zurückkehren konnte.
Donnestag bis Sonntag auf dem Weg nach und in Vilnius, hitchhiken. Schwierige Umstände: 5 Leute, Beginn der Reise erst, als es schon dunkel war. Dementsprechend verlor sich die Gruppe auch. Die einen bekamen einen Ride nach Bialystok, die anderen nicht. Um das Reisefieber aufrechtzuerhalten entfachten wir flux ein Feuer im Kamin, grillten Würstchen darin und bauten ein Zelt im Zimmer auf, um am nächsten Morgen mit dem Zug zu den Anderen zu stoßen und anschließend gemeinsam nach Suwalki in der Nähe der polnisch-litauischen Grenze zu fahren. Von dort aus wieder Hitchiken, die eine Gruppe erfolgreich bis Kaunas, 100 km vor Vilnius, die andere Gruppe erfolglos, keine Grenzüberschreitung. Aber dafür wieder eintauchen mitten ins Leben der Menschen hier: Geburstag der Großmutter der Familie, bei der man die Nacht verbringen durfte. Das pure Leben. Vilnius selbst überrascht als Stadt (im Übrigen europäische Kulturhauptstadt in diesem Jahr). Ich hatte vor meiner Ankunft da kein Bild im Kopf. Jetzt sind es viele, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen. Übrigens: logo, ich war wieder beim Friseur, wie es die Tradition gebietet. Ich muss jetzt 'n bisschen langsam machen mit Auslandsbesuchen, sonst hab ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Am vereinnahmendsten empfand ich das Künstlerviertel: mit Überschreiten einer kleinen feinen Brücke betritt man ihr Reich, das sie zu einer eigenen Republik Uzupis erklärt haben, mit eigener Verfassung und ohne politische oder kriegerische Akte wie man das aus Transnistrien oder sonstewo her kennt. "Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht an jedem vorbei zu fließen.", so lautet einer der 41 Artikel der Verfassung. Schön-schräge Leute mit offenen Herzen.
Von dieser frisch-fromm-fröhlich-freien Reiselaune ging es dann direkt nach Krzyzowa (Kreisau) in Niederschlesien, in deutlich ernshaftigere Tage. Der Weg dahin war wieder einmal wundersam. Im Zug von Warschau nach Breslau teilte ich ein Abteil mit Mihal, dessen Geschichte ich interessant finde. Vor mehr als 10 Jahren beschloss er, der Gesellschaft den Rücken zuzukehren und hauptsächlich im Wald zu leben, allerdings nicht an einem festen Ort, sondern immer wandernd. Ich fragte ihn, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat, und ich hörte von seiner Vergangenheit. Er war Sportler, Kickfighter. Sein tägliches, gutes Geld bringendes Geschäft war, Gegnern auf der ganzen Welt Gewalt anzutun. Eines Tages in Japan schlug ihm diese Sichtweise ins Gesicht und er beendete seine Karriere. Seitdem, so habe ich den Eindruck, ist er auf der Suche nach seinem Sinn. Wir sind uns in vielen Gedankengängen ähnlich, die 5 einhalb Stunden Zugfahrt vergingen schnell, wir konnten uns gegenseitig erzählen, was wir suchen, wenn wir draußen unterwegs sind, und was wir finden. Ich bin der Meinung, dass es für Mihal eine gute Entscheidung war, die Einsamkeit zu suchen. Aber es endete in einer Flucht vor den Menschen, jetzt muss er sich -so denkt er- für nichts rechtfertigen was er tut. Ich hoffe, er findet einen Weg, der ihn weiterführt. Denn im Moment hilft er, wenn überhaupt, nur sich. Es wäre egoistisch und schade, wenn er all die Aufmerksamkeit und seine Empathie für Leben nur für sich alleine sichtbar werden lässt. Ich glaube, unsere Begegnung hat ihn ein Stück verändert. Und das fühlt sich gut an. Und seit ihm weiß ich, wie man sich einen Benzinbrenner selbst baut, aus Coladosen. Unglaublich! Von Breslau aus versuchte ich zu hitchhiken nach Kreisau, was mir nach einer Stunde wohlwollenden Wanderns durch die Novembersonne auch gelang.
Jetzt ist der Eintrag schon so lang, und noch immer steht so vieles aus, das ich loswerden möchte. Die "Erinnerungslandschaft", die mir einiges an Kraft abverlangt hat, mir aber auch viel Neues gegeben hat. Kreisauer Kreis, eine Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg. Heute ist Kreisau Ort einer Jugendbegegnungsstätte. So viele Fakten, die ich zuvor nicht kannte, über die Familie von Moltke, über Widerstandsgruppen auch während des in Polen folgenden totalitären Regimes Stalins et al., über Papst Benedikt, der eine denkbar ungünstige Rede in Auschwitz 2006 gehalten hat, über sozialpsychologische Erklärungsversuche, wie "Töten als Arbeit" verrichtet werden konnte, über die friedenskirchliche Bewegung in Swidnica, über den Generalplan Ost, über die großen Differenzen in der Betrachtung der Annäherungsversuche zwischen Polen und Deutschland... Damit nicht genug. An Allerheiligen auf einem polniscen Friedhof herrscht eine ganz besondere Stimmung. Ein Meer aus Kerzen flutet die Grabsteine, und in diesen Momenten der Stille verspürte ich zum ersten Mal richtiges Heimweh.
Weiter in Oswiecim, wiederum in der Jugendbegegnungsstätte, Einblick in das pädagogische Konzept des Hauses, folgend dann Besuch in Auschwitz und Birkenau, was mir die Kehle zuschnürte und ich wort- und regungslos die Anlagen durchquerte, obwohl es mein zweiter Besuch dort war. Ein Zeitzeugengespräch mit Häftling 3444, das mir Bauchschmerzen bereitet hat (womöglich hervorgerufen durch meine aktuelle Lektüre "This way to the gas, Ladies and Gentlemen" von T. Borowski). Schlag auf Schlag wurden immer neue Themenblöcke eröffnet, die Woche war voll mit Inputs, die ich aufgeladen habe. Das war ja nur auszugsweise ein Einblick in das Programm. Krakau folgte mit mehr Ruhe, aber auch schmerzenden Erkenntnissen.
Unglaublich schön, ich habe Paul getroffen, meinen lieben Freund aus Rumänien, den ich seit 2 einhalb Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir quatschten die ganze Nacht, es tat gut, mit jemandem zu sprechen, der mir zumindst einmal vertraut war. Und dennoch die nüchterne Erkenntnis, dass alles anders ist, als ich es mir vorgestellt habe: Ich kam nach Polen, um eine neue Sprache zu lernen. Ich habe keine neue Sprache auf dem Kasten, dafür habe ich eine andere verloren. Mein Rumänisch, das ich als suffizient flüssig eingeschätzt hatte, ist ein Scherbenhaufen. Zwar verstehe ich noch immer, aber mein "Sprechen" ist kein Sprechen, sondern ein Wirrwarr aus Polnisch und Rumänisch und viel Schweigen. Autsch. Dieses Ziel meines Auslandsaufenthaltes ging nach hinten los. Und auch der Traum von interdiszipliärem Lernen, eine Seifenblase: ich habe kein geisteswissenschaftlich denkendes Hirn, das wurde mir bei den Diskussionen in unserer Gruppe klar. Ich sauge sehr gerne auf und höre gerne vieles, unterschiedliches, aber ich vermag es nicht zu verarbeiten, im Geiste drehen und wenden, zu Thesen zusammenzufassen, mit Thesen zu ringen... Es war eine Illusion, wenngleich eine schöne.
Seitdem ist einiges irgendwie anders. Auch habe ich zum ersten Mal Angst verspürt, gestern Abend, als ich kurz vor der Haustür war. Ein Mann kam zielstrebig auf mich zu, ich erhöhte mein Schritttempo, ebenso der Mann. Mit erschrecken wurde mir klar, dass ich mich nicht wehren könnte, sollte ich es denn müssen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann Böses unterstellte, was ich zuvor nicht tat bei fremden Menschen. Mit erschrecken stellte ich fest, dass ich dem Mann unrecht tat. Er sagte, er würde so gerne eine Tasse heißen Tee trinken, ob ich nicht ein wenig Geld einstecken hätte.
Ich bin froh, dass ich ab morgen wieder Uni-Alltag vor mir habe, den ganzen Tag lang Blockpraktikum Chirurgie, die nächsten drei Wochen. Ich hoffe, ich kann mich selbst wieder ordnen.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

was ich so alles mag in Polen

Ich mags zum Beispiel, wenn der Fahrer der Straßenbahn aussteigt und mit dem Brecheisen die Weichen umstellt.
Ich mag die Offenheit in Polen: an vielen Orten sieht man Pärchen, die sich küssen und sich offensichtlich mögen. Und es wirkt überhaupt nicht vulgär oder deplaziert, sondern einfach nur schön.
Ich mag diese ausgeprägte Höflichkeit in Polen, die jedermann erfasst (abgesehen von Verkäuferinnen, die echt extrem unfreundlich sein können).
Ich mag den Gasherd und Gasofen bei uns in der Wohnung. Ich liebe es, auf einer Flamme zu kochen.
Ich mag Kartoffeln. Yes, I am from potatoe country. Und ich musste nach Polen gehen, um das zu realisieren. Kartoffeln mit Zwiebeln, mit Tomaten, mit Paprika, mit Curry, mit Salz und Pfeffer, mit Hühnchen, geraten, gekocht, kalt, mit Butter, zum Frühstück, zum Abendessen, zwischendurch, mit Schale, geschält.
Ich mag die vielen Leute, die anhalten, wenn man als hitchhiker an der Straße steht.
Ich mag die Stände am Straßenrand, an denen man Obst und Gemüse kaufen kann.
Ich mag die Kühe, die vereinzelt auf den Feldern rumstehen.
Ich mag die frische Milch.

Ich mag es, wenn die Leute ihre starren, mürrischen Gesichtszüge erweichen und zurücklächeln.
Ich mag das Gebäck vom Straßenstand.
Ich mag den Dampf, der aus den Kanaldeckeln aufsteigt, wenn es draußen bitterkalt ist.

Montag, 19. Oktober 2009

why I like Lodz

http://www.youtube.com/watch?v=pVlZmDx7mOE

der Titel spricht für sich. Lodz ist durch meine Augen gesehen recht spannend, wie ich meine.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

pada snieg

es ist soweit: es schneit. es ist bitter bitter kalt. meine schuhe halten dicht, bisher. wunderbar.
ganz kurz muss ich mal was loswerden, was mich nervt hier: Lodz hat ein unglaubliches Problem mit dem public transport. ich bin ja wirklich gewillt, die paar wenigen Vorlesungen, die ich habe, zu besuchen. Aber da macht mir das Verkehrswesen hier einen Strich durch die Rechnung. Ich habe heute 55 Minuten auf einen Bus gewartet (im Schnee, Anm. d. Red.), in diesem Zeitraum hätten 6 Busse abfahren sollen. Als dann zum Zeitpunkt des Beginns meines Kurses noch immer kein einziger da war, beschloss ich, den Kurs ausfallen zu lassen. Cholera! Ich weiß nicht genau, wo das Problem ist. ich glaub, die Ampelschaltungen... So`n Mist. Aber ich darf ja auch mal was nicht toll finden, gell :-)
SchneE(ll)mann

Dienstag, 13. Oktober 2009

Przepraszamy pan, to z nowy my… czy możemy dostać jeszcze jedno noc? Supertramps on their way.

Eine der Reisen, an denen ich gewachsen bin, so viel steht schon mal fest. Und einige Zeichen deuten darauf hin, dass es wirklich ein sehr sehr guter Trip war: z.B. habe ich mein Telefon verloren. Das Verlieren von Dingen, die wichtig für mich sind, ist ein objektiver Indikator für die Güte eines Erlebnisses, somit bin ich hierbei schon mal auf der sicheren Seite. Ja, ich versuche, so schnell als möglich ein anderes Telefon aufzutreiben.... Zurück zu der Reise. Am Freitag Abend war großes Wiedersehen in der Franzosen-WG in Warschau, fast alle Teilnehmer des Sprachkurses und einige unserer polnischen Freunde waren da. Ich freute mich wie ein kleines Kind, als ich in Lodz in den Zug stieg, um dorthin zu reisen. Und vielleicht war das gesamte Wochenende ein magisches, denn schon im Zug kam es flux zu einer Unterhaltung mit zwei mittfünfziger Amerikanerinnen, die eine 14tägige Rundreise durch Polen beendeten; sie wandelten u.a. auf den Spuren ihrer jüdisch-polnischen Vorfahren. Eine sehr feine Sache, denn in diesen eineinhalb Stunden Fahrtzeit konnte ich durch die Unterredung mit den Damen meine Gedanken und Sichtweisen über Polen erneut sortieren und von außerhalb beleuchten lassen. Unser Gespräch war so herzlich, dass wir es nicht nur bei Erinnerungen an dieses Treffen belassen wollten, sondern auch Kontaktdaten austauschten. Mal sehen, wohin das führt. In Warschau dann holten mich Charlotte und Patrycja vom Bahnhof ab, wie heimkommen war das. Soooo viel zu erzählen gibt es! Ein Geschnatter ohne Ende... Und das Geschnatter hörte bis spät in die Nacht gar nicht mehr auf, der Morgen graute, als wir beschlossen, doch noch ein paar Stündchen zu schlafen, bevor die Tour losgeht. Die Tour, was ist die Tour? Alles begann damit, dass der Italiener Alessandro und die Deutsche Chrissi feststellen, dass sie beide sehr gerne klettern oder draussen unterwegs sind. Und da Warschau nun einmal doch eher als Stadt zu sehen ist, war klar, dass wir möglichst bald zu den Bisons im europäischen Urwald and der polnisch-weißrussischen Grenze müssen. Unser Plan war knapp und klar: Schlafsack, Isomatte, Wanderschuhe und dann los. Die Polin Patrycja erfuhr von unserem Vorhaben und stieg ein, unter der Bedingung, dass wir nicht viel Geld verbrauchen, weil sie das nicht hat. Wir zögerten keine Sekunde, dann hitchhiken wir eben! Und als letzter gesellte sich der Franzose Jean-Bernard dazu, 7 Stunden vor geplantem Aufbruch, sehr spontan, herzlich willkommen. In Gedenken an „Into the wild“, ein Film, den P und C sehr gerne mögen, klebten wir uns Aufkleber mit „Supertramp“ auf die Jacken und los gings. Schier unglaublich, aber mit nur 3 verschiedenen Fahrern schafften wir es von Warschau bis nach Bialowieza (von da aus sind’s 4 km nach Weißrussland). Der Ort ist sehr touristisch aufgebaut, was uns und unseren Geldbeuteln nicht so taugt, und somit fragten wir uns von Haus zu Haus, ob es denn nicht eine Scheune o.Ä. gäbe, in der wir übernachten könnten. Erinnerte ein bisschen an die Weihnachtsgeschichte, die Herbergen waren alle voll. Bis ein Mann auf einem Fahrrad unseren Weg kreuzte. Übrigens hatten wir ausgemacht, dass Patrycja nicht spricht, sondern wir Ausländer versuchen, mit unserem wenigen Polnisch die Lage zu klären. Und so fragten wir ihn, ob er nicht ein Plätzchen für uns wüsste. Er empfahl uns zunächst das erste Hotel am Platze, für das wir allerdings kein Geld hatten. Seine Antwort darauf hin war: Manchmal ist das eh besser ohne Geld“. Damit hat er sich einen Platz in meinem Herzen erobert. Wir sollten ihm folgen, er brachte uns zu Romek, seinem Freund, 77-jaehrig, der in einer kleinen Hütte lebt und uns gastfreundlichst aufnahm. Was wir dort erlebt haben, kann ich nicht in Worten wiedergeben und auch die Fotos schaffen nicht diese unglaubliche Atmosphäre. Soviel sei gesagt, wir waren alle 4 gebannt von dieser Herzlichkeit und Offenheit dieses Mannes, der es liebte, Geschichten zu erzählen, auch wenn wir ihn nur schwerlich verstanden. Mehr dazu gibt’s wohl besser in einem persönlichen Gespräch. Am nächsten Tag nach erneuten Gesprächen bis zum Mittag brachen wir dann auf Richtung Zubry, den Bisons. Es regnete den ganzen Tag, aber unsere Laune war bestens. Und uns war klar, dass wir an diesem Sonntag nicht mehr nach Warschau zurückkehren werden und wollen, sondern noch eine Nacht länger bleiben. Ich denke, wir waren insgesamt 5 Stunden unterwegs, als wir uns zurück in Bialowieza wieder nach einer Unterkunft umsahen. Romek sagte in der Früh zum Abschied, dass wir gerne wiederkommen können, wenn wir denn möchten, und dieses Angebot wollten wir annehmen. Bei ihm angekommen hatte er gerade den Herren, den wir schon vom Fahrrad kannten, zu Besuch, der uns dann wieder einpackte und mit zu sich nahm. Und dort erwartete uns noch einmal etwas anderes. Kennt ihr Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“? Die gesamte Situation bei Waldemar, so heißt der Mann, erinnerte mich stark an den „Nichtraucher“ in Kästners Buch. Die Hütte, in der er lebte, hat er sich selbst gebaut aus Holz, in einem kleinen Raum, in dem er schläft, ist ein Ofen, mit dem er heizt. Er hat dort keinen Strom und kein fließend Wasser. Aber er hat unglaublich viele Bücher, Dostojewski, Czechow, Milosz, französische Philosophen, Goethe... unglaublich. Er kochte uns heißen Minztee mit Minze aus seinem Garten, damit wir uns aufwärmen konnten (wir waren inzwischen doch durchgefroren und klitschnass) und bei einer Partie Schach gegen Alessandro und Jean-Bernard versanken wir in dieser Traumwelt. Wir erwachten ziemlich schnell daraus, als wir ins Bett gingen. Neben seinem Hauptraum hat Waldemar einen kleinn Verschlag, in dem ein Bett steht und eine Art Dachboden, den wir als „Hochbett“ nutzen konnten. Allerdings war der Raum eiskalt, mein Thermometer zeigte 5°. Und die Jungs waren leider nicht sonderlich gut ausgestattet, was ihre Schlafsäcke anbelangt. Waldemar gab uns noch einige Decken und wir nutzten jeden Fetzen Stoff, den wir finden konnten, Biwacksack, Rettungsdecke. Für uns Mädels war die Nacht kein Problem, wir kuschelten uns eng aneinander und schliefen sehr gut. Die Jungs jedoch machten kein Auge zu, da es einfach zu kalt war für sie. Ich bin froh, dass keiner ernsthaft krank geworden ist, aber das war schon ne ganz schön extreme Nacht da! Der nächste Morgen begrüßte uns mit einem wohlgestimmten Waldemar, der draußen am Holzofen stand und heißen Tee für uns kochte, Wasser zum Waschen wärmte, ein Frühstück a la Waldemar zubereitete. Er erzählte uns, dass seine Frau und er heute Hochzeitstag haben. Seine Frau ist am 28.12.2008 verstorben, aber der Tag war noch immer sehr wichtig für ihn. Und wir gewannen den Eindruck, dass er sehr froh war, den Tag mit uns zu verbringen. Wir begannen, Fussball mit ihm zu spielen. Nach einer Zeit packte er eine selbstgebaute „Zielscheibe“ aus, auf die wir dann mit Pfeilen, Äxten und Messern Marke Eigenbau warfen und herzlich und viel lachten. Bis die Zeit kam, nach Hause aufzubrechen. Es war schließlch schon Montag und wir noch immer sehr weit von Warschau entfernt. So war das Ende durchaus wieder wehmütig, weil sich keiner von uns so richtig losreißen wollte von diesem Märchen. Und der Rückweg an sich machte es uns auch schwer. Es lief nicht ganz so glatt von der Hand wie die Anfahrt nach Bialowieza, wir standen viel im Regen und wir mussten uns dann doch irgendwann aufsplitten in 2er Gruppen, weil dann die Chancen einfach besser sind, als Anhalter mitgenommen zu werden. Irgendwo unterwegs verlor ich dann noch mein Telefon und bin somit im Moment also fernab der Kommunikationsmöglichkeiten, da das Internet in meiner Wohnung auch noch nicht funkitoniert. (Das dauert noch bis naechste Woche, war der neueste Stand der Dinge...) Wie dem auch sei, wir vier, die wir unterwegs waren, sind an dieser Reise durchaus gewachsen. Bei einem gemeinsamen Abendessen haben wir uns gleich die Bilder angesehen, bevor ich heute wieder in den strikten Uni-Alltag eingestiegen bin. Kaum zu glauben, dass dieser Traum stattgefunden hat und nun wieder vorbei ist.... keine Ahnung, ich glaube, man kann das als Aussenstehender nicht so ganz nachvollziehen. Da müssen wir dann vielleicht mal drüber quatschen...
Es grüßt herzlichst und verträumt,
TramperElla















Mittwoch, 7. Oktober 2009

a few lines i recently ran over

"But, the Eastern intellectual asks, what goes on in the heads of the western masses? Aren't their souls asleep, and when the awakening comes, won't it take the form of Stalinism? Isn't Christianity dying out in the West, and aren't its people bereft of all faith? Isn't there a void in their heads? Don't they fill that void with chauvinism, detective stories, and artistically worthless movies?Well then, what can the West offer us? Freedom FROM something is a great deal, yet not enough. It is much less than freedom FOR something." - C. Miłosz, "a captive mind"

Lodz, die erste...

Das kann viel bedeuten.
Lodz, die erste Woche zum Beispiel. Die ist vorbei. Jetzt kann ich mich halbwegs orientieren in der Stadt. Schon wirklich ganz nett, möchte ich sagen, wenngleich auch sicherlich nicht vergleichbar mit den westlichen Ortschaften, in denen ich bisweilen zu Hause war. Aber ich finds einfach schön, wenn man aus so ’ner einfachen Bude am Gehsteig Strumpfhosen kaufen kann. Hat ’nen ganz eigenen Charme, meine ich.
Lodz, die erste Straftat: ich bin gerade online, aber diesmal nicht in einem Internetcafe, sondern über ein WLAN Netzwerk, das mein Rechner hier im Haus gefunden hat. Bin mir nicht so ganz sicher, inwieweit das eine Straftat ist, und bin mir auch ebenso wenig sicher, wie lange die Verbindung hält :-)
Lodz, die erste richtig nette Begegnung. Lange hats gedauert und ich fragte mich schon, was ich wohl falsch mache hier, aber inzwischen kenne ich immerhin schon einen netten Schotten, der mir dann auch gleich zu einem weiteren Ersten Mal verholfen hat:
Lodz, die erste richtig gute Kneipe. Dunkle, alte Holzmöbel, gutes Bier, gute Musik (la Môme), vor den Klos Kinositze. Urig irgendwie und ein bisschen künstlerisch. Taugt mir tatsächlich sehr gut.
Lodz, die erste Vorlesung: seit Montag bin ich wahrhaftig Studentin hier! Mein Stundenplan besteht bisher aus Surgery, Vorlesung und Praxisseminar, Public health, Pediatrics (Vorlesungen und Praxisseminar), Internal medicine (Vorlesung und Praxisseminar) und Polisch-Sprachkurs. Ist jetzt nicht so bombig viel zu tun, meine ich, aber ich kann nix zusätzlich belegen, weil das Studium hier anders organisiert ist als bei mir daheim: Wir haben hier nicht jede Woche die gleichen Vorlesungen, sondern vielmehr Block-Veranstaltungen. Somit besteht der Monat November für mich hauptsächlich aus Chirurgie, der Januar vornehmlich aus Pädiatrie, Dezember wird voll sein mit Innere. Diese Praxisblocks sind dann auch zeitintensiv, jeden Tag von 8 bis 15 Uhr. Weitere Veranstaltungen (ich würde sehr gerne Gyn machen...) kann ich also nicht belegen, weil ich zu diesen den Blockseminar-Zeiten bereits andere Veranstaltungen habe. Schade, aber nicht allzu schlimm.
Um die vielen Lücken in meinem Stundenplan zu füllen, habe ich mich inzwischen auch schon daran gemacht, meine Pläne zu verwirklichen, und hier ein bisschen was geisteswissenschaftliches zu lernen. Nach anfangs etwas verwirrt-fragenden Blicken im Studentenbüro der Fakultät für Politik und Soziologie wurde mir sehr freundlich weitergeholfen bei meiner Suche nach Vorlesungen, die in meinen Studenplan passen können. Klar ist noch nichts, da das akademische Semester an dieser Fakultät erst nächste Woche beginnt, aber ich bin optimistisch.
Außerdem sehr interessant an meinem Studium hier: Unser Semester umfasst 25 Studenten. Und mir wurde gesagt, dass das eine große Klasse ist. Aha, ähm, in Erlangen sind wir 170, und das ist in Deutschland noch eher klein, stimmts? Ich finds jedenfalls eine sehr angenehme, familiäre Lehrsituation.
Lodz, die erste Verschiebung der Perspektive: hängt auch mit meinem Studium zusammen. In meiner Klasse sind fast nur Nigerianer, Inder und Norweger, die jedoch den Gesichtszügen zu urteilen alle Vorfahren im Iran o.ä. haben. Insofern bin ich außer einem Schweden die einzig hellhäutige im Vorlesungssaal bzw. Klassenzimmer. Heute sind noch 6 Erasmus-Franzosen dazugestoßen, die sind auch hellhäutig. Aber wirklich mal wieder erfrischend, in diese Rolle zu schlüpfen. Das letzte Mal, dass dem so war, ist ja doch wieder ne Weile her inzwischen. Indien...
Lodz, die erste Einsamkeit. Wie oben schon erwähnt, tue ich mich hier nicht ganz so leicht, neue Leute kennen zu lernen. Woran das liegt? Keine Ahnung, ich meine, ich bin hier nicht weniger umgänglich als in Warschau oder als ich sonst wo auf der Welt war. Mh, ich denk mir einfach mal „Gut Ding will Weile haben“ und vertröste mich auf später... Oder ich hangle mich von Wochenende zu Wochenende. Am Freitag nämlich geht’s nach Warschau, weil ich am Samstag mit Alessandro in einen Naturpark an der Grenze zu Weißrussland düsen werde, um da ein bisschen im europäischen Urwald zu flanieren und Bisons anzukucken. Und wenn das Wetter nicht unter aller Sau ist, dann werden wir da auch zelten. Jipppiieeee, mal wieder draußen aktiv sein!

So, das wars schon wieder. Sobald ich noch ne bessere Zugangsmöglichkeit zum Internet gefunden habe, gibt’s auch wieder ein paar Bildchen aus meinem Leben hier, nicht nur von der Stadt, sondern auch von meiner Wohnung, in der ich lebe. Ach ja, was diese abelangt, so habe ich gestern erfahren, dass wir da, wo jetzt die Küche ist, ein weiteres Badezimmer bekommen (eins ist doch n bissl wenig für 7 Leute). Dafür kommt die Küche mit ins Esszimmer. Hab ich nix dagegen! Bin mal gespannt, wann das losgeht. Als ich den Vermieter gefragt habe, antwortete er mir „juz“. Das heißt eigentlich, dass der Umbau quasi schon angefangen hat. Nur seh ich davon noch nix :-)

Und übrigens muss ich diesen Text doch im Internetcafe hochladen, meine Netzwerkquelle hat sich soeben verabschiedet...



btw, this is what lodz is like, parts of it: http://www.youtube.com/watch?v=xT20zaOIJxg

Freitag, 2. Oktober 2009

Raz, dwa, trzy – POLSKAAAAAAAAAA biało czerwoni

Fürs Wochenende hat mich Anja zu sich nach Hause eingeladen, Sieradz heißt der Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Das ist ca 1,5 h von Lodz entfernt und ich denke, ich werde dieses Angebot annehmen. Dadurch ändern sich meine Pläne leicht und ich werde doch nicht das Halbfinale und Finale der Damen-Volleyball-Europameisterschaft in Lodz sehen, aber diese nette Einladung ist mir doch wichtiger als der Sport. Den habe ich dafür gestern schon mitgenommen! Waren zwar noch Zwischenrundenspiele, aber nicht uninteressant. Russland gegen Niederlande als erste Begegnung und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob die lauthalse Unterstützung der Niederländer durch das nahezu ausschließlich polnische Publikum daher rührte, dass die polnische Mannschaft dadurch leichter ins Halbfinale einziehen kann oder ob es die offensichtliche Abneigung gegen Russland war. Mh, das sollte ich noch rausfinden. Oder weiß jemand, ob der Sieg der Niederländerinnen etwas an der Ausgangssituation der Polinnen geändert hat?
Beim zweiten Spiel dann brannte die Bude, um das mal so salopp auszudrücken. Polen gegen Bulgarien, die ganze Halle war voll, weiß und rot. Emotionen pur bei den Zuschauern, volle Kehlen singen, wunde Hände klatschen und verrückte Adler fliegen. Abgefahren. Und alle liegen sich in den Armen, als der Sieg (unerwartet) errungen ward. In meinen Augen war die bulgarische Mannschaft die bessere, aber eben nicht zu Hause. Alwin, Daniel, wenn ihr über Spielereinkäufe nachdenkt, dann kann man schon mal in Polen kucken gehen. Allerdings würde sich ein Blick nach Bulgarien noch eher lohnen, meine ich. Fantastische Blockspielerinnen, da sollte ich mal in die Schule gehen. Schier unglaublich, was für Wände die am Netz aufbauen!
Nachdem ich ja nun unerwartet noch ein paar Tage frei habe, genieße ich es, durch die Stadt zu schlendern, wenn sich nicht gerade Wolkenbrüche über Lodz ergießen. Im Englischen sagt man „it’s raining cats and dogs“, ich muss unbedingt das polnische Pendant dazu herausfinden... Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass Lodz keine so hässliche Stadt ist wie ich viele Stimmen hab sagen hören. Keineswegs! Industrie klar, und der Anblick beim Ausstieg aus dem Zug ist auch wirklich nicht schick, aber es gibt viele Grünflächen und etliche Straßenzüge oder –abschnitte, die einfach schön anzusehen sind. Und es gibt viele tolle Sachen in der Stadt: da ist zum Beispiel Hollylodz (hier kommt die Aussprache des polnischen ins Spiel: wenn man den Stadtnamen richtig ausspricht, dann heißt das nämlich „hollywoodsch), der polnische „Walk of fame“ in der Piotrkowska-Straße, der berühmten und einladenden Weggeh-Meile (bzw 5km) und Dreh-und Angelpunkt der Stadt. Ich muss gestehen, dass mir die meisten der dort in Sterne eingravierten Namen nichts sagen, außer Andrzej Wajda und Roman Polanski. Ich war ja am überlegen, ob ich Handschellen auf seinen Stern legen soll, allerdings hatte ich gerade keine einstecken. Dann gibt es da 12.859 Pflastersteine mit den Namen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Lodz zur Jahrtausendwende. Viele Denkmäler von berühmten Leuten, z.B. Artur Rubinstein, der an seinem Flügel sitzt und in die Tasten haut, natürlich ein Stück von Chopin aufgelegt. Oder, und das mag ich besonders, jenes von Julian Tuwim, der auf einer Bank sitzt und seinen Gedanken nachhängt. Tuwim hat verrückte Gedichte geschrieben, die auch mich angesprochen haben: er vermag es, mit seinen Worten Musik zu machen. So hörte ich Gedichte von ihm rezitiert mit den Namen „lokomotywa“ und „Radio der Vögel“. Unglaublich, wie lautmalerisch die polnische Sprache ist. Wenn man Tuwim hört, meint man, es fährt ein Zug neben einem ab, oder man befindet sich im Vogelhaus im Zoo.
Am anderen Ende der Piotrkowska-Straße befindet sich der „Platz der Freiheit“ – plac wolnosci. Mädels, habt ihr noch den „plat unirii“ in Bukarest in Erinnerung? Ungefähr 10mal kleiner, aber so vom Erscheinungsbild her das selbe.
So, das wars mal wieder, ich bin ja grad doch eher fleißig am Schreiben, wer soll das denn alles lesen?!

Pozdrawiam serdecznie,
- chrissi

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Jestem w Łodzi

huiuiui, eine intensive Zeit in Warschau liegt hinter mir. Ein Monat voll Sprachkurs (mehr oder weniger), aber wohl vor allem ein Monat voll mit Begegnungen, die meine Zeit dort so sehr bereichert haben. Ich glaube, diese wertvollen Momente waren es, die mein Gepaeck ebenso wie mein Herz so schwer machten, als ich am Dienstag in den Zug sprang, um gen Łódż aufzubrechen.
Am Montag erhielten wir in unserer Schule in einer offiziellen Zeremonie unser Sprachzeugnis und abends genossen wir die letzten Stunden gemeinsam in unserem Wohnheim: wir EILCler luden zum europaeischen Abend, jede Nation hat ein Gericht aus der Heimat zubereitet. Somit fanden wir uns in einem Berg von leckerem Essen wieder und plauderten bis spaet in die Nacht. Ein rundes Ende, wie ich meine. Und teil eins meines Projektes ist abgeschlossen: ich habe gelernt, wie man "Kruski leniwe" (oder so aehnlich) zubereitet. und ich muss gestehen, wieder einmal bin ich den Speisen dieses Landes verfallen. JA, ich mag Bigos und JA, ich mag Pierogi, und JA, ich mag diese Pfannkuchen, deren Namen ich mir partout nicht merken kann und JA, ich mag auch diese Brotkringel, die man sich um den Hals haengen kann und und und...

In Łódż habe ich meine WG bezogen, wo so langsam alles anlaeuft. Die anfaengliche Zurueckhaltung meiner Mitbewohnerinnen bricht allmaehlich auf, gestern hatten wir schon einen ersten Maedels-Abend im Wohnzimmer mit Musik, Tratsch und Klatsch und heissem Tee. Mein Mietvertrag ist unter Dach und Fach und auch in der Uni ist alles scheinbar geklaert. Ich wurde dort sehr herzlich empfangen, nachdem ich die Tuer des Zimmers Nr 24 zoegerlich oeffnete und mit fragendem Blick daherstammelte, ob dies das Buero fuer internationale Angelegenheiten sei, toente mir aus 4 Kehlen ein kraeftiges "Ja, und du musst Christina sein" entgegen. Wow. Nach einigem Geplaenkel und Stundenplan-Bastelei ging das Gespraech recht schnell auf die Frage zu, weshalb in aller Welt ich denn łódz als Erasmus-Stadt ausgewaehlt habe, ich sei die erste Studentin aus ganz Deutschland, die es hierher verschlaegt. Schluck. Oh, i better behave well here... Gruende fuer Lodz gibt es nicht sooo viele, es ist halt die einzige Partneruniversitaet, die wir in Polen haben. Fuer Polen gibt es einige Gruende. Und ich glaube, wohl fuehlen kann ich mich vielerorts, schliesslich sind es fuer mich hauptsaechlich die Menschen, mit denen ich zu tun habe, die einen Ort fuer mich lebenswert und angenehm machen. Aber das wisst ihr ja bereits alles.
So, ich habe noch bis naechste Woche frei, das heisst, ich werde jetzt mal versuchen, Ueberblick ueber die Stadt zu erhalten und vielleicht kriege ich ja noch Tickets fuer die Volleyball-EM, die zur Zeit in meiner Stadt gespielt wird :-)
herzlichst,
- chrissi

Samstag, 26. September 2009

nachtrag

ein kleiner überblick über das wohnheim, in dem wir die meiste zeit unseres EILC-Kurses gelebt haben. Definitiv ein Ort, an dem Grundsteine gelegt werden. Wofür, kann jeder für sich selbst entscheiden.
http://www.youtube.com/watch?v=JcH5GWbk6_8

Donnerstag, 24. September 2009

...pada deszcz...

nein, es regnet nicht, aber das ist der titel des liedes, das im hintergrund meiner neuesten eindrücke läuft, weils ziemlich schön ist und den regen zu was einladendem macht. so, wie man die welt des öfteren mal betrachten könnte, wenn man grad gut drauf ist, so wie ich ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=npKp9TUwUmw

Montag, 21. September 2009

jeszcze bezchmurne niebo!

"Ich stelle mir dein Polen vor und was du mitgebracht hast von dort; direkt auf einen Menschen zugehen; nicht heucheln und nicht intrigieren... Ich stelle mir dein Polen vor und was Dir da alles doch verloren ging... Da muß etwas sein, das ich überhaupt nicht kenne..."

G. Schramm zu seiner Frau,
die für ihn Polen verlassen hat und nach Deutschland ging.

Ein sehr ernster und nachdenklicher Einstieg in einen neuen Post. Liegt vielleicht daran, dass ich dieses Wochenende mit zumindest halbwegs ernsten Gedanken abgeschlossen habe. Hat sehr gut getan, zur Abwechslung ;-). Nach einem kulturreichen Wochenendprogramm beschloss ich den gestrigen Abend nämlich mit einem Gottesdienst in der St. Anna Kirche in der Altstadt Warschaus. Gut, dass ich mit der Liturgie halbwegs vertraut bin, so konnte ich dem Rahmen des Gottesdienstes folgen, das Gebilde, das dieser Rahmen umspannte, waren jedoch meine ureigensten Gedanken. Ich war sehr erstaunt, so viele junge Menschen zu sehen, Sonntag Abend um neun in der Kirche. Sehr angenehme Atmosphäre. Das Skateboard brav an die Wand gelehnt, den Rucksack zu den Füßen gestellt und als endgültig kein Platz mehr war, dann fand man eben einen auf den Stufen des Marienaltars. Wow, Katholizismus in Polen hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt, eher so Richtung bieder. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren! Ich enthülle also von Zeit zu Zeit etwas, das da ist, ich aber überhaupt nicht kenne in diesem Polen. Sehr hilfreich dafür auch die heutige Vorlesung über polnische Literatur mit ihrem Schwerpunkt in der polnischen Romantik, die Grundlage der Moderne hierzulande. Interessante Diskussion mit den Franzosen, die gerne die Aufklärung, und Deutschen, die lieber die Klassik als Grundlage des modernen Lebens sehen möchten.

Ansonsten kann ich sagen, dass ich das Erasmus-Dasein manchmal auch echt anstrengend finde :-) diese ständige rumfeierei, das kann einem echt die letzte Energie rauben! Aber da gehts uns ja allen gleich, uns armen Studenten in einem fremden Land. Aber ich trage diese Crux gerne.

Und, wusstet ihr, dass es hier ganz in der Nähe von Warschau ein kleines Versailles gibt? Wilanów heißt der Ort, an dem ein sehr prunkvoller Bau eines polnischen Königs als Geschenk an seine geliebte Frau (übrigens eine Französin) in den blauen Himmel ragt. Ich persönlich wollte darin zwar nicht wohnen, dafür bin ich zu wenig Prinzessin wie wohl jeder weiß, aber schon ein schönes Plätzchen zum kurz- bis mittelzeitigen Verweilen! Gleich nebenan befindet sich auch das Museum für Werbe- und Filmplakate. Klingt nicht sonderlich spannend, ist aber doch ganz witzig. Wie witzig, könnt ihr hier sehen:



Was mir hingegen eher taugte zum längerfristigen Zelte-Aufschlagen ist das Gelände der "Ja Wisla"- Organisation, die sich den Schutz und Erhalt der Wisla (Weichsel) bzw der Natur im Allgemeinen zum Ziel gesetzt hat. Und diese Organisation lädt jeden Sonntag am frühen Abend zum Trommeln auf nem Boot ein. Ich sag mal, ein sehr kontemplativer Zeitvertreib, wenn man sich denn darauf einlässt. Ich habe mich eher darauf beschränkt, meinen ureigenen Rhythmus auf die Trommeln zu transferieren und die anderen Leute zu genießen. Verschiedenste Menschentypen, die eines gemeinsam haben: einen sehr weichen und einladenden, aufgeschlossenen Blick in ihren Augen. Echt angenehm. Am Ufer der Weichsel brennen Lagerfeuer und wieder einmal kann ich den Geruch nach Rauch in meiner Fleecejacke auftanken - er wäre mir schon beinahe abhanden gekommen.

Was mich sehr beeindruckt und Freude durch meinen Körper rauschen lässt: wochenends sind die Straßen Warschaus gefüllt mit Musik. Gitarristen, Violinisten, Sängerinnen und vor allem Akkordeonspieler. Ich verneige mich tief vor der Virtuosität so manches Schifferpianisten. Da sind doch tatsächlich zwei Künstler, die Bach'sche Fugen auf der Quetsche zum Besten geben. Respekt, das klingt sooooo schön!

Und übrigens, die Spur der Kinder des Glücks ist unübersehbar hier zu erkennen: heute Morgen fahren die Straßenbahnen nicht wegen Reparaturarbeiten. Zu blöd, dass wir erst um kurz vor 9 das Wohnheim verlassen (um neun geht der Unterricht los, wir fahren normalerweise 6 Minuten mit der Tram und laufen dann nochmal 10). Schön wiederum: schon das dritte Auto, bei dem wir den Daumen raushalten, stoppt neben uns und gibt uns nen lift zu unserer Uni. jippijeijeeeaaaah, das erste mal "getrampt" hier, wenn auch nur ganz kurz.

so, zum Schluss noch ein paar Fotos und nen dicken Kuss!










Mittwoch, 16. September 2009

Stille im Weltall

es ist wieder an der Zeit und auch die Umstände lassen es zu, dass ich meinem "medialen mitteilungswillen" freien lauf lasse. was ist passiert in den letzten tagen? nun, einige versäumnisse auf seiten der organisatoren dieses sprachkurses hier haben dazu geführt, dass ich von Freitag bis Dienstag eine neue erfahrung in meinem leben machen durfte. die ganze truppe hier musste in ein anderes wohnheim ziehen. klingt nicht sonderlich spannend, war allerdings wirklich was zum gewöhnen. ich selbst fand es wirklich eindrucksvoll, einige andere aus unserer gruppe allerdings so untragbar, dass sie es vorgezogen haben, für diese 5 Tage in ein hostel umzuziehen. ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich kann mir schon vorstellen, dass so einige Wohnheime hier so oder so ähnlich aussehen. Gökcan, eine junge Frau aus unserer Truppe, war gestern z.B. im Wohnheim der Politechnika Universität und wünschte sich, als sie von dort zurückkam, dass sie in jenem Bau verbleiben dürfe, den wir nur für kurze Zeit unser Heim nannten (andere bevorzugten den namen gulag...). jedenfalls empfand ich es schon als eine spannende erfahrung, so zu leben. hat mich irgendwie auch an meine zeit in dem rumänischen krankenhaus erinnert. ich bitte darum, mich nicht falsch zu verstehen. ich möchte mich nicht beschweren über dieses wohnheim, ich schätze mal, ich bin wohl eher eine derjenigen, die damit am besten klar kam, vielleicht, weil ich es nicht verurteilt sondern einfach erlebt habe. es ist aber einfach nicht das, was wir in deutschland, frankreich, spanien, türkei, finnland, schweden, italien darunter verstehen, die gesichter und kommentare meiner Gruppe hier sprechen bände darüber. und eines möchte ich sicher auch nicht: das ganze hier in misskredit bringen. das wohnheim, in das ich gestern wieder zurückziehen durfte, ist um klassen besser und wirklich gut bewohnbar! also, macht euch bitte kein falsches bild von meinem wunderbaren polen. aber ich möchte auch keine fakten verstecken. deshalb hier der link zu einem video, das unser gulag zeigt: http://www.youtube.com/watch?v=gNsc6IzoPP8

mh, ich weiß nicht, ob ich mich mit diesem post so ganz gut fühle... aber ich denke, ich habe auch schon andere, wunderschöne seiten meines polens veröffentlicht, und ich bin mir sicher, dass noch viele weitere folgen werden, insofern agiere ich hier nicht polemisch, oder wie seht ihr das?


am sonntag war wahrlich ein tag, an dem die sonne schien für mich in mehrerlei hinsicht: ich brach nach lodz auf, um mir ein heim zu suchen und hatte erfolg! jene wg, von der ich bereits schrieb, werde ich in bälde als meine adresse nennen können und freue mich irre darauf. und auch eine tolle sache: ich habe es geschafft, mir alleine auf polnisc ein rückfahrticket nach warschau zu kaufen. klingt nach einer kleinigkeit, die es wohl auch ist, aber für mich hier ist das ein erfolgserlebnis, wie balsam für die seele. und noch viel besser: in meiner polnisch-sprech-übung-euphorie habe ich dann sogar rasufinden können, dass der zug, in dem ich saß, nicht nach warschau fährt, sondern richtung krakau aufbricht, insofern hat mir mein übe-drang also auch noch geholfen ;-).


in dieser woche ist nun theater-workshop angesagt und wir werden hochkarätig betreut. die herausforderung: die übungen, die wir machen, erfordern unser multitasking: wir müssen uns eigene plots und settings zu vorgegebenen themen überlegen und auch die texte selbst erfinden - po polsku, oczywiscie. (da hilft uns aber jemand, damit der grammatik auch tribut gezollt sei...) ach so, und das ganze dann natürlich noch performen. wie ihr euch vorstellen könnt, macht mir das ziemlich spaß :-) !


uff, genug der neuigkeiten so far, würde ich sagen, hm?!


herzlichste grüße aus dem 'melting pot' dom studencki męsik!

Donnerstag, 10. September 2009

W szczebrzeszynie chrzaszcz brzmi w trzcinie

viel passiert die letzten tage, was ich euch wissen lassen möchte. erstmals hat sich bei mir eine enttäuschung eingestellt, der grund dafür womöglich ist im titel dieses eintrages zu erkennen. mühsam ernährt sich das eichhörnchen, das ist mir sicherlich klar. und im unterricht sind auch kleine fortschritte zu verzeichnen. aber in meinem alltag hilft mir das leider gar nicht weiter. womöglich weiß man schon, dass ich angefangen habe, hier in einer recht guten volleyballmannschaft mitzuspielen. macht mir irrsinnig spaß, und die knie halten bisher auch, toi toi toi. aber was nicht hält ist meine geduld mit mir selbst. insbesondere heute überkam mich eine welle von genervtheit, weil ich selbst das gängige volleyball-vokabular nicht auf die reihe bekomme. geschweige denn, dass ich verstehe, was der trainer sagt. oder dass ich was sagen könnte. mpfh. volle knäcke enttäuschung. ich versuche ständig, mich daran zurückzuerinnern, wie das in rumänien war. ich erinnere mich nicht. eines tages konnte ich es einfach. auch so kleine, nette floskeln. ein paar witzchen. das fehlt mir so.

andererseits was gutes: am sonntag fahr ich mit theo nach lodz und schau mir ne 6er wg an! ich hoffe, dass das mit dem zimmer klappt, dann würde ich nämlich tatsächlich mit muttersprachlern zusammenwohnen! also, wenn ihr zeit habt, drückt mir doch bitte die daumen!

wahnsinn, drei sätze mit ausrufezeichen am ende. das muss mich ja wirklich richtig bewegen. ausgebessert wird nix, alles bleibt.

und dann habe ich noch zwei mitteilungen an die welt:
pierwsza: ich habe eine kleine zusammenstellung einiger eindrücke meines lebens hier online gestellt. wer also mag, polen 1 ist abrufbereit unter: http://www.youtube.com/watch?v=6Dq_l56ZFfc

druga: im unterricht singen wir ständig ein Lied, von dem mich ein ganz bestimmter teil so ziemlich ständig begleitet drinnen in meinem kopf, wenn die sonne scheint und auch wenn sie nicht scheint. ratet doch mal, welcher teil das ist, wenn ihr zufällig auf folgendes lied stoßt: "Ktos mnie pokochal" ( http://www.youtube.com/watch?v=AShemiKUajc )

Sonntag, 6. September 2009

no regrets - no resets

warszawa orange festival mit wunderbarer musik: razorlight, mgmt, groove armada... sehr zum schwärmen und genießen. und auch noch ein jüdisches festival nahe Swietkorzyska, ein schier unglaubliches flair. wir haben vieles ausprobiert, aufregend, neu, mindblowing.
aber eines wird mir klar. some things never change. egal, wohin ich gehe, das meiste bleibt bestehen. no resets. there's things you just have to deal with. aber auch: no regrets. besser, ich nehme es so, wie es war und ist und bleiben wird. insofern: witamy w wisdom. dobranoc.

Donnerstag, 3. September 2009

My new field of studies: International relations

Wobei, vielleicht ist das gar nicht so neu für mich, aber immer wieder spannend: Die Beobachtung des Verhaltens verschiedener Nationen (und natürlich auch Charaktere, aber das ist dann was psychologisches) in einer „Feldstudie“. Konklusionen gibt’s vorerst mal keine, aber eine Menge Thesen oder zumindest Gedankenansätze.
Was fällt mir zuerst auf: Franzosen: eine sehr offene, nette Truppe, die sich immer wieder gerne unter andere Nationalitäten mischt und eifrig Fremdes aufnimmt. Eher ein ruhigerer Menschenschlag, der allerdings nicht im Hintergrund verschwindet, sondern vielmehr durch ein gewisses savoir-vivre und Charme stets präsent ist.
Finnen / Schweden werfe ich mal in einen Topf: Ich stelle fest, dass hier ein übermäßig großes Freak-Potential vorherrscht. Nicht unbedingt unangenehm, aber echt schräg. Ein unsagbar wertvoller Aspekt: durch die Freakigkeit bringen sie mich immer wieder zum Schmunzeln oder Lachen, und nicht nur ich muss an mich halten, sondern auch viele andere. Somit würde ich sagen, sie sind bisher die besten Brückenbauer, die ich getroffen habe, wennngleich auch sicherlich auf unpersönliche und ungewohnte Weise.
Spanier: In meinem Fall zwei zurückhaltende Beobachtungsobjekte, die als Pärchen harmonisch auftreten und sich langsam rantasten an die Gruppe. Womöglich auch bedingt durch einen doch merklichen Alterunterschied (immerhin Ende 20) zum Rest der Bande führen wir ziemlich ernsthafte und gute Gespräche, soweit das mit der wohl doch eher klassisch spanischen Fremdsprachenausbildung möglich ist.
Türken: Ein Haufen für sich. Die Jungs sind ziemlich offensiv, was ihre Annäherungsversuche an die Frauen der Gruppe anbelangt, was ich persönlich eher anstrengend finde, andere wiederum mit offenen Armen annehmen, aber da soll mal jede / r machen was er / sie will. Unter uns ist jedoch keine andere Nationalität, die so viel von ihrer Heimat erzählt wie die Türken. Ständig werden uns türkische Wörter beigebracht, türkisches Essen gekocht, türkische Nationalhelden genannt. Ein bisschen frage ich mich schon, wozu man ins Ausland geht, wenn man sich dann doch alles so einrichtet wie zu Hause?! Das finde ich shon auffällig und mitunter auch anstrengend, da ich ja hauptsächlich hier bin, um ins Polnische reinzuschnuppern. Nichtsdesto trotz sind auch irrsinnig nette und unterhaltsame Typen dabei und ganz liebe Mädels. Interessanter Aspekt auch: Wie Grundschüler das eben so machen, haben wir über die Berufe unserer Eltern gesprochen, und bei 100 % (!) der türkischen Erasmusianer gingen die Väter einem Beruf nach und die Mütter waren zu Hause. Diese Spuren von Patriarchat wie ich es nennen möchte meine ich auch im Verhalten der Mädchen wiederzuerkennen. Spannend spannend.
Die Gruppe der Deutschen ist für mich natürlich noch weniger objektiv zu beschreiben als alle anderen. Verzichte ich deshalb darauf? Mh... Freaks sind bei uns schon auch dabei, mancher einfacher zu nehmen als andere. Und Aufreißer gibt’s auch. Und Brückenbauer auch. Dabei möchte ich es mal belassen.

Montag, 31. August 2009

I did it!


Längst ward die Zeit gekommen, dass ich dem heimlichen Schwur nachkomme und der polnischen Friseurszunft einen Besuch abstatte. Ausgestattet mit Wörterbuch gings also dann auf zum schnipp-schnapp-haare-app :-).
In dem Büchlein konnte ich dann so Sachen wie "Haare schneiden, nicht zu kurz, bitte" ausfindig machen und vor mich hin stammeln. Ihren immer größer werdenden Augen brachte ich dann noch das Wort "Abenteuer" entgegen und eine nette ältere Dame klinkte sich schließlich ein. Durch sie, die dem Englischen mächtig war, konnte ich die Friseurin dann wissen lassen, dass ich ihr freie Hand lasse und das ganze auch freiwillig mache. Und DAS ist also das Ergebnis. Gar nicht schlecht, finde ich!

Witamy w Warszawe!


Tag 3 in Warschau, ich check nix :-). Nach einem recht tränenreichen Abschied in München hat sich Hänschen klein nun also aufgemacht und ist tatsächlich in Warschau angekommen. Auf dem Flug haben mich viele Bilder an zu Hause begleitet, die hab ich mal in nem Video zusammengepackt und mit dem Titellied meines Aufbruchs hinterlegt: http://www.youtube.com/watch?v=Uu8OF-RMs6c .
Vom Flughafen aus habe ich mich tapfer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und viel zu schwerem Gepäck zu meiner Unterkunft durchgeschlagen. Dort hat mir dann ein sehr sehr sehr freundlicher Pförtner entgegengelächelt. Ich hätte gerne mit ihm geredet, aber er spricht nur polnisch und ich nicht. mh. aber pragmatisch wie er ist hat er flux zum Telefon gegriffen und nach 10 Minuten geleitete er mich in mein Wohnheim. Erinnert hier alles ein bisschen an Jugendherberge und die gute Nachricht: Wir sind doch nur zu zweit auf einem Zimmer! Kleines Bad ist auch dabei, passt also alles.
Wir sind insgesamt 24 Studenten, die den Sprachkurs besuchen, die meisten hiervon werden dann auch in Warschau bleiben. Viele Leute aus der Türkei, Frankreich, zwei Spanier, ein Italiener, ein Finne, zwei Schwedinnen und fünf Deutsche. Und bei der Charakter-Palette wurde auch ordentlich gemsicht: von schüchtern-zurückhaltend bis hin zu absoluten Freaks mit Psychopathen-Potential ist alles dabei :-) Im großen und ganzen passt die Sache auf jeden Fall, das haben wir gestern Abend schon recht asuführlich in der institutseigenen Kneipe herausgefunden.
Und heute: Sprachkurs. Krass. Nur polnisch. Voll witzig, diese Herausforderung, aber ich habe richtig Feuer gefangen. Ob das klappt, diese Sprache zu lernen, steht noch in den Sternen, aber Motivation gibts auf jeden Fall viel!

Das wars erstmal, mal schauen, was noch so passiert!

Montag, 10. August 2009

kurz bevor der Startschuss fällt...

Hai ihr Lieben!

bald ist es soweit und die Weite Polens ruft mich. Inzwischen ist der "letter of acceptance" in meinem Briefkasten gelandet und somit alles unter Dach und Fach gebracht, was die Bürokratie anbelangt. Jetzt nur noch son bisschen Wohnung ausräumen, Freunde verabschieden und Sachen packen, dann gehts ab in den Traum des "Nichts-Verstehens".